Positionspapier der IHK Schleswig-Holstein

Maritime Industrie: Schiffbau und mehr

Kurzfassung
Die maritime Industrie ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor für Schleswig-Holstein und prägt zahlreiche Regionen im Land. Ihre Stärke beruht auf spezialisierten Werften und Zulieferbetrieben, innovativen Offshore-Projekten, maritimer Sicherheitstechnologie und einer leistungsfähigen Forschungslandschaft. Damit die maritime Industrie ihre Bedeutung für Beschäftigung, Wertschöpfung und technologische Souveränität langfristig sichern kann, braucht sie verlässliche politische Entscheidungen.

Unternehmen stehen zunehmend unter Druck: lange Genehmigungsverfahren, fehlende Planungssicherheit, fragile Lieferketten sowie steigende Anforderungen in Energie-, Sicherheits- und Nachhaltigkeitspolitik bremsen Investitionen aus. Aus Sicht der Wirtschaft ist klar: Schleswig-Holstein benötigt schnellere Verfahren, eine koordinierte Industrie- und Standortpolitik sowie gezielte Unterstützung bei Innovation, Infrastruktur und Fachkräftesicherung.

Diese Kurzfassung zeigt, welche politischen Weichenstellungen notwendig sind, um die maritime Industrie zukunftsfähig zu halten und ihren Beitrag zur regionalen Wertschöpfung zu stärken. Die Langfassung liefert die ausführlichen Hintergründe.

Sicherheit und maritime Industriepolitik

Die maritime Industrie ist ein zentraler Baustein technologischer Souveränität und nationaler Sicherheit. Damit Schleswig-Holstein seine Rolle ausbauen kann, braucht es klare industriepolitische Leitplanken, praktikable Regeln für Cyber- und Drohnenabwehr sowie schnellere Sicherheits- und Genehmigungsverfahren. Die neue europäische Industriestrategie und die nationalen industriepolitischen Rahmen bieten Chancen, Schlüsseltechnologien, Offshore-Energie und maritime Digitalisierung im Land zu verankern und regionale Stärken sichtbarer zu machen. Gleichzeitig muss die Resilienz der Wertschöpfungsketten gestärkt werden – durch verlässliche Verfahren, verbessertes Datenmanagement und eine engere Koordination zwischen Behörden und Unternehmen.
Die Bedrohungslagen verändern sich: digitale Angriffe, Drohnen über und unter Wasser sowie Störungen maritimer Infrastrukturen nehmen zu. Werften und Zulieferer benötigen dafür belastbare Sicherheitsstandards, planbare Sicherheitsüberprüfungen und eine bessere Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden. Auch zentrale Anliegen der Wirtschaft – der Schutz kritischer Infrastruktur, praktikablere Dokumentationspflichten und die stärkere Berücksichtigung von Dual-Use-Technologien – bleiben entscheidend. Mit dem TechHUB SVI Nord entsteht zudem ein wichtiger Knotenpunkt für maritime Sicherheitstechnologien, der Innovationen schneller in die Anwendung bringen soll.

Forderungen

  • Europäische und nationale maritime Industriestrategie umsetzen
  • Schlüsseltechnologien schützen und fördern
  • Cybersecurity, Drohnenabwehr und Schutz kritischer Infrastruktur stärken
  • Datenmanagement und Behördenkoordination verbessern
  • Dual-Use stärker berücksichtigen
  • Verfahren bei Sicherheitsüberprüfungen beschleunigen
  • Finanzierung zur Bergung von Munition im Meer sichern: die Plattformen sind eine neue Aufgabe für Werften und Zulieferer
  • Entbürokratisierung bei Genehmigung und Dokumentationspflichten vorantreiben
thomas-buhck
Schleswig-Holsteins maritime Industrie sichert Wertschöpfung, Technologiekompetenz und unsere nationale Handlungsfähigkeit auf See. Wir brauchen politische Entscheidungen, die Werften, Zulieferer und Offshore‑Projekte stärken – damit die Unternehmen investieren, Innovationen vorantreiben und die maritime Zukunft unseres Landes gestalten können.
Thomas Buhck
Präsident IHK Schleswig-Holstein

