die WIRTSCHAFT | Das Magazin
Nr. 6832256
3 min Lesezeit
fachartikel

Kreislaufwirtschaft: Eine Bestandsaufnahme

Kreislaufwirtschaft gilt zunehmend als einer der zentralen Hebel, um Klimaschutz, Ressourcenschonung und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit miteinander zu verbinden. Deutschland steht dabei noch am Anfang: Nur etwa 12 Prozent der eingesetzten Materialien stammen aktuell aus sekundären Quellen. Bei Metallen ist es etwa ein Drittel, bei Kunststoffen und mineralischen Baustoffen deutlich niedriger. Das Ziel der Europäischen Union, diese sogenannte Circular Material Use Rate bis 2030 zu verdoppeln, zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist – aber auch, welches Potenzial sich auftut.

Neue Chancen für Industrie und Wirtschaft

Im Impulspapier „Kreislaufwirtschaft als Zukunftsstrategie – Neue Wege für die energieintensive Industrie in Deutschland am Beispiel der Stahl-, Kunststoff- und Zementindustrie“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) heißt es, allein in diesen drei Grundstoffindustrien könnte rund ein Viertel der heutigen Treibhaus- gasemissionen vermieden werden, wenn Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft konsequent umgesetzt würden. Sekundäre Rohstoffe benötigen in der Regel deutlich weniger Energie, und Rohstoffimporte lassen sich durch Wiederverwendung, Reparatur und Recycling reduzieren. Unternehmen können so ihre Kostenstruktur stabilisieren und sich unabhängiger von Rohstoffpreisschwankungen machen. Hinzu kommt ein strategischer Vorteil: Wer frühzeitig auf zirkuläre Prozesse umstellt, stärkt seine Resilienz gegenüber geopolitischen Abhängigkeiten und steigenden Umweltauflagen.

Hürden auf dem Weg in den Kreislauf

Doch der Weg dorthin ist nicht leicht. Die Herausforderungen liegen weniger in einzelnen Technologien, sondern in der Systemintegration. Häufig fehlen verlässliche Daten über Materialströme und Produktzusammensetzungen – ohne diese Informationen ist hochwertiges Recycling kaum möglich. Der Produktpass soll hier zu mehr Transparenz führen und so diese Herausforderung bei Produktdesign und Reparaturfähigkeit der Produkte auflösen.
Auch rechtliche Rahmenbedingungen begünstigen vielerorts noch den Einsatz von Primärmaterialien: Normen und Ausschreibungen im Bauwesen bevorzugen beispielsweise Stahlbeton gegenüber Recyclingbeton oder schränken den Einsatz von Holz beim Hausbau ein. Technische Hürden, etwa die Verunreinigung von Stahlschrott oder die unzureichende Sortierung bei Kunststoffen, erschweren zusätzlich den Markteintritt hochwertiger Sekundärrohstoffe. Wirtschaftlich betrachtet sind recycelte Materialien oft noch teurer als Neuware, auch weil fossile Rohstoffe zu niedrigen Preisen verfügbar, zum Teil sogar subventioniert sind. Die Einführung von Kreislaufwirtschaftsverfahren ist mit hohen Investitions- und Entwicklungskosten verbunden. Gleichzeitig werden zirkuläre Geschäftsmodelle von Geldgebern oft als riskanter eingeschätzt als herkömmliche – politische und wirtschaftliche Anreize fehlen. Für kleine und mittlere Unternehmen ist eine zirkuläre Ausrichtung deshalb besonders herausfordernd.

Politik als Taktgeber – aber mit Blick auf die Praxis

Auf europäischer und nationaler Ebene entstehen aktuell regulatorische Rahmenbedingungen, die auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft unterstützen sollen. Der Circular Economy Action Plan der EU und die geplante Ökodesign- Verordnung sollen Produkte künftig langlebiger, reparierbarer und recycelbarer machen. In Deutschland setzt die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie, beschlossen Ende 2024, ergänzende Impulse: Sie fordert mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungsketten und klare Rezyklatquoten in der Industrie.
Für Unternehmen bedeutet das eine spürbare Transformation – vom Produktdesign über die Materialwahl bis zu Lieferketten und Rücknahmesystemen. Egal ob auf nationaler oder EUEbene – oftmals handelt es sich um Richtlinien, Verordnungen und Gesetze, die mit umfangreichen Dokumentationspflichten einhergehen, die in den Unternehmen Ressourcen binden, bürokratische Prozesse aufbauen und Innovation erschweren. Für die Wirtschaft ist deshalb essenziell, dass die Maßnahmen, die zum Schließen von Kreisläufen führen sollen, übersichtlich, effizient und praxistauglich sind.

