Trend zu interkommunalen Gewerbegebieten
Was bringt Unternehmen dazu, in Bayern und der Region Oberpfalz- Kelheim zu investieren? Welche Strukturen sind wichtig? Und was haben ortsansassige Firmen davon? Antworten darauf hat Korbinian Göths, stellvertretender Leiter des Bereichs Investor Services Energy & CleanTech bei Invest in Bavaria, der Ansiedlungsagentur des Freistaats Bayern.
Korbinian Göths, stellvertretender Leiter des Bereichs Investor Services Energy & CleanTech bei Invest in Bavaria.
Herr Göths, worauf achten Unternehmen, die sich in Bayern ansiedeln wollen?
Korbinian Göths: Zu den wichtigsten Pluspunkten Bayerns zählen gut ausgebildete Fachkräfte mit hohem Bildungsniveau, Netzwerke für beinahe jeden Wirtschaftsbereich, rechtssichere Bescheide von Behörden. Aber natürlich auch der insgesamt starke Wirtschaftsraum Bayern mit exzellenter Infrastruktur, nicht nur bei Schiene und Flughafen, sondern auch bei Häfen und Pipelines und im Bereich Bildung. Zunehmend ist auch die politische Stabilität ein Pluspunkt des Standorts Bayern. Gerade im internationalen Vergleich wird diese als positiv bewertet.
Gibt es so etwas wie die Top 3 der Standort-Kriterien?
Auch wenn es im Einzelfall natürlich immer wieder Abweichungen gibt, sind die wichtigsten Kriterien aus meiner Erfahrung Flächenverfügbarkeit, Fachkräfte sowie Netzwerke und Infrastruktur. Die Flächenverfügbarkeit ist zwar ein Thema, das zunehmend schwieriger wird, aber immer wieder neue Perlen zutage bringt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bürgermeister aus dem Landkreis Tirschenreuth, der bei der Erschließung neuer Gewerbeflächen auch gleich das Thema Wohnraum mitgedacht hat. Was die Fachkräfte anbelangt, so kann man sagen, dass der Freistaat Bayern sowohl durch Top-Universitäten und Fachhochschulen in allen Regierungsbezirken punktet, als auch durch gut ausgebildete Fachkräfte. Immer wieder wird uns in Gesprächen mit Unternehmen auch mitgeteilt, dass Fachkräfte in Bayern weniger wechselwillig sind als in anderen Ländern. Wenn wir auf Netzwerke und Infrastruktur schauen, sind dies auf den ersten Blick vielleicht zwei Themen, die nur schwer vereinbar sind – durch die gute Infrastruktur im Freistaat konnten sich allerdings viele Netzwerke ausbilden. So kann man in Bayern nicht nur schnell Waren, sondern auch Wissen austauschen. Die Netzwerkbildung beginnt meist schon an den vielen Hochschulen im Freistaat.
Wie lange dauert ein durchschnittlicher Anbahnungsprozess – welche Zeitspanne vergeht zwischen Interessenbekundung und zum Beispiel Grundstückskauf?
Das ist stark abhängig vom einzelnen Projekt. Das Suchen eines Büros für zehn Personen in Regensburg ist deutlich einfacher als eine bayernweite Suche nach zehn Hektar Industriegebiet für chemische Produkte. Entsprechend begleiten wir Unternehmen teils nur wenige Wochen oder Monate – und andere Projekte laufen über fünf Jahre.
Was sind die größten Hürden, die bei der Ansiedelung regelmäßig auftreten?
Gerade bei größeren Flächenbedarfen ist das Angebot in Bayern eingeschränkt und die Suche kann sich schwierig gestalten. Die Suche nach zehn Hektar in der Region München ist selten von Erfolg gekrönt. 80 Prozent der Firmen, die auf uns zukommen, haben schon eine bestimmte Region im Blick und wollen dorthin. Falls wir in diesen Regionen nicht fündig werden, suchen wir gezielt nach Regionen mit passenden Kompetenzen und sprechen mit den Unternehmen, ob wir dort suchen sollen.
Nehmen Betriebe zusätzlich andere Schwierigkeiten wahr?
Einige Unternehmen kommen mit der Erwartung hoher Investitionsförderungen auf uns zu. Dies ist aber für große Firmen meistens nur in wenigen Gebieten Bayerns, etwa im Landkreis Tirschenreuth, möglich, da die EU die Entwicklung benachteiligter Regionen fördern möchte. Bayern ist aber insgesamt ein starker Wirtschaftsstandort, in dem die Vorteile durch kurze Wege, starke Wertschöpfungsketten und gut ausgebildete Fachkräfte eine kurzfristige und einmalige Förderung auf Dauer überwiegen.
Welche Empfehlung haben Sie für Kommunen, um die Ansiedlung von Firmen aus dem In- und Ausland voranzubringen?
Aus meiner Sicht gibt es hier drei Haupthandlungsstränge, beginnend mit den Flächen. Hier reicht es nicht nur, Restbestände in zwei bis drei Jahren verfügbar zu machen. Da die Flächenentwicklung allein für viele Kommunen schwer zu stemmen ist, sehe ich einen Trend zu interkommunalen Gewerbegebieten, bei denen Kommunen teils auch nur Ausgleichsflächen einbringen. Außerdem gilt es, ansprechbar zu sein. Denn vor allem aus dem Ausland erreichen uns extrem kurzfristige Anfragen – teils haben wir nur eine Woche Zeit, den Standort Bayern ins Spiel zu bringen. Die dritte Aufgabe besteht darin, Kompetenzen herauszuarbeiten. Gemeinsam mit der IHK bietet Invest in Bavaria die Möglichkeit, Kompetenzprofile auf Landkreisebene anzufertigen. Dort können die Landkreise Informationen zur Verfügbarkeit der Wertschöpfungsketten, auch F&E, Netzwerke und wichtige Unternehmen einer Branche hinterlegen. Diese Profile werden von uns bei der Akquise und Ansiedlung von Betrieben aktiv genutzt, helfen aber auch, die Stärken des eigenen Standorts zu erkennen.
Ist ein Standortwechsel von Betrieben, die schon länger im Freistaat ansässig sind, gelegentlich ein Thema? Welche Anlaufstellen gibt es dafür?
Selbstverständlich unterstützen wir bayerische Unternehmen bei der Erweiterung bestehender oder der Eröffnung neuer Standorte. Bei der Erweiterung bestehender Standorte sind aber meist die Wirtschaftsförderungen auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte die ersten Ansprechpartner. Bei Bedarf unterstützen wir aber natürlich.
Was glauben Sie, wird künftig zum Top Standort-Kriterium der Firmen in Bayern werden?
Wir stellen fest, dass viele Unternehmen die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte sehr zu schätzen wissen. Hier sind es häufig die Berufsschulen, die für Staunen sorgen – solche Einrichtungen sind im Ausland meist unbekannt. Ein anderer Faktor ist natürlich der starke Wirtschaftsraum Bayern an sich: Für beinahe jede Branche findet sich ein Netzwerk, sowie Kunden und Lieferanten.