Positionspapier der IHK Schleswig-Holstein
Geplantes Azubiwerk der Landesregierung
Die IHK Schleswig-Holstein verfolgt das Ziel, Auszubildende bei Wohnen, Mobilität und finanziellen Belastungen während der Ausbildung besser zu unterstützen. Ein zentralisiertes, landesweites Azubiwerk mit neuen Verwaltungsstrukturen halten wir in der derzeit diskutierten Form jedoch nicht für den wirksamsten Weg.
Die laufende Azubi-Befragung der IHK Schleswig-Holstein mit 2842 Teilnehmenden zeigt: Die große Mehrheit der Auszubildenden ist mit ihrer Wohnsituation zufrieden, bevorzugt die eigene Wohnung und hat kaum Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen. Zugleich wird deutlich, dass Mobilität und Erreichbarkeit der Berufsschulstandorte mindestens so drängend sind wie das Thema Wohnen.
Unsere Position lautet deshalb: Kein Aufbau einer neuen, verwaltungsintensiven Landesstruktur, sondern gezielte Stärkung betrieblicher und regionaler Lösungen sowie ein schnell wirksames Azubi-Ticket.
Geplantes Azubiwerk der Landesregierung
Kernbotschaften
- Ziel richtig, Instrument fraglich: Auszubildende brauchen Unterstützung, aber ein zentralisiertes Azubiwerk mit neuer Verwaltungsstruktur ist nicht die wirksamste Antwort darauf.
- Die Befragung spricht für differenzierte Bedürfnisse: rund 80 Prozent sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden, nur 21,43 Prozent sind umgezogen, 88 Prozent bevorzugen die eigene Wohnung.
- Mobilität ist mindestens ebenso wichtig wie Wohnen: rund ein Drittel der Befragten braucht per ÖPNV länger als 45 Minuten zur Berufsschule.
- Betriebliche Unterstützung wirkt: Sie hat einen deutlich größeren positiven Einfluss auf die Wohnungssuche als familiäre Unterstützung.
- Regionale Vielfalt beachten: Die Lage in Kiel, Lübeck oder Flensburg unterscheidet sich erheblich von der in Dithmarschen, Nordfriesland oder Ostholstein.
- Doppelstrukturen vermeiden: Bestehende Beratungs- und Vermittlungsangebote der IHKs sollten gestärkt, nicht verdoppelt werden.
- Geld muss ankommen: Landesmittel sollten vorrangig in Azubi-Ticket, Mietzuschüsse sowie betriebliche und regionale Wohnprojekte fließen – nicht zuerst in neue Verwaltungsstrukturen.
Ausgangslage
Die Landespolitik plant die Gründung eines Azubiwerks für Schleswig-Holstein nach Vorbild des Studentenwerks. Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht dabei vor allem der Wohnraummangel für Auszubildende. Die IHK Schleswig-Holstein erkennt den Handlungsbedarf beim Thema Azubiwohnen ausdrücklich an: Bezahlbarer Wohnraum kann insbesondere für Auszubildende mit langen Pendelwegen, im Blockunterricht, für internationale Auszubildende oder in besonderen Lebenssituationen eine Herausforderung darstellen.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der laufenden IHK-Auszubildendenbefragung, dass die Debatte differenziert geführt werden muss. Die Daten sprechen dafür, dass die Herausforderungen von Auszubildenden deutlich breiter sind als die reine Frage des Wohnraums – und dass eine neue, verwaltungsintensive Landesstruktur nicht der richtige Ansatz ist. Wir sehen den zielführenderen Ansatz hingegen in regionalen und betriebsnahen Lösungen.
Ziel ist es nicht, das Thema Azubiwohnen grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr sollte deutlich gemacht werden, dass die vorliegenden Daten andere Prioritäten nahelegen als den Aufbau einer neuen landesweiten Institution.
