Herbst 2022

IHK-Konjunkturbericht: Südhessische Wirtschaft vor der Rezession

Situation in Deutschland

Die Belastungen durch Corona und gestörte Lieferketten sind noch nicht vorbei, da sorgen Ukrainekrieg und Energiekrise für zusätzliche Belastungen. Vor allem energieintensive Wirtschaftszweige ächzen unter den explodierenden Energiepreisen. Investitionen werden verschoben, die Produktion gedrosselt, und auch im internationalen Wettbewerb kommen deutsche Unternehmen wegen hoher Energiekosten ins Hintertreffen. Gesamtwirtschaftlich führen Inflationsraten von rund zehn Prozent bei Verbrauchern zu Kaufkraftverlusten, das Realeinkommen sinkt. Dies drückt das Verbrauchervertrauen auf ein historisches Tief und sorgt für Kaufzurückhaltung. Gleichzeitig erhöhen die Notenbanken auf breiter Front die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen. Das ist ihr Mandat, aber der Preis der Inflationsbekämpfung ist bekannt: Die Finanzierungskosten für Unternehmen steigen mitunter deutlich. Mit einem 200-Mrd-Euro-Paket und einer Gaspreisbremse hat die Bundesregierung vor kurzem Entlastung angekündigt. Das Maßnahmenpaket ist aber erst in Umrissen erkennbar. So wundert es nicht, dass nahezu alle konjunkturellen Frühindikatoren wenig Gutes verheißen. Laut Prognose der Bundesregierung wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2022 nur um 1,4 Prozent wachsen, 2023 sogar um 0,4 Prozent sinken.

Entwicklung in Südhessen

Der Konjunkturmotor läuft nur noch auf drei Zylindern. Aktuell beurteilen 27 Prozent aller Unternehmen in Südhessen ihre Lage als gut, 51 Prozent als befriedigend, 22 Prozent als schlecht. Gegenüber Frühsommer gibt der Saldo aus zufriedenen und unzufriedenen Unternehmen elf Punkte ab, er liegt jetzt bei plus fünf Prozentpunkten. Beim Blick auf die kommenden Monate sind die Unternehmen inzwischen sehr pessimistisch. Nur sieben Prozent rechnen mit einer Verbesserung der Situation, 42 Prozent sind davon überzeugt, dass es so bleibt wie es ist. 51 Prozent fürchten eine weitere Verschlechterung. Damit beträgt der Erwartungssaldo minus 44 Prozentpunkte, gegenüber der Vorumfrage gibt er 27 Punkte ab. 
Bei den Investitionen treten die Unternehmen auf die Bremse. Viele Investitionsprojekte werden aufgegeben, weil sie sich bei den aktuellen Energiepreisen nicht rechnen. 28 Prozent der Unternehmen planen Mehrinvestitionen, 39 Prozent wollen kürzen. Damit verliert der Saldo der Investitionspläne vier Prozentpunkte und rutscht tiefer in den roten Bereich. Auch beim Personal wollen die Unternehmen kürzen, trotz strukturellem Fachkräftemangel. Mit Ausnahme der Industrie und dem Gastgewerbe wollen sich alle Branchen von Mitarbeitern trennen. In Zahlen: Nur 14 Prozent der Unternehmen suchen personelle Verstärkung, 25 Prozent planen dagegen mit Personalabbau. Sechs von zehn Unternehmen wollen die Mitarbeiterzahl halten (Saldo minus elf Prozentpunkte, Saldorückgang um elf Punkte).
Ebenfalls negativ sehen die südhessischen Unternehmen das künftige Auslandsgeschäft. 13 Prozent der Betriebe blicken optimistisch auf die künftigen Exporte, 41 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt. Knapp die Hälfte der Unternehmen denkt, dass die Situation so bleibt wie sie ist. Gegenüber der Vorumfrage im Frühsommer gewinnt der Saldo der Exporterwartungen sechs Prozentpunkte, bleibt mit minus 28 Prozentpunkten aber im tiefroten Bereich. 
Der IHK-Geschäftsklimaindex bündelt Geschäftslage und Zukunftseinschätzungen der Unternehmen. Nach einem ersten Ausrutscher im Frühsommer gibt er aktuell noch einmal kräftig ab und verliert 22 Punkte. Mit 76 Punkten liegt er jetzt deutlich unter der Wachstumsschwelle von 100. Damit steht die südhessische Wirtschaft einen Schritt vor der Rezession. Zu den stabilisierenden Faktoren gehören der aktuelle Beschäftigungsrekord, der das Lohneinkommen nominell stützt, ferner das angekündigte Entlastungspaket der Bundesregierung. Ein schnelles Ende der zugrundeliegenden Energiekrise ist allerdings nicht in Sicht.