17.07.2026
Stärkung industrieller Strukturen in Sachsen
Mitglied des Sächsischen Landtages
Herrn Wolfram Günther
Bernhard-von Lindenau-Platz 1
01067 Dresden
Herrn Wolfram Günther
Bernhard-von Lindenau-Platz 1
01067 Dresden
Stärkung industrieller Strukturen in Sachsen
Sehr geehrter Herr Günther,
wir danken Ihnen für die Einladung zur fachlichen Einordnung des oben genannten Antrags sowie für den angebotenen weiteren Austausch. Die angestoßene Debatte zur zukünftigen Entwicklung industrieller Strukturen in Sachsen ist aus Sicht der sächsischen Wirtschaft ausdrücklich zu begrüßen und angesichts der aktuellen Transformationsprozesse dringend erforderlich.
Aus Sicht der Industrie- und Handelskammern beschreibt der Antrag die Ausgangslage in weiten Teilen zutreffend: Sachsen ist ein leistungsfähiger Industriestandort mit hoher Produktivität und ausgeprägter industrieller Kompetenz. Gleichzeitig bestehen strukturelle Herausforderungen fort. Hierzu zählen insbesondere die geringe Präsenz von Unternehmenszentralen, eine im Bundesvergleich niedrigere unternehmensgetriebene Forschungs- und Entwicklungsintensität sowie eine vielfach unzureichende Verankerung strategischer Unternehmensfunktionen in der Region. Dies führt zu eingeschränkten regionalen Entscheidungsspielräumen und erhöht die Abhängigkeit von externen Entwicklungen.
Der Begriff der „verlängerten Werkbank“ greift jedoch für Sachsen heute zu kurz. In zahlreichen Branchen haben sich spezialisierte Kompetenzen und innovative Geschäftsmodelle etabliert. Gleichwohl bestehen weiterhin Defizite insbesondere bei strategischen Funktionen und internationalen Wertschöpfungsanteilen.
Analysen regionaler Wertschöpfungsketten zeigen, dass wirtschaftliche Stärke insbesondere dort entsteht, wo neben der Produktion auch Entwicklung, Dienstleistungen und strategische Funktionen angesiedelt sind. Die gezielte Weiterentwicklung solcher integrierten Wertschöpfungsstrukturen ist daher ein zentraler Hebel zur Stärkung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Sachsen.
Die Zielsetzungen des Antrags weisen in zentralen Punkten eine hohe Übereinstimmung mit den Positionen der Industrie- und Handelskammern auf. Insbesondere die Ansätze
- regionale Wertschöpfungsketten zu stärken,
- wachstumsstarke Unternehmen gezielt zu unterstützen,
- Clusterstrukturen weiterzuentwickeln sowie
- die Expertise der Kammern und weiterer wirtschaftlicher Akteure einzubeziehen,
werden ausdrücklich unterstützt.
Gerade die stärkere Vernetzung von Unternehmen innerhalb und zwischen Wertschöpfungsketten ist ein wesentlicher Hebel zur Förderung von Innovationen und zur Erhöhung der wirtschaftlichen Resilienz. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass Unternehmen entlang dieser Ketten sehr unterschiedlich von strukturellen Veränderungen betroffen sind. Entsprechend bedarf es differenzierter und zielgruppenspezifischer Unterstützungsangebote.
Die sächsische Wirtschaft ist stark mittelständisch geprägt. Das Fehlen größerer, international wettbewerbsfähiger Unternehmen jenseits klassischer KMU-Strukturen begrenzt jedoch die Dynamik bei Innovation, Skalierung und Internationalisierung. Vor diesem Hintergrund kommt der Verbesserung der Wachstumsbedingungen für bestehende Unternehmen besondere Bedeutung zu.
