FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7095816
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Bei Transformare wird eine Trafostation verladen.
Titelthema

Wie kommen Unternehmen schneller ans Stromnetz?

Begrenzte Kapazitäten und Ausbaupläne in Brandenburg

Das Angebot an regionalem Strom ist üppig: Allein im Netzgebiet von E.DIS sind Windkraftanlagen und Solaranlagen mit einer gewaltigen Leistung von 17 Gigawatt installiert. Das entspricht etwa der Nennleistung von elf Kraftwerken wie dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Die Anlagen liefern mehr Energie, als Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern derzeit selbst verbrauchen. Das Gros des grünen Stroms wird deshalb abtransportiert - in andere Bundesländer.
Doch auch in Brandenburg, vor der Haustür der Erzeuger, wächst der Bedarf an preiswertem Strom. Unternehmen wollen unabhängiger werden von Gas und Öl. Logistiker stellen Flotten auf Elektroantrieb um. Rechenzentren siedeln sich an.

Kapazitäten bis 2029 ausgeschöpft

Das Problem: Der Strombedarf wächst schneller, als der Ausbau der Netze voranschreitet. Interessenten müssen auf Anschlüsse warten. Kapazitäten in der Nähe von Standorten sind teils begrenzt. Alternative Anschlussmöglichkeiten sind dann mitunter weiter entfernt und deshalb auch teurer.
Die Engpässe bei den Netzanschlusskapazitäten seien eine Herausforderung für Netzbetreiber und Wirtschaft, schreibt die DIHK in ihrem Impulspapier „Zukunftssichere Netzanschlüsse.“ „Bereits heute sind vielerorts die Anschlusskapazitäten bis 2029 ausgeschöpft. Ursachen sind zu langsamer Netzausbau, bürokratische und unzeitgemäße Verfahren, ein Mangel an Digitalisierung sowie fehlendes Personal. Hier müssen wir ran“, erklärt Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der DIHK in einer Mitteilung. Die DIHK nennt drei zentrale Aufgaben, die aus Sicht der Wirtschaft vordringlich umgesetzt werden müssen: die Modernisierung der Vergabeverfahren für Netzanschlüsse, die optimale Auslastung vorhandener Kapazitäten sowie die Vereinfachung und Harmonisierung von Antragsverfahren. Darüber hinaus müsse auch der Netzausbau vorangetrieben werden.
Bewegung gibt es derzeit vor allem bei den Anschlussverfahren. Statt über Anträge vor allem nach dem Windhundprinzip zu entscheiden – wer zuerst kommt, mahlt zuerst – sollen jetzt der Reifegrad und die Verbindlichkeit eines Projektes die deutlich entscheidenderen Kriterien sein. Damit sollen aussichtsreiche Projekte zum Zuge kommen und die Flut spekulativer Anträge eingedämmt werden. Übertragungsnetzbetreiber wie 50Hertz haben im April ein sogenanntes Reifegradverfahren gestartet, das für große Projekte ab 100 Megawatt Nennleistung und einen Netzanschluss ab 110 Kilovolt gilt. Auch unter den Verteilnetzbetreibern in der Mittel- und Niederspannungsebene wird diskutiert, wie sich die Verfahren rechtssicher ändern und beschleunigen lassen. Die Vergabe müsse transparent und fair erfolgen, betont die DIHK in ihrem Papier.

