Positionspapier der IHK zu Kiel
Kursrichtung für ein modernes klimaneutrales Industrieland Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein steht vor großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Globaler Wettbewerb, Digitalisierung und die Transformation hin zu einer modernen nachhaltigen Wirtschaft verlangen entschlossenes Handeln. Standort- und Ordnungspolitik müssen ineinander greifen, damit wir den Standort stärken, Innovation fördern und die Rahmenbedingungen für ein klimaneutrales Industrieland schaffen können. Forderungen und Impulse aus Anfang, Ansiedlung und Aufbruch.
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1. Anfang – Impulse für neue Dynamik
Forderung 1: Industrielle Ausbildung und Fachexpertise sichern
Vorschläge:
- Obligatorische/Propädeutische Entrepreneurship-Module besonders in technischen-naturwissenschaftlichen Studiengängen und dualen Ausbildungen.
- Gründerstipendien für technische Studiengänge, Ausbau von Formaten wie dem Azubi-Kolleg für exzellente berufliche Bildung und einer politischen Initiative zur Öffnung der politischen Exzellenz-Stiftungen für berufliche Aus- und Weiterbildungen.
- Ausbau von MINT-Förderung an Schulen und frühkindlicher Bildung; Etablierung einer Internationalen Schule Schleswig-Holstein zur Sicherung internationaler Fachkräfte und Spezialisten.
- Systemische Stärkung der dualen Ausbildung, insbesondere in Ballungszentren und ländlichen Räumen durch den Aufbau von Bildungsinternaten und Wohnheimen, sowie langfristig gesicherte und flexible Verfügbarkeit bei beruflichen Lehrkräften.
- Flächendeckender Ausbau des WiPo-Unterrichts an weiterführenden Schulen mit einem Modulschwerpunkt auf unternehmerischem Denken und Handeln.
- Aus- und Weiterbildung der Lehrerschaft zum Thema Entrepreneurship Education.
Der wirtschaftliche Erfolg von morgen beginnt heute. Gründungen und Innovationen sind die Grundlage für eine zukunftsfähige Industrie und die Wirtschaft von morgen. Damit Schleswig-Holstein ein attraktiver Standort für neue Ideen bleibt, müssen wir die richtigen Voraussetzungen schaffen: Zugang zu Wissen, Kapital und Netzwerken sowie einfache und schnelle Prozesse.
Forderung 2: Infrastruktur und Netzwerke ausbauen
Vorschläge:
- Förderung branchenspezifischer Innovationszentren für industrielle Anwendungen und Ausbau regionaler Cluster und Reallabore für Zukunftstechnologien (Maschinenbau, Gesundheitswirtschaft, Digitalwirtschaft, maritime Wirtschaft, Bahntechnik).
- Ausbau des Wagnis-Kapitals durch Verstetigung und langfristige Aufstockung des Seed- und Start-Up-Fonds SH.
- Internationalisierung und Europäisierung der Gründungsstruktur durch Vernetzung stärken, zum Beispiel durch den Einsatz des Enterprise Europe Network und Kompetenzzentren im Ostseeraum/Nordeuropas.
Forschung 3: Gründungen erleichtern, Innovationen durch Bürokratierückbau beschleunigen
Vorschläge:
- Einführung eines One-Stop-Shops, als zentraler Servicepunkt für alle administrativen und bürokratischen Schritte zur Unternehmensgründung.
- Vollständig digitale Antragsverfahren mit Echtzeit-Statusverfolgung.
- Erhöhung der Planungssicherheit für Gründer durch realistische Entscheidungsfristen je nach Art und Umfang des Vorhabens.
2. Ansiedlung – Zukunftsbranchen gezielt entwickeln
Forderung 1: Ansiedlungsstrategie schärfen und Ausdifferenzieren
Vorschläge:
- Aufnahme starker Zukunftsbranchen in die Ansiedlungsstrategie, zum Beispiel maritime Wirtschaft und Bahntechnik, mit Alleinstellungsmerkmalen im Bedarf an Vorbehaltsflächen wie zum Beispiel Wasserzugang.
- Gewerbe- und Industriegebiete differenzieren, um spezifisch emissionsstarke Industrie in geschützten Lagen zu entwickeln und nachhaltig zu stärken, Wohnbebauung und Industrieflächen baulich getrennt halten.
- Durch den Wegfall von Konversionsflächen: Flächensparziel des Landes klarer definieren und differenzieren sowie an den neu entstandenen Flächenbedarf anpassen.