Was die Auszubildenden sagen
Die IHK Schleswig-Holstein hat rund 2842 Auszubildende zum Thema Wohnen, Pendeln und Unterstützungsbedarf befragt. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Es gibt Unterstützungsbedarfe, aber keinen überzeugenden Beleg dafür, dass die Mehrheit der Auszubildenden eine neue zentrale Wohnstruktur benötigt.
1. Die große Mehrheit ist mit der Wohnsituation zufrieden
- 56,2 Prozent wohnen bei Eltern oder der Familie
- 26,4 Prozent wohnen in einer eigenen Wohnung
- 8,5 Prozent wohnen in einer WG
- 8,9 Prozent wohnen in Betriebswohnungen, Übergangslösungen oder sonstigem
- 80,4 Prozent bewerten ihre Wohnsituation als sehr zufrieden, zufrieden oder neutral
- Lediglich 19,6 Prozent sind mit ihrer Wohnsituation unzufrieden oder sehr unzufrieden
In der Summe bewerten damit rund 80 Prozent der Befragten ihre Wohnsituation als (sehr) zufrieden oder neutral. Die Wohnformen bei Eltern/Familie sowie die eigene Wohnung erreichen dabei die höchsten Zufriedenheitswerte; WGs schneiden am schlechtesten ab.
2. Die eigene Wohnung bleibt die klar bevorzugte Wohnform
83 Prozent der Befragten nennen die eigene Wohnung als Wunschmodell. Wohngemeinschaften und Wohnheime werden dagegen nur von rund zehn Prozent gewünscht. Selbst unter den Auszubildenden, die ihre Wohnungssuche als schwierig oder sehr schwierig bewerten, kann sich lediglich knapp die Hälfte vorstellen, potenziell in einem Azubiwohnheim zu wohnen.
3. Wo umgezogen wurde, ist die Wohnungssuche oft schwer – aber ein Wohnheim ist nicht die bevorzugte Antwort
56,62 Prozent der umgezogenen Auszubildenden bewerten die Wohnungssuche als schwer bis sehr schwer. Die wesentlichen Gründe sind:
- Zu hohe Mieten (80 Prozent)
- Keine passenden Angebote (46 Prozent)
- Keine Rückmeldung der Vermieter (42 Prozent)
- Ablehnung wegen Ausbildungsvergütung
Das bestätigt den grundsätzlichen Handlungsbedarf am angespannten Wohnungsmarkt. Die Befragung legt aber nahe, dass ein Azubiwerk in der derzeit diskutierten Form die Wohnpräferenzen und -bedürfnisse der Mehrheit der Auszubildenden höchstens eingeschränkt trifft.
4. Betriebliche Unterstützung wirkt deutlich besser als familiäre Unterstützung
Ein zentrales Ergebnis der Befragung ist der erhebliche positive Einfluss betrieblicher Unterstützung auf die Wohnungssuche von Auszubildenden. Familiäre Unterstützung ist im Vergleich sehr viel weniger erfolgreich. Betriebe sind häufig die ersten Ansprechpartner bei der Wohnungssuche und können durch regionale Netzwerke, Kooperationen mit Wohnungsunternehmen oder eigene Unterstützungsangebote wirksam zur Entlastung beitragen.
- 44 Prozent gaben an, dass bei Unterstützung durch die Betriebe die Suche leicht oder sehr leicht war,
- während lediglich 16 Prozent die Suche als sehr leicht oder leicht ohne Unterstützung durch den Betrieb empfunden haben
- familiäre Unterstützung sorgte für keine signifikante Erleichterung bei der Wohnungssuche
5. Mobilität ist mindestens genauso wichtig wie Wohnen
Viele Auszubildende legen erhebliche Wege zwischen Wohnort, Ausbildungsbetrieb und Berufsschule zurück. Insbesondere im ÖPNV überschreiten die angegebenen Fahrtzeiten häufig die 45-Minuten-Marke – dies betrifft rund ein Drittel der Befragten (32,72 Prozent) und besonders die Strecken vom Wohnort zur Berufsschule.
