Konjunkturumfrage Baden-Württemberg Jahresbeginn 2026
Aufschwung mit Handbremse
Das Jahr 2025 war für die baden-württembergische Wirtschaft von erheblichen wirtschaftlichen Turbulenzen geprägt. Vor allem die Industrie sowie stark exportorientierte Unternehmen standen unter spürbarem internationalem Druck. Ein wesentlicher Auslöser hierfür war die erneut erratisch geführte Zollpolitik des wiedergewählten US‑Präsidenten Donald Trump. Die häufig kurzfristigen und schwer kalkulierbaren handelspolitischen Entscheidungen führten zu erheblichen Verwerfungen und beschleunigten eine Neuordnung der internationalen Handelsströme. Im Jahresverlauf kam es immerhin zu einer Teileinigung: Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten verständigten sich auf einen Importzoll in Höhe von 15 Prozent auf europäische Güter. Zugleich blieben jedoch weitere Strafzölle bestehen – insbesondere die weiterhin erhobenen Abgaben von 50 Prozent auf Stahl- und Aluminiumimporte. Diese hohen Zollsätze belasteten den Absatz auf dem US‑amerikanischen Markt erheblich und wirkten sich dämpfend auf die Exporttätigkeit aus.
Dabei bildet die Exportwirtschaft traditionell das Rückgrat des wirtschaftlichen Aufschwungs in Baden-Württemberg. Auch weiterhin zählen die Vereinigten Staaten zu den wichtigsten Handelspartnern der regionalen Wirtschaft. Die Entwicklungen des vergangenen Jahres machen jedoch deutlich, dass Deutschland und Europa ihre außenwirtschaftliche Ausrichtung neu justieren müssen. Der Abschluss neuer Handelsabkommen, etwa das Mercosur-Abkommen, soll zusätzliche Absatzimpulse setzen und neue Marktpotenziale erschließen.
Gleichwohl bleiben die strukturellen Herausforderungen erheblich: Die Unternehmen stehen unter hohem Transformationsdruck, die Standort- und Energiekosten verharren auf einem erhöhten Niveau, und die schwache Nachfrage im In- und Ausland verschärft die konjunkturelle Lage zusätzlich. Hinzu tritt ein zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck – insbesondere aus China, welche vergleichbare Produkte häufig zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten.
Das bisherige Geschäftsmodell, wonach die USA die sicherheitspolitische Stabilität garantieren und der Export maßgeblich nach China erfolgt, dürfte in dieser Form künftig nicht mehr tragfähig sein. Als Reaktion auf die veränderten Rahmenbedingungen beschloss die Bundesregierung die Einrichtung eines Sondervermögens für Infrastruktur und Verteidigung, dass bei Unternehmen aus der Industrie und Bauwirtschaft neue Hoffnung weckt, wenn auch die Gelder dafür noch nicht im Markt angekommen sind. Bereits zu Beginn des neuen Jahres scheint die Wirtschaft in Baden-Württemberg dadurch spürbar an Dynamik gewonnen zu haben.
So verzeichnet die baden-württembergische Wirtschaft in der aktuellen Geschäftslage einen moderaten Aufschwung um 6 Punkte von zuvor 2 auf nunmehr 8 Punkte gegenüber dem Herbst. Rund 29 Prozent der Unternehmen bewerten ihre derzeitige Geschäftslage als gut, was einem Anstieg um 3 Prozentpunkte entspricht. Eine schlechte Geschäftslage melden hingegen nur noch etwa 21 Prozent der Unternehmen; im Herbst 2025 war es noch jedes vierte Unternehmen.
IHK-Konjunkturumfrage für Baden-Württemberg: Diese Analyse basiert auf der Konjunkturumfrage zum Jahresbeginn 2026 der 12 IHKs in Baden-Württemberg, an der landesweit 3.735 Unternehmen zwischen dem 29. Dezember 2025 und 20. Januar 2026 teilgenommen haben.
