Konjunkturumfrage Frühsommer 2022

Baden-Württemberg: Erholungsprozess auf unbestimmte Zeit verschoben

Die letzten zwei Jahre waren eine Achterbahnfahrt für die baden-württembergische Wirtschaft. Mit positiven Signalen erfreute sich die Wirtschaft in den weitesten Teilen zunächst die Pandemie überstanden zu haben. Die Folgen der Lieferkettenproblematik und Preissteigerungen hielten bis zum Jahresbeginn 2022 an und die fünfte Corona-Welle traf Teile der Wirtschaft hart. Im Frühsommer 2022 stagniert die wirtschaftliche Lage und die schwer einzuschätzende Entwicklung des Krieges in der Ukraine führt zu Verunsicherungen in allen baden-württembergischen Wirtschaftssektoren.
Der IHK-Lageindikator befindet sich mit 33 Punkten ungefähr auf dem gleichen guten Niveau, wie zum Jahresbeginn 2022. Allerdings spiegeln sich Verunsicherungen über Inflation, rasant gestiegene Energiepreise und mögliche Energie- und Gasembargos in den Erwartungen der Baden-Württembergischen Wirtschaft wider. Der IHK-Erwartungsindikator sinkt von positiven 20 Punkten zum Jahresbeginn auf negative 5 Punkte ab. 22 Prozent der Unternehmen erwarten eine verbesserte wirtschaftliche Lage, 52 Prozent eine gleichbleibende Geschäftsentwicklung und 26 Prozent eine verschlechterte Geschäftssituation.
IHK-Konjunkturumfrage für Baden-Württemberg
Diese Analyse basiert auf der Konjunkturumfrage der 12 IHKs in Baden-Württemberg im Frühsommer 2022, an der landesweit 3.340 Unternehmen zwischen dem 31. März und 21. April teilgenommen haben.
Die verhältnismäßig gute Situation basiert auf dem gestiegenen Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal. 46 Prozent der Unternehmen gaben an, dass Ihr Umsatz im Vergleich zum Frühsommer 2021 gestiegen ist, 35 Prozent haben einen ähnlichen Umsatz und 19 Prozent verzeichnen einen niedrigeren Umsatz. Die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten können jedoch nicht vollkommen übertragen werden und zehren an den Gewinnmargen. Der Indikator der Ertragslage ist im Vergleich zum Jahresbeginn 2022 um 6 Punkte auf 12 Punkte gesunken. Nur noch ein Drittel der Unternehmen empfindet die Ertragslage als gut und 48 Prozent der Unternehmen sehen die Ertragslage als befriedigend, knapp 20 Prozent melden eine schlechte Ertragslage.

Die Wirtschaft investiert in Digitalisierung und Innovation

Der Transformationsprozess der baden-württembergischen Wirtschaft wurde durch die vergangene Corona-Pandemie beschleunigt. Diverse Lockdowns und Corona-Auflagen führten zu gestiegenen Investitionen in Digitalisierung. Mehr als jedes zweite Unternehmen gab bei der Konjunkturumfrage im Frühsommer 2022 an, dass Digitalisierung ein Hauptmotiv für seine Investitionen ist. Die Sorge über weiter steigende Energiepreise führte bereits schon vor dem Krieg in der Ukraine zu höherer Investitionsbereitschaft beim Thema Umweltschutz und Energieeffizienz. Circa 79 Prozent der Unternehmen sehen steigende Energie- und Rohstoffpreise als Geschäftsrisiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Vor der Corona-Pandemie (Herbst 2020) hatten 22 Prozent der Unternehmen vor, künftig in Umweltschutz/Energieeffizienz zu investieren. Dieser Wert ist um 16 Prozentpunkte auf 38 Prozent im Frühsommer 2022 angestiegen.
Die steigende Inflation hat einen negativen Einfluss auf das Konsumverhalten, weshalb circa 44 Prozent der Unternehmen die Inlandsnachfrage als Geschäftsrisiko wahrnehmen. Aus Sorge um mögliche Lohn-/Preisspiralen melden mehr Unternehmen das Risiko steigender Arbeitskosten.
Der Fachkräftemangel (58 Prozent) führt zu gemilderten Beschäftigungserwartungen im Vergleich zum Jahresbeginn 2022. Der Indikator für Beschäftigungspläne sinkt von 13 Punkten auf 8 Punkte im Frühsommer 2022 ab.

Preisanstiege treffen die Branchen unterschiedlich

Die Bauwirtschaft befand sich in Zeiten der Pandemie in einer Sonderkonjunktur, vor allem wegen der starken Nachfrage im Wohnungsbau. Zurzeit meldet die baden-württembergische Bauwirtschaft noch eine gute Geschäftslage. Jedoch führen die gestiegenen Baukosten zu einer geringeren Ertragslage. Auch die erschwerten Finanzierungsbedingungen senken den Auftragseingang im Wohnungsbau, weshalb die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate sehr negativ ausfallen.
Im Handel ist die Lage sehr heterogen. Der Großhandel befindet sich, trotz der gestiegenen Energiekosten und den Problemen in den Lieferketten, in einer guten wirtschaftlichen Situation. Die hohe Inflation führt zu einem gesunkenen Kauflauneverhalten, weshalb die wirtschaftliche Erholung im Einzelhandel nach zwei Jahren Pandemie gebremst wird.
Hohe Benzin- und Energiekosten treffen das Transport- und Verkehrsgewerbe. Allerdings erfreut sich der Personenverkehr mit dem Wegfall der Corona-Maßnahmen über steigende Auftragseingänge und einer gestiegenen Reiselust. Der Güterverkehr befindet sich jedoch in einer verschlechterten Geschäftssituation. Der Mangel an Fachkräften und der Rückgang im Auftragseingang bereiten den Logistikern Sorge über ihre wirtschaftliche Entwicklung.
Mit am stärksten von den Corona-Maßnahmen betroffen war das Gastgewerbe. Die Aufhebungen dieser führen nun zu neuen Hoffnungen auf ein gutes Sommer- und Urlaubsgeschäft bei den Gastronomen. Allerdings bleibt der Mangel an Arbeitskräften ein weiterhin zu klärendes Problem.
Die Lage der übrigen Dienstleister bleibt weiterhin stabil. Besonders personenbezogene Dienstleister erhoffen sich nun die wirtschaftliche Erholung.

Exportwirtschaft bricht drastisch ein

Die Lieferkettenproblematik und steigende Energie- und Rohstoffpreise verschärfen die Lage in der Exportwirtschaft. Nur noch 28 Prozent der exportierenden Unternehmen gehen von steigenden Exporten aus, 49 Prozent von gleichbleibenden und 23 Prozent von abnehmenden Exporten. Besonders stark zurückgegangen sind die Exporterwartungen nach Asien. In China gilt weiterhin eine Zero-Covid-Strategie, weshalb Millionenstädte wie Shanghai oder Häfen komplett abgeriegelt werden. Aber auch die Exporterwartungen nach Nordamerika sinken im Vergleich zum Jahresbeginn 2022, bleiben jedoch weiterhin positiv. Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegenüber Russland treffen nicht nur den Exportmarkt in diesen Ländern, sondern auch deutsche Exporte in osteuropäische Länder, diese waren bisher eng mit den beiden Ländern wirtschaftlich verflochten.