Energie - 02.06.2026

Neuer europäischer LNG Bericht

Europa setzt stärker auf LNG

Flüssigerdgas bleibt ein zentraler Baustein der europäischen Gasversorgung. Laut der europäischen Agentur für Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) erreichten die LNG-Importe der EU im Jahr 2025 mit 146 Milliarden Kubikmetern einen neuen Höchststand. Damit ist die EU der weltweit größte LNG-Importeur, noch vor China und Japan. Die EU-Importe stiegen im Vergleich zum Vorjahr um rund 30 Prozent.
Der Bedeutungszuwachs ist eine Folge der veränderten Versorgungsstruktur seit der Energiekrise. Russische Pipeline-Lieferungen sind stark zurückgegangen, während LNG und Lieferungen aus Norwegen wichtiger geworden sind. Für Europa erhöht LNG damit die Versorgungssicherheit, macht die Gasversorgung aber zugleich stärker abhängig von globalen Märkten, internationalen Preisen und geopolitischen Risiken.

Hohe Importabhängigkeit bleibt ein Risiko

Die EU bleibt beim Gas importabhängig. Nach Angaben von ACER lag die Gasnachfrage der EU im Jahr 2025 bei 340 Milliarden Kubikmetern. Die heimische Erzeugung, einschließlich Biomethan, betrug dagegen nur 38 Milliarden Kubikmeter.
Besonders stark gewachsen ist die Rolle der USA. US-LNG machte 2025 rund 58 Prozent der europäischen LNG-Importe aus. Bezogen auf den gesamten Gasverbrauch der EU entspricht das etwa einem Viertel. Damit verschieben sich Abhängigkeiten: Weniger russisches Pipelinegas bedeutet nicht automatisch weniger Versorgungsrisiko. Vielmehr rücken neue Risiken in den Vordergrund, etwa Störungen an LNG-Anlagen, Engpässe bei Transportwegen oder geopolitische Spannungen in wichtigen Lieferregionen.

Spotmarkt schafft Flexibilität, erhöht aber Preissensibilität

Ein großer Teil der zusätzlichen LNG-Mengen wurde zuletzt kurzfristig über den Spotmarkt beschafft. Das verschafft Europa Flexibilität, erhöht aber auch die Anfälligkeit für Preisschwankungen. Dieses Risiko zeigen die Spannungen im Nahostkonflikt im März auf, bei denen die Preise von 30-50 Euro/MWh zwischenzeitig auf mehr als 70 Euro/MWh stiegen.

Dekarbonisierung verändert den künftigen LNG-Bedarf

Langfristig hängt der LNG-Bedarf stark vom Tempo der Dekarbonisierung ab. ACER zeigt hierfür unterschiedliche Szenarien auf. Im Fit-for-55-Szenario bleibt der LNG-Bedarf bis 2030 relativ stabil. Im ambitionierteren REPowerEU-Szenario sinkt er dagegen deutlich.
Das hat unmittelbare Bedeutung für künftige Vertragsentscheidungen. Im REPowerEU-Szenario geht ACER davon aus, dass die derzeit noch bestehende vertragliche Abnahmelücke von 54 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2025 rasch geschlossen wird. Ab 2029 könnte sogar ein Überschuss entstehen. ACER beziffert diesen für 2029 auf rund 20 Milliarden Kubikmeter und für 2030 auf rund 46 Milliarden Kubikmeter.
Damit entsteht ein neues Risiko: Was heute als Beitrag zur Versorgungssicherheit erscheint, kann mittelfristig zu einer wirtschaftlichen Belastung werden, wenn langfristig gebundene Mengen nicht mehr zum tatsächlichen Bedarf passen.

Was Unternehmen jetzt beachten sollten

Unternehmen sollten die Entwicklungen am LNG-Markt in ihre Energie- und Beschaffungsstrategie einbeziehen. Besondere Bedeutung hat hierbei eine realistische Einschätzung des eigenen künftigen Gasbedarfs. Neue Gas- oder LNG-bezogene Lieferverträge sollten darauf geprüft werden, ob Laufzeiten, Mindestabnahmemengen und Preisbindungen zur eigenen Dekarbonisierungsstrategie passen.
Da ACER im ambitionierten Dekarbonisierungsszenario ab 2029 von möglichen Überkapazitäten ausgeht, sollten Unternehmen bei neuen Verträgen auf ausreichende Flexibilität achten. Das betrifft vor allem feste Abnahmemengen, Take-or-pay-Regelungen und langfristige Preisbindungen. Andernfalls könnten finanzielle Risiken entstehen, wenn vertraglich gesicherte Mengen später nicht mehr benötigt werden.
Für viele Betriebe wird LNG nicht direkt beschafft. Trotzdem wirken sich globale LNG-Preise mittelbar auf Gaspreise, Strompreise und Energiekosten aus. Wer Beschaffungsrisiken streut, den eigenen Verbrauch senkt und Vertragsbindungen flexibel gestaltet, kann sich besser gegen Preisschwankungen und strukturelle Marktveränderungen absichern.
Den ganzen Bericht finden Sie hier: ACER - LNG market developments 2026