Über die Nachhaltigkeit des aktuellen Aufschwungs äußern die Unternehmen jedoch weiterhin Zweifel. Die Geschäftserwartungen verbleiben mit –2 Punkten unverändert auf einem ähnlichen Niveau wie in der vorherigen Konjunkturumfrage. Rund 19 Prozent der Unternehmen rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage, während etwa 21 Prozent weiterhin von einer Verschlechterung ausgehen.
Die Skepsis der Unternehmen zeigt sich auch in der Investitionsbereitschaft am Standort Deutschland. Nur rund 19 Prozent der Unternehmen planen, in den kommenden zwölf Monaten ihre Investitionen auszuweiten. Gleichzeitig beabsichtigt jedoch etwa jedes vierte Unternehmen, die Investitionstätigkeit zu reduzieren, und rund 16 Prozent geben an, gar nicht investieren zu wollen. Der Saldo der Inlandsinvestitionen liegt damit bei –8 Punkten und damit rund 14 Punkte unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.
Besonders auffällig ist dabei die weiterhin geringe Investitionsneigung im Bereich der Kapazitätserweiterung: Lediglich 18 Prozent der investierenden Unternehmen nennen dieses Motiv für geplante Investitionen und liegen damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnittswert von 25 Prozent. Demgegenüber führen die Fortschritte in den Bereichen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz dazu, dass rund 55 Prozent der Unternehmen Digitalisierungsmaßnahmen als zentrales Investitionsmotiv angeben.
Die geringe Investitionstätigkeit schlägt sich zunehmend auch in einer verhaltenen Beschäftigungsentwicklung nieder. Die anhaltend schwache Konjunktur macht sich damit deutlich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Rund 27 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass die Beschäftigtenzahlen in den kommenden Monaten sinken werden. Demgegenüber erwarten lediglich etwa 13 Prozent der Unternehmen einen Beschäftigungsaufbau. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere in Branchen wie der Industrie weiterer Stellenabbau zu erwarten.
Entsprechend zeigt sich auch eine Abschwächung des Arbeitsmarktes: Die Arbeitslosenquote in Baden‑Württemberg lag im Dezember 2025 bei 4,9 Prozent und damit um rund 0,3 Prozentpunkte über dem Niveau des Vorjahresmonats.
Fachkräftemangel rückt in den Hintergrund
Die Rangfolge der von den Unternehmen genannten Geschäftsrisiken hat sich im Vergleich zur vorherigen Umfrage im Herbst kaum verändert – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Der Fachkräftemangel verliert deutlich an Bedeutung. Derzeit sehen nur noch rund 38 Prozent der Unternehmen ein zentrales Geschäftsrisiko in einem Fachkräftedefizit. Besonders ausgeprägt ist dieser Rückgang in der Industrie, wo der Anteil der Nennungen im Vergleich zum Herbst von 33 auf 28 Prozent gesunken ist.
Unverändert an erster Stelle der Risikofaktoren steht der schwache Inlandsabsatz, der von 65 Prozent der Unternehmen als größte Herausforderung eingeschätzt wird. Auf den Plätzen zwei und drei folgen weiterhin zentrale Standortfaktoren: die Arbeitskosten mit 58 Prozent der Nennungen sowie die Energiekosten mit rund 39 Prozent. Insbesondere mit Blick auf das kommende Jahr äußern viele Unternehmen Sorge über die weitere Lohnentwicklung infolge anstehender Tarifrunden sowie der Anhebung des Mindestlohns. Diese Faktoren betreffen vor allem personalintensive Branchen wie das Gastgewerbe und den Einzelhandel.
Darüber hinaus bewerten 38 Prozent der Unternehmen die derzeitige Wirtschaftspolitik als ein relevantes Geschäftsrisiko. Dieses Risiko hatte insbesondere unter der vorherigen Ampel‑Regierung deutlich an Bedeutung gewonnen und ist auch nach den Neuwahlen bislang nicht spürbar zurückgegangen. Die angekündigten Reformvorhaben der aktuellen schwarz‑roten Bundesregierung haben bislang nicht die erhofften positiven Impulse entfaltet und bleiben aus Sicht vieler Unternehmen hinter den Erwartungen zurück.