Politik will Ausbau beschleunigen

Aktuell werden weitere Möglichkeit diskutiert, um Solaranlagen, Batteriespeicher, Wallboxen, Wärmepumpen oder Energieabnehmer schneller ans Stromnetz zu bringen. Eine Option sind sogenannte flexible Netzanschlüsse. Das heißt, dass Anlagen auch dann angeschlossen werden können, wenn die Kapazität dafür eigentlich nicht ganz ausreicht. Allerdings müssen Eigentümer dieser Anlagen dann zustimmen, dass Netzbetreiber bei Engpässen die Leistung zeitweise drosseln dürfen. Auch die Landespolitik hat das Problem erkannt.
Brandenburgs Landesregierung hat vor zwei Jahren gemeinsam mit den Verteilnetzbetreibern E.DIS Netz GmbH, Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom mbH und WEMAG Netz GmbH ein Zehn-Punkte-Programm vorgelegt, mit dem der Ausbau der Hochspannungsnetze beschleunigt werden soll. Über die Hochspannungsnetze und die darunterliegenden Netzebenen werden mehr als 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien eingespeist und zu Verbrauchern transportiert. Inhaltlich setzt das Programm vor allem auf standardisierte, digitalisierte und straffere Genehmigungsprozesse, einen engeren Austausch zwischen Behörden und Netzbetreibern und mehr Personal in wichtigen Behörden.
Bis 2027 will Brandenburg diesem Plan zufolge 350 km Freileitungen und zahlreiche Anschlüsse für Umspannwerke genehmigt haben. Das bedeutet, dass die Landespolitik das Problem inzwischen als strukturelle Standortfrage behandelt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Genehmigungszeiten in den kommenden Jahren tatsächlich spürbar zu senken.

Transformatoren werden in Brandenburg gebaut

Für die Netzbetreiber ist die Transformation eine gewaltige Herausforderung. Netze entwickeln sich von Einbahnstraßen zwischen großen Kraftwerken und Stromabnehmern zu einem vielfältigen System, in dem Energiekunden immer öfter auch Stromerzeuger sind. Anforderungen an Digitalisierung und Steuerung wachsen. Fachkräfte und Ressourcen wie Transformatoren und Kabel für den Ausbau sind zudem begrenzt, Genehmigungen oft langwierig.
Wir zeigen in dieser Ausgabe von Forum, wie die Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom und E.DIS mit einer wachsenden Zahl von Anschlussbegehren umgehen und wie sie ihre Netze ertüchtigen wollen. Aber auch die Wirtschaft unserer Region trägt zum Ausbau bei. Unternehmen wie Transformare stellen Transformatoren her, die dringend gebraucht werden. Gut, dass Brandenburg über solche Kapazitäten vor der eigenen Haustür verfügt.
FORUM/Ina Matthes

Eine Flut von Anträgen

Der Netzbetreiber E.DIS wird derzeit mit Anfragen für Anschlüsse überschüttet. Sie übersteigen die aktuelle Leistungsfähigkeit des Netzes um ein Vielfaches. Kerstin Pankow ist beim Netzbetreiber E.DIS für die Kundenzufriedenheit zuständig. Die Bereichsleiterin Kundenservice und ihre 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind erste Anlaufstelle für Anschlussanfragen und -verträge zwischen Ostseeküste und Spreewald.
Mehr als 70.000 Anfragen bekommen Kerstin Pankow und ihre Kollegen pro Jahr auf den Tisch. „Wir haben nach wie vor eine enorm hohe Nachfrage nach Netzanschlüssen. Dabei handelt es sich sowohl um Bestandserweiterungen zum Beispiel Dach-PV-Anlagen als auch um Neuanlagen“, erläutert die Managerin. Derzeit wollen vor allem potenzielle Betreiber von Batteriespeichern und Rechenzentren ans E.DIS-Netz. Anträge für Speicher mit insgesamt 120 Gigawatt (GW) Anschlussleistung sind gestellt. Das entspricht 80 Kraftwerken von der Größe des Kohlekraftwerks Jänschwalde mit einer Nennleistung von 1,5 Gigawatt. Hinzu kommen Anträge für Rechenzentren mit einer Anschlussleistung von insgesamt 26 Gigawatt. Auch das ist eine absurd hohe Zahl: Sie übertrifft die Anschlussleistung aller 2.000 deutschen Rechenzentren fast um das Siebenfache.