Viele Auszubildende haben akut nicht in erster Linie ein Wohnungsproblem, sondern ein Erreichbarkeitsproblem.
6. Auch bei den gewünschten Angeboten zeigt sich ein praktischer Bedarf
- 91 Prozent nennen günstige Miete.
- 74 Prozent nennen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten.
- 72 Prozent nennen Internet/gute Ausstattung.
- 71 Prozent nennen Nähe zum Ausbildungsbetrieb.
- Nur jeweils zehn Prozent nennen Gemeinschaftsräume oder Betreuung oder Ansprechpartner vor Ort.
Wenn Wohnangebote geschaffen werden, müssen sie bezahlbar, ruhig, gut erreichbar und regional passend sein. Ein umfassendes zentral organisiertes Betreuungsmodell ist aus den Rückmeldungen nicht ableitbar. Die gezielte dezentrale Förderung regionaler Projekte ist hier zielführender.
Warum ein zentrales Azubiwerk der falsche Ansatz ist
Schleswig-Holstein ist kein Stadtstaat
Die Wohnungs- und Ausbildungsmärkte unterscheiden sich zwischen den Regionen erheblich. Die Herausforderungen in Kiel, Lübeck oder Flensburg sind andere als in Dithmarschen, Nordfriesland oder Ostholstein. Ein Azubiwohnheim in einem der Ballungsgebiete wird dieser Vielfalt nur begrenzt gerecht. Die Stärke der dualen Ausbildung liegt gerade in ihrer regionalen Verankerung.
Der Bedarf ist kleiner und differenzierter als oft dargestellt
Die öffentliche Debatte vermittelt teilweise den Eindruck, fehlender Wohnraum sei ein flächendeckendes Problem für die Mehrheit der Auszubildenden. Die Daten zeigen: Das Problem ist real, aber kleiner und differenzierter als häufig dargestellt. Die große Mehrheit der Auszubildenden würde von einem zentralisierten Wohnheimangebot in einem Ballungsgebiet nicht profitieren, und gemeinschaftliche Wohnformen werden vom größten Teil der Azubis nicht nachgefragt.
Jeder Euro soll direkt bei den Auszubildenden ankommen
Ein neues Azubiwerk als eigene Anstalt des öffentlichen Rechts bräuchte Leitung, Verwaltung, Gremien, Personal, IT und Controlling. Diese Mittel fehlen dann für direkte Entlastung. Bei einem jährlichen Landeszuschuss in Millionenhöhe muss die Leitfrage lauten: Wie viel davon kommt unmittelbar bei Auszubildenden, Betrieben und regionalen Projekten an?
Bestehende Strukturen sollten gestärkt statt verdoppelt werden
Die IHKs stehen jungen Menschen, Auszubildenden und Betrieben bereits heute mit vielfältigen Angeboten zur Seite – von der Berufsorientierung über die Ausbildungsplatzvermittlung bis zur Beratung während der Ausbildung. Sinnvoller als der Aufbau neuer Parallelstrukturen ist es, diese gewachsenen, regional verankerten Strukturen zu stärken, sichtbarer zu machen und besser zu vernetzen.
Was stattdessen notwendig ist
Die IHK Schleswig-Holstein schlägt ein regionales, betriebsnahes Maßnahmenpaket vor, das dort ansetzt, wo die Befragung den größten Hebel identifiziert.
1. Landesweites Azubi-Ticket einführen
Ein attraktives, landesweites Azubi-(Deutschland-)Ticket wäre hinsichtlich einer effizienten Verwendung von Landesmitteln vermutlich der deutlich größere Hebel. Es ist flächendeckend und ohne Bauzeit umsetzbar, hilft sofort und stärkt zugleich die Attraktivität der dualen Berufsausbildung insgesamt.