Zunehmende Sorgen bereiten den Unternehmen zudem die anhaltenden geopolitischen Spannungen. Rund 39 Prozent der Unternehmen nennen diese als relevantes Risiko. Neben dem fortdauernden Krieg in der Ukraine und dem Konflikt im Nahen Osten trägt auch die derzeit offensiv wahrgenommene außen‑ und handelspolitische Ausrichtung der US‑Regierung unter Präsident Trump zur Verunsicherung bei. Diese Entwicklungen erhöhen die Unsicherheit für die Unternehmen in Baden‑Württemberg spürbar.
Konjunkturimpuls durch Sondervermögen?
Die Industrie in Baden-Württemberg zeigt nach mehreren Monaten der Talfahrt erste Anzeichen einer leichten Erholung. Insbesondere die Exporterwartungen innerhalb Europas haben sich spürbar verbessert. Auch die Exportaussichten nach Süd- und Mittelamerika sowie nach Asien (ohne China) entwickeln sich zunehmend positiv. Besonders deutlich ist die Stimmungsaufhellung bei Unternehmen der Elektrotechnik. Vor diesem Hintergrund steigt der Lageindikator im Vergleich zur vorherigen Umfrage von –12 auf –5 Punkte an und verbleibt damit zwar noch im negativen Bereich, signalisiert jedoch eine merkliche Stabilisierung.
Die Bauwirtschaft verzeichnet nach einer mehrjährigen Schwächephase ebenfalls eine spürbare Belebung. Insbesondere der Auftragseingang im Wohnungsbau scheint nach langer Durststrecke wieder an Dynamik zu gewinnen. Begünstigt wird diese Entwicklung durch vergleichsweise stabile Finanzierungsbedingungen sowie eine moderate Entwicklung der Baukosten. Aktuell bewerten 30 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, während nur noch etwa 13 Prozent von einer schlechten Geschäftslage berichten – ein Rückgang um 4 Prozentpunkte gegenüber dem Herbst.
Der Groß- und Einzelhandel leidet weiterhin unter der schwachen Konsumlaune der privaten Haushalte. Auch das Weihnachtsgeschäft, das traditionell einen wichtigen Umsatzbeitrag leistet, fiel im vergangenen Jahr geringer aus als erhofft. Rund 71 Prozent der Einzelhändler bewerten das Kaufverhalten ihrer Kundschaft derzeit als zurückhaltend. Auch im Großhandel, der sowohl die Konsum- als auch die Produktionsseite bedient, zeichnet sich eine schwache Entwicklung ab: Der Bestelleingang bleibt insgesamt verhalten. Entsprechend verharrt der Lageindikator im Einzelhandel bei –9 Punkten, während die Geschäftslage im Großhandel mit einem Saldo von –8 Punkten häufiger schlecht als gut eingeschätzt wird.
Das Hotel- und Gastgewerbe steht ebenfalls weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Die schwache Nachfrage führt zu rückläufigen Umsätzen, während der Kostendruck weiter zunimmt. Treiber dieser Entwicklung sind unter anderem die Anhebung des Mindestlohns sowie steigende Energiepreise, die die Ertragslage zusätzlich belasten. Die Geschäftslage bleibt mit –10 Punkten deutlich im negativen Bereich; 30 Prozent der Unternehmen bewerten ihre aktuelle Situation als schlecht.
Das Transport- und Verkehrsgewerbe zeigt hingegen zu Jahresbeginn eine leichte Verbesserung. Der Lageindikator steigt gegenüber der vorherigen Umfrage von 2 auf 6 Punkte. Die Kapazitätsauslastung liegt mit rund 81 Prozent auf einem moderaten Niveau. Allerdings bleibt der Auftragseingang aufgrund der weiterhin schwachen konjunkturellen Entwicklung in der Industrie tendenziell rückläufig.
Ein weiterer Lichtblick findet sich im Bereich der sonstigen Dienstleistungen. Hier verbessert sich der Lageindikator von 23 auf 29 Punkte. Insbesondere Unternehmen aus den Bereichen der technischen, kaufmännischen und rechtlichen Beratung sowie Finanzdienstleister verzeichnen eine positive Entwicklung und tragen zur insgesamt stabilen Stimmung in diesem Sektor bei.