Viele spekulative Anfragen

Allerdings: Nicht hinter jeder dieser Anfragen steht ein ernsthaftes Projekt. Speicherbetreiber zum Beispiel fragen bei mehreren Verteilnetzbetreibern und für mehrere Standorte nach – in der Hoffnung, dass sie irgendwo erfolgreich sind. Doch selbst wenn ein ganzer Teil dieser Anfragen spekulativ ist, übersteigen die Anschlussbegehren die Leistungsfähigkeit der E.DIS-Netze gewaltig. Das verdeutlicht unter anderem diese Zahl: 2,4 Gigawatt. Das ist die sogenannte Höchstlast des E.DIS-Netzes. Das heißt, maximal diese Leistung können Verbraucher zur gleichen Zeit aus dem Netz beziehen.
Diese enorme Nachfrage nach Anschlüssen kann E.DIS bislang nur zu einem Bruchteil befriedigen. Zusagen für acht Batteriespeicher und drei Rechenzentren mit einer Anschlussleistung von insgesamt rund 0,3 Gigawatt sind bisher im Netzgebiet erteilt worden. Und dabei sind Investoren für Speicher und Rechenzentren nicht die einzigen Interessenten. Hinzu kommen Betreiber von Solaranlagen, Windrädern, Ladestationen für E-Autos und Unternehmen, die sich neu ansiedeln oder ihre Prozesse elektrifizieren wollen. „Jeder Antrag wird von uns bearbeitet“, erläutert Kundenservice-Chefin Kerstin Pankow. Das heißt, auch mit spekulativen Anfragen muss sich der Verteilnetzbetreiber zunächst beschäftigen.

Kaum Spielraum

Bei der Bearbeitung der Anträge, die digital gestellt werden, hat E.DIS nach derzeit gültigem Recht kaum Ermessenspielraum. „Wer zuerst einen vollständigen Antrag einreicht, muss zuerst berücksichtigt werden“, erläutert Pankow. Vollständig heißt: E.DIS braucht konkrete Angaben zu Leistung, Standort und Zeitpunkt. Nach etwa acht bis zehn Wochen bekommt ein Kunde laut E.DIS eine Zu- oder Absage. Die Zusage hängt davon ab, ob die jeweilige Leistung an einem Ort zum gewünschten Zeitpunkt verfügbar ist. Nach Vertragsschluss wird mit jedem Kunden ein Zeitplan für die Umsetzung vereinbart. Besonders groß ist der Andrang in Brandenburg derzeit im Speckgürtel um Berlin, aber auch in berlinferneren Regionen wie der Gegend um Frankfurt (Oder).
„Viele Anträge müssen wir nach ihrer Prüfung derzeit ablehnen“, sagt Kerstin Pankow. Wenn die angefragten Leistungen am gewünschten Standort nicht in dem Umfang und zu dem Zeitpunkt realisiert werden können, verweise E.DIS an den nächstmöglichen Anschlusspunkt, ergänzt sie.
Die enorme Diskrepanz zwischen den Anträgen und den aktuellen Möglichkeiten des Netzes „wird sich nicht kurzfristig auflösen lassen“, so die Managerin. Genehmigungen für einen Netzausbau seien deutlich aufwendiger als jene für Anlagen, die ans Netz angeschlossen werden sollen.
E.DIS investiert jährlich einige hundert Millionen Euro in Neubau, Modernisierung und Erweiterung seiner Netze. 400 Millionen Euro sind es in diesem Jahr - rund 70 Millionen Euro mehr als im 2025 und 100 Millionen Euro mehr als 2024.