Vom Umweltprojekt zur Wirtschaftsstrategie

Obwohl Regulierungen auch mit Hürden für die Unternehmen einhergehen – und durchaus zu Unmut führen – steht das Ziel, Kreisläufe zu schließen, nie in Frage. Unternehmen, Wirtschaftsverbände und die IHK-Organisation fordern durchdachte und wirtschaftliche Maßnahmen und gestalten den Weg zur Kreislaufwirtschaft aktiv mit, damit sie zu einer industriepolitischen Zukunftsstrategie werden kann, die Klimaschutz mit Wettbewerbsfähigkeit verbindet.
Christin Krauß, Kim Deiber
IHK Ulm
Olgastraße 95-101
89073 Ulm
Tel. 0731 173-0
E-Mail: info@ulm.ihk.de

Wege zur Kreislaufwirtschaft | Ökodesign, Recycling & Co.

leitartikel
Jonathan Fuchs © photodesign armin buhl

Mit einem neuen Gesetz zur Kreislaufwirtschaft, das 2026 angenommen werden soll, möchte die EU die wirtschaftliche Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, Ressourcenverfügbarkeit und Dekarbonisierung in der EU verbessern. Damit werden Unternehmen aufgefordert, alle Phasen ihrer Wertschöpfungskette auf den Prüfstand zu stellen und Ressourcen möglichst effizient zu nutzen. Für Unternehmen stellt sich die Frage, wie ökologischer Anspruch mit ökonomischer Notwendigkeit verknüpft werden kann, wie Organisationsabläufe angepasst und aus dem System Kreislaufwirtschaft Innovationen oder sogar neue Geschäftsmodelle generiert werden können.

9 min Lesezeit
fachartikel
Dekografik © stock.adobe.com

Kreislaufwirtschaft ist ein gemeinsames Ziel, das Unternehmen, Politik und Gesellschaft gleichermaßen fordert. Die technischen, regulatorischen und ökonomischen Hürden sind hoch, doch es ergeben sich auch Chancen – besonders für energieintensive Branchen.

3 min Lesezeit
interwiew
Stefan Hörmann © aurivus

Die aurivus GmbH ist eine Ausgründung aus der Universität Ulm. Die Gründer Martin Bach und Stefan Hörmann kommen ursprünglich aus dem Bereich autonomes Fahren und bringen nun mit aurivs 3D- und KI-Technologie in den Rückbau von Gebäuden und Anlagen. Wie 3D-Scan und KI dabei zum Einsatz kommen, wie das zu mehr Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft beitragen kann und was das Unternehmen mit dem Kernkraftwerk Gundremmingen zu tun hat, erklärt Geschäftsführer Stefan Hörmann im Interview.

4 min Lesezeit
interview
Dekobild © stock.adobe.com

Die Bauwirtschaft steht unter Druck: Rohstoffe werden knapper, Baustoffpreise steigen, und die Anforderungen an nachhaltiges Bauen nehmen zu. In dieser Situation gewinnt das Recycling von Bauschutt zunehmend an Bedeutung – nicht nur als ökologisches, sondern auch als wirtschaftlich sinnvolles Instrument der Kreislaufwirtschaft. Als Geschäftsführer der Meichle & Mohr GmbH, Immenstaad, setzt Oliver Mohr schon seit Jahren auf hochwertiges Baustoffrecycling. Im Interview erklärt er, wo die Branche heute steht, welche Herausforderungen es gibt und wo Weichen gestellt werden müssen, um die Ressourceneffizienz im Bau weiter zu steigern.

4 min Lesezeit