Schleswig-Holstein muss seine Stärken ausbauen und neue Potenziale erschließen. Dazu gehören klare Strategieansätze für Schlüsselbranchen, moderne Industrieflächen und ein Umfeld, das Investitionen erleichtert. Dies gilt für Ansiedlungen externer Unternehmen, wie für an- und umsiedlungsbedingtes organisches Wachstum gleichermaßen.
Forderung 2: Verteidigungsindustrie systemisch verankern
Vorschläge:
- Förderung von Dual-Use-Technologien (zivil und militärisch nutzbar), Technologie-Transfer von militärischer in zivile Nutzung fördern.
- Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie als Querschnittsbranche definieren und gezielt fördern.
- Militärische Forschung- und Entwicklung landesweit sichern und an den Hochschulen verlässlich verankern; Kooperationsoptionen rechtlich sichern.
Forderung 3: Standortbedingungen ausbauen und Planungssicherheit schaffen
Vorschläge:
- Ansiedlungserstberatung für Kommunen etablieren, bei Ansiedlungsverfahren zur Entlastung ehrenamtlicher Bürgermeister und Akzeptanzsteigerung.
- Planbare Umsetzung der Büsumer Liste, mit verlässlichem Zeit- und Finanzierungshorizont, belastbare Erhaltungs- und Ertüchtigungskonzepte/ -programme der Infrastruktur festschreiben.
- Erneuerbare Energie als Wettbewerbsvorteil durch regulatorische und fiskalische Anreize weiter ausbauen, europäische und nationale Steuerungs-
modelle und -regulatorik evaluieren und resultierend Anpassungen anschieben.
3. Aufbruch – Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wachstum
Forderung 1: Regulatorik modernisieren und verlässlich und belastbar gestalten
Vorschläge:
- Überprüfung und gezielte Anpassung von BImSchG, UVPG und BauGB für schnellere Verfahren und für die Wirtschaft nutzbare Vorgänge.
- Einführung klarer Regeln für Vergabeverfahren, Harmonisierung von Naturschutzrecht und beeinflussten Rechtsgebieten, um Planungshemmnisse zu reduzieren.
- Wiedereinführung der materiellen Präklusion (europarechtskonform).
- Ausweitung der Stichtagsregelung für zum Beispiel Gutachten, gesetzliche Regelungen, Grenzwerte Kartierungen sowie vollständige Digitalisierung der Verfahren inkl. zentraler Plattform für Gutachten und Pläne.
Forderung 2: Strategische Ansätze harmonisieren und zielgerichtet Interessen des Landes vertreten
Vorschläge:
- Abstimmung von EU-, Bundesstrategien, wie der Innovationsstrategie, einer Europäischen Hafenstrategie und Impulsen aus dem Draghi Report mit Landesstrategien.
- Landesvertretung Schleswig-Holstein in Berlin sowie das Hanse Office Brüssel in der strategischen Umsetzung einbinden, um strategischen Entwicklungen frühzeitig einzubinden. Beide Institutionen müssen aktiv als strategische Interessenvertretung des Landes eingesetzt werden.
- Aufbau einer maritimen Industriestrategie für Schleswig-Holstein, für den Ausbau des Alleinstellungsmerkmals; Klimaneutralität und Nachhaltigkeit durch steuerungspolitische Instrumente wettbewerbspolitisch gestalten.
Forderung 3: Strategische Standortfaktoren und Ordnungspolitische Gesetzgebung zuverlässig und langfristig steuern
Vorschläge:
- Strategien, Programm und Maßnahmenkonzepte legislaturübergreifend, durch Regierung und Opposition, auch bei Regierungswechsel verlässlich umsetzen, wie zum Beispiel Landestraßensanierung, Fördermaßnahmen und haushaltspolitische Schwerpunkte.
- Gesetzgebungsprozesse, Richtlinien und Verordnungen landes-, bundes- und europarechtlich gleich umsetzen. Europäische Gesetzgebungen wie ein Lieferkettengesetz müssen europäisch harmonisiert umgesetzt werden.
- Standort- und ordnungspolitische Rahmenbedingungen funktional gestalten, statt politischer Einzelmaßnahmen. Beispielsweise Stärkung der allgemeinen Berufsorientierung und adäquater Ausstattung der subsidiären Strukturen statt Prämien, Sonderzahlungen und Nachschiebelisten.
Ein starker Standort braucht verlässliche und moderne Rahmenbedingungen. Strategien müssen langfristig gedacht, Gesetze angepasst und Verfahren beschleunigt werden. Nur so können wir Investitionen ermöglichen und die Transformation erfolgreich gestalten.