Tempo bei der Digitalisierung

Das Unternehmen treibt derzeit vor allem die Digitalisierung voran. Ein wichtiges Instrument dafür sind die vielen kleinen, oft fantasievoll bemalten Container an Straßenrändern – die sogenannten DigiONS, die digitale Ortsnetzstationen. Sie lösen die klassischen Trafostationen ab. Anders als ihre Vorgänger lassen sich DigiONS fernsteuern. Vor allem aber können sie den aktuellen Zustand im Nieder- und Mittelspannungsnetz in Echtzeit messen: „Das System behält Stromverbrauch und -einspeisung im Blick und kann bei unerwarteten Verbrauchsspitzen oder hohen Stromeinträgen gegensteuern und so Überlastungen verhindern“, sagt Kerstin Pankow. Sie tragen so zur Stabilisierung der Netze bei schwankenden Einspeisungen und Verbrauch bei. Die Daten der DigiONES nutzt das Unternehmen auch um zu entscheiden, wo das Netz vorrangig ausgebaut wird und mit welchen Mitteln.
Zwanzig Prozent der rund 18.000 Ortsnetzstationen hat E.DIS inzwischen in seinem Netzgebiet in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern durch DigiONs ersetzt. Modernisiert werden sie zuerst in den Netzabschnitten, wo es den höchsten Nutzen bringt.
Neben den Ortsnetzstationen investiert E.DIS insbesondere in neue Umspannwerke. Sie werden einerseits gebraucht, damit Wind- und Solaranlagen Strom einspeisen können. Andererseits benötigen wachsende Städte und Gewerbegebiete mehr Energie. Das Umspannwerk in Heinersdorf in Ostbrandenburg etwa wurde gebaut, damit Windstrom aus der Region über Höchstspannungsnetze abtransportiert werden kann. Acht Jahre nach Fertigstellung ist wird jetzt die Kapazität u.a. für weitere Windparks erweitert. In Storkow (Mark) wiederum geht im Sommer ein neues, leistungsstärkeres Umspannwerk in Betrieb. Es soll die wachsende Stadt und ein Gewerbegebiet mit Strom versorgen. In Nauen wurde gerade der Grundstein für ein Umspannwerk eines Netzkunden gelegt, das künftig u.a. ein Rechenzentrum mit Grünstrom beliefert. Der Standort wird dann über ein 110-kV-Umspannwerk an das E.DIS-Verteilnetz angebunden.
83.000 Kilometer Leitungen Diese drei Beispiele für neue und erweiterte Umspannwerke sind nur ein kleiner Teil von dem, was E.DIS für die kommenden Jahre plant: Bis 2045 sollen rund 400 Umspannwerken im Hoch- und Mittelspannungsbereich verstärkt, erweitert oder neugebaut werden. Das sieht der Netzausbauplan 2024 vor. Knapp 20.000 Kilometer Kabel und Freileitungen will E.DIS verstärken, erneuern beziehungsweise ausbauen. Derzeit unterhält das Unternehmen rund 83.000 Kilometer Leitungsnetz. Zudem sollen 14.000 Ortsnetzstationen modernisiert werden.
Damit dieses Pensum geschafft werden kann, müssen aus Sicht von E.DIS Genehmigungsverfahren schlanker werden. Selbst wenn eine bereits bestehende Leitung erneuert wird, müssen derzeit alle umwelt- und artenschutzrechtlichen Prüfungen so erfolgen, als handele es sich um einen kompletten Neubau, kritisierte E.DIS-Vorstand Patrick Wittenberg vor Kurzem bei einer Tagung in Berlin. Er sei zuversichtlich, dass der Bund, die Länder und alle Beteiligten passende Lösungen finden, betonte der Vorstandschef.
Wittenberg setzt sich auch dafür ein, dass die Netzanschlüsse künftig anders vergeben werden als bisher. Künftig sollten Zuschläge so erteilt werden, dass die vorhandenen Kapazitäten im Netz möglichst effizient genutzt werden. Wie Netzanschlüsse gerechter und transparenter vergeben werden können, wird derzeit deutschlandweit zwischen Netzbetreibern und Politik diskutiert.
FORUM/Ina Matthes
E.DIS Netz GmbH
• Sitz: Fürstenwalde/Spree (Brandenburg)
• Teil der E.DIS AG / E.ON Gruppe
• regionaler Strom- und Gas-Verteilnetzbetreiber in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, betreibt eines der größten Flächenverteilnetze Deutschlands.
• ca. 1,5 Mio. angeschlossene Haushalte, Gewerbe- und Industriebetriebe
• unterhält ca. 83.000 km Stromnetz
• beschäftigt insgesamt rd. 2300 Mitarbeitende in der E.DIS-Netz GmbH
• Gesamt: rd. 3.500 Beschäftigte in E.DIS-und Tochtergesellschaften in der Region
• Umsatz (2024): 3,6 Mrd. €
• aktuell rd. 223.000 Anlagen für erneuerbare Energien im E.DIS Netz (Vergleich: 2020 ca. 44.000 Anlagen)
• potenzielle Einspeiseleistung Erneuerbare
Energie aktuell: bis zu ~17 GW

