ACHTUNG! Es werden wieder vermehrt Phishingmails im Namen der Industrie- und Handelskammer Cottbus bzw. der Deutschen Industrie- und Handelskammer versendet. Geben Sie keine internen Daten weiter! Hier können Sie sich informieren.
Nr. 6995372
Generationswechsel als Chance
Nachfolge - das strategische Zukunftsprojekt der Region
Die Unternehmensnachfolge wächst sich zur immer größeren Herausforderung aus und steht für einen Umbruch in der brandenburgischen Wirtschaft. Immer mehr Unternehmerinnen, Unternehmer und Selbstständige der sogenannten Boomer-Generation erreichen das Ruhestandsalter und stehen vor der Frage, an wen sie ihr Lebenswerk übergeben.
In diesem vielschichtigen Prozess steht das vierköpfige IHK-Nachfolgeteam betroffenen Mitgliedern als vertrauensvoller Partner zur Seite und hat dabei noch andere Verbündete im Boot. Laut aktuellem Report der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat sich die Nachfrage nach entsprechenden Beratungen bei den IHKs seit 2020 nahezu verdoppelt. Fast die Hälfte der beratenen Unternehmen erwägt wegen fehlenden Interesses in der eigenen Firma einen Verkauf an Externe. Familiäre Nachfolgeoptionen finden sich ohnehin immer seltener, sie kommen mittlerweile nur noch bei einem Drittel der Fälle zum Zuge.
20.000 Unternehmenslenker über 55
Vor dem Hintergrund einer sinkenden Bevölkerungszahl bis 2040 auf 563.200 Menschen in Südbrandenburg infolge der demografischen Entwicklung und des schmerzlichen Wendeknicks sowie der hohen Zahl an Unternehmenslenkern im Alter über 55 Jahre ist die sich abzeichnende Entwicklung eine gewaltige Aufgabe für die Region und die Kammern. Die IHK Cottbus und Handwerkskammer Cottbus vertreten insgesamt rund 46.000 Mitgliedsunternehmen, von denen fast die Hälfte (20.353) der Inhaber und Geschäftsführer ein Alter über 55 Jahre haben. Der Übergang in den Ruhestand ist bei dieser Gruppe in den nächsten zehn Jahren absehbar und sollte perspektivisch bewusst angegangen werden. Denn im Durchschnitt dauert die Planung und Umsetzung einer Nachfolge bis zu fünf Jahre.
Wer rechtzeitig damit beginnt, habe genügend Zeit, „sich zu informieren, verschiedene Szenarien durchzuspielen, Entscheidungen zu treffen und, falls nötig, noch im Prozessverlauf Korrekturen vorzunehmen“, sagt Rüdiger Denecke, IHK-Projektmanager Unternehmensnachfolge.
Er macht deutlich, dass die Lage im südlichen Kammerbezirk noch etwas herausfordernder sei als im Norden. Während rund um den Flughafen BER im Landkreis Dahme-Spreewald die Bevölkerung eher wächst und der Anteil der älteren Betriebsinhaber geringer ist, stellt sich die Entwicklung in der Lausitz genau umgekehrt dar. Zukunftsängste und der Mangel an Fachleuten – mit Führungsinteresse – erschweren die Lage. Auch außerhalb der eigenen Firma finden Betroffene immer weniger potenzielle Nachfolger.
IHK-Experten begleiten
Gut, dass Unternehmen bei den Kammern auf erfahrene und bestens vernetzte Experten zurückgreifen können. Erst vor ein paar Monaten wurde das vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung geförderte Projekt „Sensibilisierung der Unternehmerschaft für die Unternehmensnachfolge“ bis zum Jahr 2027 verlängert.
Der kostenfreie Nachfolgeservice der IHK Cottbus mit Webinaren und Informationsveranstaltungen, Handbüchern und Online-Tools gibt Orientierung und unterstützt Übergeber als auch Nachfolger ganz konkret mit der persönlichen Beratung. In einem Erstgespräch wird etwa ein Nachfolgecheck durchgeführt, der offenbart, in welcher Phase man sich im Prozess derzeit befindet, welche weiteren Schritte bevorstehen, wie der Unternehmenswert bestimmt werden kann und wie die Chancen auf einen potenziellen Nachfolger stehen. Bei der Nachfolgersuche und im Übergabeprozess können dann weitere Partner aus dem Netzwerk hinzugezogen werden.