2. Betriebliche Wohnraumlösungen fördern
Betriebe sind zentrale Akteure der Fachkräftesicherung. Wer Azubiwohnungen baut, Wohnungen anmietet oder Werkswohnungen reaktiviert, sollte unterstützt werden – etwa durch steuerliche Anreize für Arbeitgeberzuschüsse zu Unterkunftskosten sowie eine stärkere Förderung betrieblicher oder genossenschaftlicher Wohnprojekte.
3. Regionale Kooperationen und Netzwerke stärken
Kooperationen zwischen Betrieben, Kommunen und Wohnungswirtschaft sowie die gezielte Vermittlung vorhandenen Wohnraums über regionale Netzwerke sollten ausgebaut werden. Erfolgreiche Beispiele wie das Nordseekollektiv oder die Aktivitäten von Brunsbüttel Ports zeigen, dass passgenaue Wohnraumlösungen dort entstehen, wo Betriebe, Kommunen und regionale Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen.
4. Bestehende soziale Wohnraumförderprogramme stärker nutzen
Statt neue Verwaltungsstrukturen aufzubauen, sollten bestehende Förderprogramme für junges Wohnen stärker für die Bedarfe von Auszubildenden geöffnet und, wo erforderlich, weiterentwickelt werden.
5. Mobilität ganzheitlich verbessern
Neben dem Azubi-Ticket sollten weitere mobilitätsfördernde Maßnahmen geprüft werden, etwa ein Führerschein für Azubis ab 17 oder vergleichbare Ansätze, um die Erreichbarkeit von Ausbildungsstandorten im Flächenland zu verbessern.
6. Härtefälle im Blick behalten – ohne automatische Ableitung einer Landesstruktur
Für einzelne Zielgruppen – internationale Auszubildende, Auszubildende im Blockunterricht, mit sehr langen Anfahrtswegen oder in besonderen sozialen oder familiären Belastungssituationen – können ergänzende Wohnangebote in Form eines Wohnheimes sinnvoll sein. Daraus folgt jedoch nicht automatisch die Notwendigkeit einer flächendeckenden Landesstruktur in der derzeit diskutierten Form.
7. Vor einer Strukturentscheidung: Bedarf sauber ermitteln
Kritisch zu bewerten ist insbesondere die Schaffung einer neuen Anstalt des öffentlichen Rechts. Auch von Seiten des Landes sollten die Auszubildenden zunächst zu ihrem tatsächlichen Unterstützungsbedarf befragt werden. Erst auf dieser Grundlage sollte über geeignete Strukturen entschieden werden – und geprüft werden, ob vorhandene Akteure und bestehende Förderinstrumente gestärkt und weiterentwickelt werden können, anstatt zusätzliche Verwaltungsstrukturen aufzubauen.
Fazit
Die IHK Schleswig-Holstein unterstützt das Ziel, die Wohn- und Lebenssituation von Auszubildenden zu verbessern. Die Befragungsergebnisse zeigen jedoch, dass ein Azubiwerk in der derzeit diskutierten Form den Wohnbedürfnissen der Mehrheit der Auszubildenden voraussichtlich nicht gerecht wird und die Herausforderungen von Auszubildenden breiter sind als die reine Frage des Wohnraums.
Schleswig-Holstein braucht keine Kopie von Studentenwerken und keine neue, verwaltungsintensive Landesstruktur. Schleswig-Holstein braucht ein regionales, betriebsnahes Maßnahmenpaket: ein attraktives Azubi-Ticket, gezielte Unterstützung bei Wohnkosten, bessere Bedingungen für betriebliche und regionale Wohnprojekte sowie passgenaue Angebote für besonders betroffene Gruppen. Die IHKs stehen bereit, Bedarfe sichtbar zu machen und regionale Partner zu vernetzen.
Die beste Unterstützung für Auszubildende ist die Hilfe, die vor Ort ankommt.