Ein Klick statt acht Wochen warten

Mit dem Online-Tool SNAP will Mitnetz Strom die Netzanschlussprüfung beschleunigen. Kunden sehen sofort, ob an ihrem Standort ein Anschluss möglich ist. Das Portal SNAP funktioniert so unkompliziert wie Google Maps: Wer einen Anschluss ans Stromnetz braucht, klickt in eine Karte, trägt die gewünschte Leistung ein und sieht sofort: Anschluss möglich oder nicht? Torsten Emisch von der Mitteldeutschen Netzgesellschaft Strom mbH (Mitnetz Strom) hat das Tool „Schnelle Netzanschlussprüfung SNAP“ mit seinem Team entwickelt.
Zur Person: Torsten Emisch ist Gruppenleiter Projektmanagement für Mittel- und Niederspannung in der Netzregion Brandenburg der Mitteldeutschen Netzgesellschaft Strom mbH (Mitnetz). Er ist gelernter Elektromonteur, hat Elektrotechnik studiert und arbeitet seit 40 Jahren in der Energiebranche. Für Mitnetz Strom hat er mit seinem Team das Online-Tool für die Schnelle Netzanschlussprüfung SNAP entwickelt.
FORUM: Herr Emisch, warum haben Sie bei Mitnetz Strom das Portal für die Schnelle Netzanschlussprüfung SNAP aufgebaut?
TORSTEN EMISCH: Der eigentliche Anlass liegt schon etwas länger zurück. 2019 sind wir mit Anmeldungen für die Stromeinspeisung in unsere Netze regelrecht überschüttet worden. Es entstand ein Stau, den unsere Fachleute nicht abarbeiten konnten. Also blieb nur der Weg in die Digitalisierung.
Torsten Emisch hat das Tool SNAP mit seinem Team entwickelt.
Torsten Emisch hat das Tool SNAP mit seinem Team entwickelt. © Mitnetz Strom
FORUM: Was verbessert sich für Ihre Kunden durch dieses Online-Portal?
TORSTEN EMISCH: Wir hatten 2019 einen riesigen Stapel an Anmeldungen vorliegen. Manche Investoren meldeten ein und dieselbe Erzeugungsanlage gleich an mehreren Standorten an. Sie wollten schauen, wo es für sie am wirtschaftlichsten ist. Sie mussten bis zu acht Wochen auf Antwort von uns warten. Jetzt gibt es die Antwort sofort. Investoren oder Projektentwickler können auf SNAP rund um die Uhr schauen, wo ein Netzanschluss möglich und für sie wirtschaftlich ist. Dann können sie entscheiden, ob sie ihr Projekt weiter verfolgen wollen.+
FORUM: Wie viele Nutzer haben Sie bereits?
TORSTEN EMISCH: Wir hatten seit dem Start des Portals 2020 insgesamt 184.000 Anfragen. Mehr als 1.000 Nutzer haben sich registriert. Die außergewöhnlich hohe Resonanz unterstreicht, dass wir mit unserem Ansatz genau den richtigen Weg gewählt haben – ein Portal, das für und in enger Zusammenarbeit mit Projektentwicklern entstanden ist.
FORUM: Für welche Nutzer wurde SNAP entwickelt?
TORSTEN EMISCH: Wir haben das Tool zunächst vor allem für Investoren und Projektentwickler von Anlagen der Erneuerbaren Energien eingerichtet. 2022 kam dann die Sparte E-Mobilität hinzu. Anbieter von Ladeinfrastruktur wollen Leistung aus dem Netz beziehen. Aktuell wachsen die Anfragen von Betreibern von Batteriespeichern. Sie wiederum sind sowohl Einspeiser von Energie als auch Bezugskunden. Auch für diese Kombination kann man Informationen über SNAP abfragen. Wichtig ist: Das Tool richtet sich an große Nutzer ab einer Leistung von 135 Kilowatt (kW). Das sind in der Regel Mittel- beziehungsweise Hochspannungskunden.
FORUM: Unternehmen, die sich neu ansiedeln oder ihre Prozesse elektrifizieren, brauchen gleichfalls leistungsfähige Netzanschlüsse. Welche Rolle spielt diese Klientel?
TORSTEN EMISCH: Auch für diese Kundengruppen ist es wichtig zu wissen, welche Leistung an ihrem Standort verfügbar ist. Bedeutsam sind solche Informationen ebenso für Wirtschaftsförderer und Bauämter, etwa wenn es um neue Ansiedlungen geht. SNAP ist auch für sie gemacht.
FORUM: Welche ist Ihre größte Kundengruppe?
TORSTEN EMISCH: In unserem Netzgebiet haben die Betreiber von Anlagen für erneuerbare Energien noch immer einen hohen Stellenwert. Zugleich wachsen die Anfragen aus der Speicherbranche, die für uns derzeit die größte Klientel darstellt.
FORUM: Mitnetz Strom bietet zwei Varianten des Online-Tools an – die Basis- und die Pro-Version. Wie unterscheiden sie sich?
TORSTEN EMISCH: Mit Jahresbeginn haben wir unsere großen Kunden verpflichtet, SNAP zu nutzen. Jeder, der bei uns eine Leistung ab 135 kW beantragen will, muss vor dem eigentlichen Anmeldeprozess eine erste Anfrage über das Onlinetool stellen. Die Information zu möglichen Anschlusspunkten aus SNAP fügt der Kunde seinem Antrag für einen Netzanschluss bei. Diese erste Anfrage können Kunden in der Basisversion von SNAP stellen, ohne sich registrieren zu müssen. Jeder kann sie barriere- und kostenfrei nutzen.
FORUM: Das heißt, für einen Antrag auf Netzanschluss reicht die kostenfreie Version. Was bietet die kostenpflichtige Pro-Variante?
TORSTEN EMISCH: Die Pro-Variante bietet mehr. Sie geht schon eher in Richtung Planungstool für Projektentwickler, Investoren oder Wirtschaftsförderer. So können Trassenvorschläge für den Anschluss abgerufen werden, inklusive Preisinformationen dazu. Nutzer erfahren, auf welcher Spannungsebene ein Anschluss möglich ist. Außerdem ist ein Produktkatalog hinterlegt. Wer beispielsweise eine Trafostation braucht, kann diese auch von uns beziehen.
Wo Mitnetz Strom baut.
Ersatzneubau Umspannwerk Ragow:
Das Umspannwerk ist ein Übergabepunkt zum Höchstspannungsnetz von 50Hertz. Um erneuerbare Energie aus dem 110-kV-Netz (Engpassgebiet) ins Netz von 50Hertz abführen zu können, wird das Umspannwerk erweitert und ausgebaut.
Gesamtinvestition: 31,0 Millionen Euro

