BW 12/2021 - AGENDA

Bildung ist der Anfang von allem

Einer Studie zufolge fehlen in Berlin 30.000 bis 40.000 Kita-Plätze. Kinder mit Migrationshintergrund trifft es besonders – aber letztlich die Gesellschaft als Ganzes
Schon viel zu lange muss in Berlin für deutlich mehr Kita-Plätze gekämpft werden. Auch für die Berliner Wirtschaft ist das ein großes Thema, denn ein verbessertes Kita-System erhöht gute Bildungschancen, führt zu weniger Schulaussteigern und verbessert die Übergangsquoten in berufliche Ausbildung. „Wenn ein großer Teil der Kinder in Berlin seine Potenziale gar nicht erst entfalten kann, weil die Kinder von Anfang an von grundlegenden Bildungsangeboten ausgeschlossen sind, dann ist es kein Wunder, dass es in der Hauptstadt immer weniger Fachkräfte gibt“, bringt IHK-Präsident Daniel-Jan Girl die kritische Situation auf den Punkt.
Zusätzlich dazu, dass Politik und Verwaltung mit ihren Aktivitäten die Dauerkombination aus Kita-Platz-Lücke und Fachkräftemangel in den Einrichtungen seit Jahren nicht in den Griff bekommen, zeigt eine aktuelle Studie, dass die Problematik noch einen anderen Akzent hat: Kinder mit Migrationshintergrund bekommen seltener einen der begehrten Plätze. Wie die FiBSRILLL (Research Institute on Lifelong Learning) gGmbH in Kooperation mit dem Trägerbündnis Kita-Stimme.berlin ermittelt hat, kann ansonsten faktisch jedes Kind in die Kita gehen, wohingegen bei denen mit Migrationshintergrund jedes siebte Kind, das mindestens drei Jahre alt ist, keinen Zugang erhält. Außerdem ist die Lage in den Berliner Bezirken sehr unterschiedlich. In manchen Kiezen geht nicht einmal jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund in die Kita. Bei den unter Dreijährigen ist die Lage, auf niedrigerem Niveau, vergleichbar. In beiden Fällen beträgt die Diskrepanz bis zu 40 Prozentpunkte. Außerdem hat die Studie, die Platzbedarfsquoten aus der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) für Berlin den tatsächlichen Besuchsquoten gegenübergestellt hat, einen nicht gedeckten Bedarf von rund 30.000 bis 40.000 Kita-Plätzen identifiziert.
„Der Kita-Platzmangel in Berlin trifft oftmals ausgerechnet die Kinder, die zum Beispiel aufgrund von Sprachbarrieren am meisten von einer guten Kindertagesbetreuung profitieren würden“, so Stefan Spieker, IHK-Ausschussvorsitzender sowie Geschäftsführer Fröbel Bildung und Erziehung, und ergänzt, „ …, dass sich Bildungsungerechtigkeit in den ersten sechs Lebensjahren manifestiert. Ob Familien mit Migrationshintergrund eine Chance bekommen, dieses Zeitfenster für ihre Kinder zu nutzen, darf nicht davon abhängen, in welchem Bezirk sie wohnen. Es wird Zeit für eine gemeinsame Ausbau-Offensive, damit kein Kind in dieser Stadt mehr zurückbleibt!“
So setzt sich die Berliner Wirtschaft nicht nur für ein höheres Tempo beim Kita-Ausbau sowie für eine verstärkte Fachkräfte- und Qualitätssicherung ein, sondern fordert sehr konkret die Klärung einheitlicher Zuständigkeiten der Verwaltungen und Bezirke, die Umsetzung eines bezirksübergreifenden Flächen- und Grundstücksmanagements und die Nutzung der Potenziale aller Kita-Träger ein, sodass bald schnell und unbürokratisch die notwendigen Kita-Plätze für alle Berliner Kinder vorhanden sind.
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Von Stefanie Dümmig