Zeitenwende und maritime Defense

Die sicherheitspolitische Zeitenwende erhöht den Bedarf an modernen Marineschiffen, Sensorik, Drohnen und autonomen Systemen. Für die maritime Industrie in Schleswig-Holstein bedeutet das: Die Marine braucht Planbarkeit – und die Unternehmen benötigen verlässliche, schnelle und mehrjährige Beschaffungsprogramme, damit Kapazitäten aufgebaut, Investitionen ermöglicht und Fachkräfte gehalten werden können.
Künftig prägen Querschnittstechnologien wie maritime Cyberabwehr, autonome Über- und Unterwassersysteme, kombinierte Drohnenlösungen sowie digitale Navigations- und Abwehrsysteme die maritime Sicherheit. Viele dieser Technologien entstehen im zivilen Umfeld und sollten schneller als bisher in militärische Nutzung übergehen. Geeignete zivile Produkte sollten daher stärker in Beschaffungsprozesse einfließen, um Entwicklungszeiten zu verkürzen und Fähigkeiten schneller bereitzustellen.
Schleswig-Holsteins Werften und Zulieferer tragen bereits heute zentrale Verantwortung für die Marine. Damit diese Wertschöpfungsketten stabil bleiben, müssen Sicherheitsstandards, Exportgenehmigungen, Finanzierung und die norddeutsche Zusammenarbeit besser verzahnt werden. Eine starke maritime Defense braucht moderne Werften und widerstandsfähige Zulieferstrukturen – insbesondere bei kleinen und mittleren Betrieben.

Forderungen

  • zügige und planbare Beschaffungsentscheidungen herbeiführen
  • Beschaffungsprozesse straffen, insbesondere beim Marineschiffbau
  • Zivil-militärische Synergien konsequent nutzen
  • Zulieferer frühzeitig in Projekte einbinden
  • Mehrjahresprogramme zur Grundauslastung der Werften etablieren
  • Sicherheitsstandards (SÜG, AQAP, Verteidigungsgerätenormen) konsistent anwenden
  • Finanzierung sicherheitsrelevanter Vorhaben (zum Beispiel Defense-Shipbuilding-Instrumente) verbessern

Wettbewerbsdruck

Die maritime Industrie steht unter hohem Transformations-, Finanzierungs- und Innovationsdruck. Neben schnelleren Planungs- und Genehmigungsverfahren braucht es eine Industriepolitik, die maritime Wertschöpfungsketten stärkt – von Werften über Zulieferer bis zu maritimen Dienstleistern.
Schleswig-Holstein kann strategische Vorteile nutzen: den Bau von Konverterplattformen, Spezialschiffen für Offshore-Wind, Anlagen für Wasserstoffproduktion auf See, Rückbau- und Recyclingtechnologien, Plattformen für die Munitionsbergung aus dem Meer sowie weitere innovative maritime Energiesysteme. Diese Felder müssen politisch flankiert werden – durch geeignete Förderprogramme, Finanzierungsmöglichkeiten und verlässliche Rahmenbedingungen.
Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und Recycling gewinnen an Bedeutung. Schleswig-Holstein kann sich als Pilotstandort für maritimes Recycling positionieren – insbesondere beim Rückbau von Offshore-Anlagen und perspektivisch beim Schiffsrecycling. Dafür braucht es verfügbare Flächen, geeignete Infrastruktur, praktikable Genehmigungswege und Anpassungen im Bundesrecht.
Infrastruktur bleibt ein Schlüsselfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit: schiffbare Wasserwege, sanierte Kaikanten, leistungsfähige Häfen, funktionsfähige Schleusen sowie moderne Straßen- und Schienenanbindung im ganzen Land.

Forderungen

  • Wettbewerbsfähige Finanzierungsrahmen schaffen: Aval-Entlastung, Bürgschaftsprogramme, steuerliche Verbesserungen
  • Infrastruktur modernisieren: Kaikanten, Häfen, Wasserwege, Straßen, Schiene
  • Raumordnung: Industrieflächen sichern, Werften schützen
  • Förderung für Antriebswende, Offshore-Wind, Recycling und innovative Produktionstechnologien ausbauen
  • Bürokratieabbau bei Förderprogrammen und Planungsverfahren beschleunigen
  • Rohstoffsicherheit und Kreislaufwirtschaft stärken
  • Fachkräftegewinnung, Einwanderung und Qualifizierung erleichtern

Langfassung als Download

Die Langfassung beleuchtet die Chancen und Herausforderungen der maritimen Industrie und zeigt, welche zentrale Bedeutung dieser Wirtschaftszweig für Schleswig-Holstein hat. Sie greift sowohl die thematischen Schwerpunkte als auch die besonderen strukturellen Bedingungen im Land auf. Klar ist: Gute Rahmenbedingungen, verlässliche Planungsgrundlagen und effiziente Verfahren sind entscheidend, damit die maritime Industrie in Schleswig-Holstein auch künftig stark bleiben und weiterwachsen kann.
Erarbeitet wurde die Langfassung gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und maritimen Institutionen. In den Austausch eingeflossen sind zudem die Perspektiven des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), der die Interessen der deutschen Schiffbauindustrie vertritt, sowie des VDMA e. V., der Organisation der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, die unter anderem die maritime Zulieferindustrie repräsentiert. Dieses breite fachliche Fundament gewährleistet, dass die Langfassung die wirtschaftliche Realität der Branche treffend abbildet und zugleich klare Impulse für die zukünftige Standort- und Industriepolitik setzt.
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