IHK Magazin
Nr. 7195446
5 min
07 | 2026

Integration: "Menschen eine Chance geben"

Das Team des Badischen Hofs in Seckenheim sieht es als seine Aufgabe an, Auszubildenden mit Flucht- und Migrationshintergrund unter die Arme zu greifen. Menschen wie Ivana Strobel.
Ivana Strobel ist zehn Jahre alt, als ihre Eltern beschließen, das Mädchen zur Schwester der Mutter, Ivanas Tante, zu schicken. Sie soll eine gute Ausbildung erhalten, eine sichere Zukunft haben. Zwischen der Tante und Ivanas Zuhause liegen 5.000 Kilometer Luftlinie. Ivana Strobel stammt aus Accra, der Hauptstadt von Ghana, die Tante lebt in Mannheim.
Elf Jahre später sitzt die junge Frau an einem heißen Sommertag im Innenhof des Badischen Hofs in Seckenheim. Sie hat gerade ihre IHK-Abschlussprüfung zur Köchin bestanden. Sie lacht, und mit ihr lachen Klaus Wamich und Florian Polomski.
Polomski, bis Ende 2025 Betreiber des Restaurants im inzwischen geschlossenen Mannheimer Fernmeldeturm, hatte Mitte Januar die Nachfolge des bisherigen Küchenchefs und Geschäftsführers Wamich im Seckenheimer Traditionshaus angetreten.
Polomski ist also Ivana Strobels Chef, Wamich hatte sie als Auszubildende eingestellt. Da hat Strobel bereits zwei Ausbildungsbetriebe hinter sich. “Der erste bedeutete viel Fahrerei mit der Bahn. Beim zweiten hatte ich nicht das Gefühl, dass wir als Auszubildende gefördert werden und dass uns etwas zugetraut wird. So hatte ich mir das nicht vorgestellt”, erzählt Ivana Strobel.
Sie wendet sich an die IHK Rhein-Neckar, die Klaus Wamich anruft. Nach einem Gespräch mit Ivana Strobel ist für diesen klar: Er bietet ihr eine Fortsetzung der Ausbildung an, aber nicht als Fachkraft Küche, eine theoriereduzierte zweijährige Ausbildung, sondern als Köchin.
Wamich, der seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Prüfer für die IHK tätig ist, erinnert sich:
Vor mir saß eine tolle Frau, die das Potenzial dazu hatte
Bei ihrer Prüfung müssen die angehenden Köche aus zwei vorgegebenen Körben mit Lebensmitteln einen auswählen und daraus in vier Stunden ein Drei-Gänge-Menü zubereiten. Bewertet wird dann, ob das Ergebnis “verkaufsfähig” ist, also ansprechend aussieht und schmeckt, aber auch, ob Dinge wie Hygienevorschriften eingehalten wurden.
Ivana Strobel besteht mit Bravour. Leistung zu bringen, sei für sie selbstverständlich, sagt sie. “Das Schulsystem in Ghana ist streng, wir werden dazu erzogen, das Beste zu geben.”
Mit dieser Einstellung landet sie damals in Deutschland, und entwickelt sich nach einem schweren Start als Schwarzes Kind in einer Grundschulklasse, wo sie Ausgrenzung und Rassismus erfahren muss, zu einer Vorzeigeschülerin. Die Lehrkräfte an einer Gemeinschaftsschule erkennen bald, dass Ivana Strobel unterfordert ist, und so wechselt sie in der achten Klasse aufs Gymnasium.
Doch kurz vor dem Abitur kommt ein Zusammenbruch, Ivana Strobel macht sich selbst so viel Druck, dass sie die Schule verlässt.
Ivana Strobel erzählt:
Ich wollte etwas mit den Händen machen, Skills fürs Leben lernen
Da sie, seit sie 16 ist, in einem Café jobbt, dort Kuchen backt und Frühstücke bereitet, schien eine Ausbildung in der Gastronomie naheliegend. Nun ist Ivana Strobel ausgebildete Köchin, und sie weiß, dass sie dies nicht zuletzt Wamich und Polomski verdankt.
Die beiden Unternehmer, die selbst als Köche in der Welt herumgekommen sind, sehen es als eine ihrer Hauptaufgaben an, junge Leute für den Beruf zu begeistern.
Florian Polomski:
“Die Gastronomie braucht Fachkräfte, also müssen wir sie auch ausbilden”, sagt
Er habe dabei nicht nur seinen eigenen Betrieb im Blick, sondern die Branche im Ganzen. Dass heutzutage nicht alle Bewerber die notwendigen Voraussetzungen mitbringen, wissen sie.
Trotzdem oder gerade deshalb engagieren sie sich für Menschen mit gebrochenen Bildungsbiografien, mit Flucht- und Migrationshintergrund. “Diese Menschen brauchen eine Chance”, sagt Wamich und sieht es dann gelassen, wenn ein Lehrling, mit dem die Kommunikation auf Deutsch am Anfang noch stockt, statt einer Limette eine Zitrone aus dem Kühlhaus bringt und nicht weiß, wie Sellerie richtig geschrieben wird.
Er weiß, wenn er den Menschen unter die Arme greift, wenn er Zeit investiert, geduldig ist, stehen am Ende der zwei- oder dreijährigen Ausbildung stolze Fachkräfte vor ihm. “Und das Gute daran: Die meisten bleiben. Meine komplette Kochbrigade bestand aus Menschen, die ich selbst ausgebildet habe”, sagt Wamich.
Ivana Strobel wird dem Badischen Hof allerdings nicht erhalten bleiben. Sie will studieren, Sprachen an der Universität Freiburg.
Dafür gibt es schon einen neuen Auszubildenden, einen jungen Mann aus Afghanistan, der seit Anfang September mit an Bord ist. “Er war vorher zwei Wochen hier zum Praktikum und hat richtig Lust auf den Job”, freut sich Polomski.
Die Motivation von Geflüchteten sei in der Regel hoch. “Sie wollen ja nicht nach Hause zurück, sondern hoffen auf eine Chance für ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland.”

