die WIRTSCHAFT | Das Magazin
Nr. 7189324
6 min Lesezeit
IHK Ulm

Die Kraft, die bleibt

Alexandra Bühler und Katharina Ohmayer wollen nicht einfach nur helfen. Sie wollen Strukturen verändern. Bei der Beurer-Stiftung geht es deshalb nicht um Wohltätigkeit, sondern um Chancen – und um die Überzeugung, dass Bildung der wirksamste Hebel für eine bessere Gesellschaft ist.

Es gibt Menschen, die über Wirkung sprechen. Und es gibt Menschen, die sie messen. Alexandra Bühler gehört zu Letzteren. „Bauchgefühl reicht nicht“, sagt sie sinngemäß. Deshalb hat die Beurer-Stiftung ein Impact Measurement eingeführt. Ein Instrument, das zeigt, welche Projekte tatsächlich etwas verändern. Nicht, weil Zahlen wichtiger wären als Menschen, sondern weil begrenzte Mittel dort wirken sollen, wo sie den größten Unterschied machen.
Im Gedächtnis bleiben dennoch selten Kennzahlen. Es sind Geschichten. Etwa die eines Mädchens, das mit Unterstützung der Stiftung das Abitur mit Bestnote schafft und anschließend ein Stipendium erhält. Oder ehemalige Teilnehmerinnen, die Jahre später selbst Ehrenamtliche werden. Für Alexandra Bühler ist das der eigentliche Erfolg: Aus Unterstützung entsteht Eigenverantwortung. Aus Eigenverantwortung werden Vorbilder. Und aus Vorbildern gesellschaftlicher Wandel.
Verantwortung braucht eine Struktur
Die Geschichte beginnt nicht mit der Stiftung, sondern mit einem Familienunternehmen. Als Beurer 2019 sein 100-jähriges Bestehen feiert, blickt das Unternehmen auf eine Entwicklung zurück, die mit einer Heizdecke begann, die die Urgroßmutter der Unternehmerfamilie im Wohnzimmer nähte. Heute entwickelt Beurer Gesundheits- und Wellnessprodukte für internationale Märkte. Gesellschaftliche Verantwortung gehörte dabei immer zum Selbstverständnis der Gesellschafterfamilie.
2015 entsteht deshalb die Beurer-Stiftung – nicht als Anhängsel des Unternehmens, sondern als eigenständige gemeinnützige Organisation. Aus einzelnen guten Taten sollte etwas Dauerhaftes werden. Verantwortung nicht als spontane Reaktion, sondern als fester Bestandteil unternehmerischen Handelns.
Den entscheidenden Impuls beschreibt Alexandra Bühler als unspektakulär. Bei einer Preisverleihung des Landes Baden-Württemberg begegnete sie Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich gesellschaftlich engagierten. „Soziales Engagement ist ansteckend“, sagt sie. Nicht das Spenden selbst, sondern die Erkenntnis, dass Engagement Wirkung entfalten kann, wenn man ihm Zeit, Struktur und einen langen Atem gibt.
Heute verantwortet Alexandra Bühler die strategische Ausrichtung der Stiftung. Katharina Ohmayer sorgt dafür, dass diese Strategie im Alltag ankommt. Gemeinsam begleiten sie die Projektpartner, besuchen Einrichtungen und halten den Kontakt zu den Menschen, die Ideen in konkrete Angebote verwandeln. „Da passt kein Blatt Papier zwischen uns“, sagt Alexandra Bühler über ihre Zusammenarbeit. Es klingt weniger nach Managementfloskel als nach dem Selbstverständnis zweier Frauen, die wissen, dass gesellschaftlicher Wandel Teamarbeit ist.
Katharina Ohmayer erzählt von leisen Erfolgen: Von Jugendlichen, die im Lerncafé wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen. Von Müttern, die erstmals selbstständig ein Elterngespräch führen. Von Menschen, die irgendwann selbst Verantwortung übernehmen. Wenn Hilfe beginnt, sich selbst zu tragen.
Hilfe ist kein Zufall
Viele verbinden mit einer Stiftung vor allem Förderschecks. Die Beurer-Stiftung versteht sich anders. Jedes Jahr begleitet sie rund 30 Projekte in Ulm, deutschlandweit und international. Viele davon haben eines gemeinsam: Bildung.
Für Alexandra Bühler ist sie weit mehr als Wissensvermittlung. Bildung eröffnet Chancen auf Ausbildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Wer Zugang zu Bildung erhält, verändert oft nicht nur das eigene Leben, sondern das einer ganzen Familie. Besonders dann, wenn Frauen und Mädchen gefördert werden. Sie gewinnen Selbstbestimmung, können ihre Rechte besser wahrnehmen und werden zu Vorbildern für die nächste Generation. Deshalb unterstützt die Stiftung Projekte, die genau dort ansetzen: nicht möglichst spektakulär, sondern möglichst wirksam.
Der Unterschied beginnt oft im Kleinen
Auf den ersten Blick wirkt das Projekt „Golden Hearts Ulm“ unscheinbar. An drei Ulmer Grundschulen lernen Mütter Deutsch, während ihre Kinder betreut werden. Dahinter steckt jedoch eine weitreichende Idee. Wer die Sprache beherrscht, kann Elternabende besuchen, mit Lehrkräften sprechen, Behörden verstehen und die eigenen Kinder beim Lernen unterstützen. Integration beginnt oft am Küchentisch.
Katharina Ohmayer erlebt regelmäßig, wie aus Unsicherheit Selbstvertrauen wird. Frauen, die anfangs kaum sprechen, führen später Gespräche, knüpfen Kontakte und eröffnen ihren Familien neue Perspektiven. „Manchmal braucht es nur einen kleinen Impuls“, sagt sie.
Ähnlich arbeitet das Lerncafé im Bürgerhaus Mitte. Jugendliche erhalten Unterstützung bei Hausaufgaben oder der Prüfungsvorbereitung. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Jeder junge Mensch hat eine feste Ansprechperson. Jemanden, der zuhört, verlässlich da ist und Vertrauen schafft. Gerade für Kinder und Jugendliche, denen stabile Strukturen fehlen, kann diese Beziehung wichtiger sein als jede Mathematikaufgabe.
Auch die Hoffnungshäuser der Hoffnungsträger Stiftung folgen diesem Prinzip. Menschen mit und ohne Fluchterfahrung leben dort Tür an Tür. Die Beurer-Stiftung unterstützt Bildungsangebote direkt vor Ort, von Nachhilfe über Hausaufgabenbetreuung bis hin zu Schwimm- und Fahrradkursen. Nicht, weil ein Schwimmkurs allein die Welt verändert, sondern weil Teilhabe oft mit ganz praktischen Fähigkeiten beginnt.