Das Team des Nachfolgeservice der IHK Cotttbus um Ronald Hamsch (l.) unterstützt sowohl Nachfolger als auch Übergeber.
Matching-Plattform Nachfolgezentrale Brandenburg
Die seit Oktober 2024 bestehende Nachfolgezentrale Brandenburg ist ein Kooperationsprojekt aller sechs brandenburgischen Wirtschaftskammern und der Bürgschaftsbank Brandenburg, getragen von der Handwerkskammer Cottbus. HWK-Projektleiterin Anja Beck sagt, dass die Unternehmensnachfolge insgesamt „keinen Ausnahmefall mehr darstellt“. Sie sei Kern eines „leisen, aber folgenreichen Umbruchs“ in der Unternehmensdemografie mit Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft der Region, wenn sie nicht gelinge. Über die kostenfreie Matching-Plattform www.nachfolgezentrale-brandenburg.de werden Unternehmen persönlich im regionalen Netzwerk betreut. Algorithmen bringen Profile von abgabewilligen Betrieben und passende Vorstellungen und Qualifikationen von Nachfolgeinteressenten zueinander. Wirtschaftliche, rechtliche und finanzielle Fragen werden hier gemeinsam geklärt.
Lebenswerk-Übergabe als strategisches Zukunftsprojekt
„Die Nachfolge ist weit mehr als ein formaler Prozess – sie ist ein emotionaler Schritt und ein strategisches Zukunftsprojekt“, schildert Anja Beck. „Für Übergebende bedeute sie, „ein Lebenswerk loszulassen, für Nachfolgende Verantwortung zu übernehmen und eigene Vorstellungen umzusetzen“.
Ziel sei es daher neben der Unterstützung im Nachfolgeprozess, einerseits Traditionen zu bewahren, zugleich aber auch neue Impulse zu setzen – etwa was Organisation, Ausrichtung und Zukunftsfähigkeit von betreuten Unternehmen betrifft. Über das Verbundnetzwerk und die Plattform werden auch Webinare und Hilfe bei der Strukturierung des Übergangsprozesses angeboten.
Bundesweites Netzwerk
Ein bundesweites Netzwerk für die Veröffentlichung von Inseraten ist hingegen die Plattform Nexxt Change www.nexxt-change.org, auch hier ist die IHK Cottbus regionaler Partner. Sie unterstützt bei der Eintragung in die Datenbank, überprüft und veröffentlicht unter Wahrung der gewünschten Anonymität regionale Inserate, auf die sich Interessierte melden können.
Zukunftsmodell: Gründen aus der Nachfolge
Dass das Gründen aus einer Nachfolge heraus ein Zukunftsmodell für die Region sein kann – oder sein muss, um die Wirtschaftskraft zu halten, macht Rüdiger Denecke an zwei Zahlen deutlich. So hätten neun von zehn Firmen infolge einer Nachfolge auch nach fünf Jahren noch weiter Bestand, während bei einer Neugründung dann nur noch jede zweite existiere, schildert er ein Ergebnis aus der KfW/IfM-Analyse. Die Perspektiven für interessierte Gründer als Übernehmer seien attraktiv: neue Ideen könnten umgesetzt werden, auf bestehende Strukturen, Belegschaft und Kundenstamm könne aufgebaut werden. Die Nachfolge sei für Gründungsinteressierte keine Notlösung mehr, sondern mittlerweile eine echte Gründungsoption, die auch die Zukunftsfähigkeit der Region sichert. Eine neue Kooperation mit der Technischen Hochschule Wildau zielt daher auch darauf ab, qualifizierte und interessierte Alumni über entsprechende Formate und IHK-Angebote für das Thema zu sensibilisieren und mit der übergebenden Unternehmergeneration noch besser zu vernetzen. Der Auftakt dazu wurde im vergangenen Herbst gemacht.
Der Artikel von Gerald Dietz/Brandenburg Media erschien im FORUM 3|2026