IHK Schwaben
Digitale Souveränität: Warum Unternehmen ihre Abhängigkeiten kennen sollten
Ein aktueller Fall aus der KI-Branche zeigt, wie schnell digitale Abhängigkeiten zum Geschäftsrisiko werden können: Das US-Unternehmen Anthropic hat den Zugang zu seinen neuen KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 nach Medienberichten auf Anordnung der US-Regierung eingeschränkt beziehungsweise vorübergehend deaktiviert. Begründet wurde der Schritt mit Fragen der nationalen Sicherheit; betroffen war insbesondere der Zugriff aus dem Ausland. Die Modelle gelten laut Berichten als besonders leistungsfähig, unter anderem bei Softwareentwicklung und dem Auffinden von Sicherheitslücken.
Veranstaltungshinweis: IHK Spezial Webinar zu “Digitaler Souveränität durch Open Source” am 24. September 2026.
Digitale Werkzeuge sind Teil der Wertschöpfung
Für Unternehmen ist dieser Fall ein deutlicher Hinweis: Digitale Werkzeuge sind heute nicht nur technische Hilfsmittel, sondern Teil der eigenen Wertschöpfung. Cloud-Dienste, KI-Anwendungen, Plattformen, Software-as-a-Service-Lösungen und digitale Lieferketten entscheiden darüber, wie arbeitsfähig ein Betrieb bleibt. Wenn zentrale Dienste durch politische Entscheidungen, Exportkontrollen, Anbieterwechsel, Preisänderungen oder technische Störungen kurzfristig nicht mehr verfügbar sind, kann das unmittelbare Folgen für Prozesse, Kundenservice, Produktion, Forschung oder IT-Sicherheit haben.
Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht, auf internationale Anbieter zu verzichten. Entscheidend ist vielmehr, handlungsfähig zu bleiben. Der Deutsche Bundestag beschreibt digitale Souveränität als die Fähigkeit und Möglichkeit von Individuen und Institutionen, ihre Rolle in der digitalen Welt selbstständig, selbstbestimmt und sicher ausüben zu können. Für Unternehmen heißt das: Sie sollten wissen, welche Daten, Anwendungen und Prozesse geschäftskritisch sind, welche Anbieter dafür genutzt werden und welche Alternativen im Ernstfall verfügbar wären.
Technologische Abhängigkeiten als strategisches Risiko
Auch die Bundesregierung sieht in technologischen Abhängigkeiten ein strategisches Risiko. Sie nennt ausdrücklich Bereiche wie Cloud-Dienste, Netzwerktechnik, Betriebssysteme, Künstliche Intelligenz, Halbleiter und Cybersicherheit als Felder, in denen Deutschland und Europa ihre Handlungsspielräume stärken wollen. Die Europäische Union verfolgt mit ihrem „Digital Decade“-Programm messbare Ziele bis 2030 in den Bereichen digitale Kompetenzen, digitale Infrastruktur, Digitalisierung von Unternehmen und digitale öffentliche Dienste.
Was Unternehmen konkret tun können
“Unternehmen sollten 2026 systematisches Risikomanagement, strenge Zugriffs- und Datennutzungsregeln und durchgängige Cyberresilienz von IT-Systemen priorisieren – nicht nur als Pflichtprogramm, sondern als Wettbewerbsfaktor.”
(Robert Mayer, Senior Director IT Group Fujitsu, lesen Sie hier das vollständige Interview)
Für kleine und mittlere Unternehmen ist digitale Souveränität vor allem eine Managementaufgabe. Dazu gehören eine Bestandsaufnahme der eingesetzten IT-Dienste, klare Zuständigkeiten, regelmäßige Datensicherungen, Vertragsprüfungen, Exit-Strategien, offene Schnittstellen und ein realistischer Notfallplan. Besonders bei Cloud- und KI-Diensten sollten Unternehmen prüfen, wo Daten verarbeitet werden, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten, ob sensible Informationen ausreichend geschützt sind und wie ein Anbieterwechsel praktisch möglich wäre.
Ein hilfreicher Ansatz ist die Vermeidung von einseitigen Abhängigkeiten. Dazu zählen interoperable Systeme, standardisierte Datenformate, dokumentierte Prozesse und die Möglichkeit, Daten ohne großen Aufwand zu exportieren. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat mit den „Criteria enabling Cloud Computing Autonomy“ einen Rahmen veröffentlicht, der Souveränitätseigenschaften von Cloud-Diensten transparenter machen soll.
Fazit: Digitalisierung braucht Risikobewusstsein
Der aktuelle KI-Fall zeigt: Digitale Souveränität ist kein abstraktes politisches Schlagwort. Sie betrifft die konkrete Resilienz von Unternehmen. Wer seine digitalen Abhängigkeiten kennt, Risiken bewertet und Alternativen vorbereitet, kann schneller reagieren, Kosten begrenzen und die eigene Wettbewerbsfähigkeit sichern. Für die regionale Wirtschaft wird es deshalb immer wichtiger, Digitalisierung nicht nur als Effizienzprojekt, sondern auch als Frage von Kontrolle, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit zu betrachten.
Lesen Sie mehr zum Thema in der aktuellen Ausgabe der “Bayerisch-Schwäbischen Wirtschaft” (BSW 6/2026).