Vier IHK-Tipps zur Integration von Menschen mit Fluchtgeschichte

  1. Onboarding: Die Menschen an die Hand nehmen. Der Einstieg ins Berufsleben stellt für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund eine besondere Herausforderung dar. Für eine nachhaltige Integration im Unternehmen wird mitentscheidend sein, wie die neuen Mitarbeiter willkommen geheißen werden.
  2. Regelmäßige Gespräche: Mit den Menschen reden. Um sprachliche Barrieren zu überwinden, (kulturelle) Missverständnisse zu vermeiden und rechtzeitig Probleme zu erkennen, sollten gute Kommunikationskanäle etabliert werden. In regelmäßigen Gesprächen können Ziele und Erwartungen adressiert, Verhaltensregeln transportiert werden. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, sich nach dem Befinden der Menschen zu erkundigen.
  3. Belegschaft einbeziehen: Transparent sein und Mitarbeiter aktiv den Integrationsprozess gestalten lassen. Gegenüber Mitarbeitern mit Flucht- und Migrationserfahrung können Vorbehalte oder Befürchtungen bestehen. Gleichzeitig sind die neuen Mitarbeiter auf die Unterstützung aus dem Team angewiesen. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von Fachwissen, sondern auch um ungeschriebene Gesetze der Unternehmenskultur. Die Installation von Paten im Unternehmen können die Integration erleichtern. Auch Kontakte außerhalb der Arbeit, etwa die Mitnahme zu örtlichen Vereinen, können helfen.
  4. Sich Hilfe holen: Viele Menschen mit Fluchterfahrung haben keine formale Qualifizierung. Über die Bundesagentur für Arbeit besteht die Möglichkeit eines Langzeitpraktikums von mindestens vier Monaten, längstens einem Jahr. Am Ende sollte ein Ausbildungsvertrag stehen. Sollte ein Ausbildungsgehalt nicht ausreichen, weil schon Familie da ist, gibt es ebenfalls Unterstützung von der Bundesagentur für Arbeit. Bei Schwierigkeiten während der Ausbildung bestehen verschiedene Mentorenprogramme mit dem Ziel, einen Abbruch der Ausbildung zu verhindern.
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