Ergänzend sehen wir aus Sicht der Wirtschaft insbesondere in folgenden Punkten Handlungsbedarf:
Standortbedingungen konsequent verbessern
Investitionsentscheidungen und die Ansiedlung oder Verlagerung von Unternehmensfunktionen werden maßgeblich durch die Qualität der Standortbedingungen bestimmt. Steigende Kosten, Fachkräftemangel, zunehmende Regulierung sowie langwierige Genehmigungs- und Förderverfahren beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen erheblich. Empirische Analysen bestätigen insbesondere Bürokratie und komplexe Verwaltungsprozesse als zentrale Wachstumshemmnisse.
Entscheidend ist daher
- wettbewerbsfähige Energiepreise sicherzustellen,
- Genehmigungs- und Planungsverfahren deutlich zu beschleunigen,
- Förderverfahren zu vereinfachen und zu harmonisieren sowie
- verlässliche und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Unternehmenswachstum und Eigenkapital stärken
Wachstumsprozesse entstehen aus unternehmerischer Initiative und können nicht staatlich gesteuert werden. Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es, hierfür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und bestehende Unternehmen gezielt bei Skalierung und Internationalisierung zu unterstützen.
Vor diesem Hintergrund plädieren die sächsischen Industrie- und Handelskammern für die Einrichtung einer „Zukunftsstiftung für Sachsen“. Eine solche Stiftung kann als langfristig orientierter Co-Investor und Eigenkapitalgeber in tragfähige Unternehmen investieren und damit Wachstum, Ansiedlungen sowie die Sicherung von Standorten unterstützen. Das Instrument ist ausdrücklich als marktnahes, ergänzendes Angebot konzipiert und ersetzt keine privatwirtschaftlichen Investitionsentscheidungen.
Durch die Kombination aus öffentlichem Kapitalstock und renditeorientierten Beteiligungen können nachhaltige Investitionsspielräume geschaffen und langfristige Rückflüsse für den Standort generiert werden.
Diversifizierung fördern statt Abhängigkeiten verstärken
Eine zukunftsorientierte Industriepolitik darf nicht zu einer einseitigen Fokussierung auf einzelne Unternehmen oder Branchen führen. Bestehende Abhängigkeiten – etwa im Automotive-Bereich – zeigen die Risiken einer zu starken Konzentration.
Ziel muss es sein,
- bestehende Wertschöpfungsstrukturen zu verbreitern,
- neue Wachstumsfelder zu erschließen und
- die Resilienz der Wirtschaft insgesamt zu stärken.
Innovationssystem stärker in die Wirtschaft tragen
Sachsen verfügt über eine leistungsfähige Forschungslandschaft. Eine zentrale Herausforderung besteht jedoch darin, Forschungsergebnisse stärker in marktfähige Anwendungen zu überführen und in die Breite der mittelständischen Wirtschaft zu tragen. Der Wissens- und Technologietransfer bleibt damit ein entscheidender Ansatzpunkt.
Zusammenfassend unterstützen die Industrie- und Handelskammern die Zielrichtung des Antrags ausdrücklich. Unterschiede bestehen weniger in der Zielsetzung als in der Ausgestaltung der Instrumente. Aus Sicht der Wirtschaft sollte die Umsetzung konsequent auf folgende Prioritäten ausgerichtet werden:
- Verbesserung der Standort- und Investitionsbedingungen
- Beschleunigung und Vereinfachung von Verfahren
- Stärkung von Eigenkapital und Wachstumsfinanzierung
- Förderung von Innovation, Skalierung und Internationalisierung
- Ausbau resilienter und diversifizierter Wertschöpfungsstrukturen
Gern bringen wir uns in den weiteren fachlichen Austausch ein und stehen für eine vertiefte Diskussion der angesprochenen Themen zur Verfügung. Eine Beteiligung an einem geplanten Austauschformat begrüßen wir ausdrücklich.
Im Namen der Landesarbeitsgemeinschaft
der sächsischen Industrie- und Handelskammern
der sächsischen Industrie- und Handelskammern
Christoph Neuberg
Hauptgeschäftsführer IHK Chemnitz
Hauptgeschäftsführer IHK Chemnitz