Warum sich Engagement lohnt
Die Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund gehört zu den Erfahrungen, die Alexandra Bühler bis heute bewegen. Dort trifft sie auf Kinder, die Gewalt erlebt haben und deren Vertrauen erst langsam wieder wächst. Besonders erinnert sie sich an einen fünfjährigen Jungen. Auf die Frage nach seinem größten Wunsch antwortete er: stark genug zu werden, um seine kleine Schwester beschützen zu können. Solche Momente zeigen, worum es bei sozialem Engagement im Kern geht: Menschen einen sicheren Ort zu geben, an dem sie Vertrauen entwickeln und neue Perspektiven finden.
Diese Haltung prägt auch das Verhältnis zwischen Unternehmen und Stiftung. Die Stiftung hält Anteile an Beurer. Ist das Unternehmen erfolgreich, profitiert die Stiftung. Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von einer Gesellschaft, in der Menschen Chancen erhalten und Verantwortung übernehmen. Für Alexandra Bühler ist das kein Widerspruch: „Man kann langfristig nur wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn auch das gesellschaftliche Umfeld stark ist.“

Die Kraft, die bleibt
Zum Schluss sprechen Alexandra Bühler und Katharina Ohmayer über Motivation. Nicht über ihre eigene, sondern über die anderer Unternehmerinnen und Unternehmer. Sie wünschen sich, dass mehr Menschen Verantwortung übernehmen, nicht unbedingt groß, aber überhaupt. „Man muss nicht gleich riesig anfangen“, sagt Bühler. „Kleine Schritte reichen.“
Vielleicht beschreibt dieser Satz die Arbeit der Beurer-Stiftung besser als jede Statistik. Keine ihrer Initiativen löst gesellschaftliche Probleme über Nacht. Aber jede setzt etwas in Bewegung: ein Kind, das wieder gern zur Schule geht. Eine Mutter, die erstmals allein ein Elterngespräch führt. Ein Jugendlicher, der seinen Schulabschluss schafft. Oder eine ehemalige Teilnehmerin, die selbst Verantwortung übernimmt.
Am Ende geht es nicht um Fördersummen oder Projektzahlen. Es geht um die Überzeugung, dass gesellschaftlicher Wandel dort beginnt, wo Menschen Chancen erhalten – und jemand ihnen so lange zur Seite steht, bis sie diese Chancen selbst nutzen können. Die Beurer-Stiftung verändert die Welt nicht auf einen Schlag. Sie verändert Lebenswege. Und manchmal reicht genau das, damit sich eine ganze Gesellschaft ein Stück verändert.

Meike Friedland
IHK Ulm
Olgastraße 95-101
89073 Ulm
Tel. 0731 173-0
E-Mail: info@ulm.ihk.de

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© Cosmin Sbarcea

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