Neubau Umspannwerk Grano
Die Einspeisung von Erneuerbarer Energie aus dem Mittelspannungs-Netz in das Umspannwerk Guben steigt und wird mittelfristig dessen Aufnahmefähigkeit überschreiten. Deshalb wird bei Grano eine neue Anlage errichtet. Gesamtinvestition: 9,5 Millionen Euro

Anschluss Rechenzentren
In Lübbenau entsteht ein Rechenzentrum, das 2027 in Betrieb gehen soll. Die Arbeiten zum 110-kV Netzanschluss laufen. Ein weiteres Rechenzentrum soll an das Umspannwerk in Finsterwalde angeschlossen werden. Der Anschluss wird derzeit geplant. (Die vorgestellten Beispiele sind eine Auswahl.)
FORUM: Wer in SNAP nach einem Anschluss fragt, bekommt eine unverbindliche Tagesaussage zum ausgewählten Standort. Was genau heißt das?
TORSTEN EMISCH: SNAP gibt eine erste Orientierung. Manche Projektentwickler schauen auf unser Netzgebiet und wollen wissen, wo es freie Kapazitäten gibt und wo sie auf Kommunen und Grundstückseigentümer zugehen können. Andere haben bereits einen festen Standort im Blick und wollen wissen, was momentan dort möglich ist. Das zeigt ihnen die rechtlich nicht bindende Tagesaussage. Eine verbindliche Reservierung eines Anschlusses erfolgt erst später im eigentlichen Antragsprozess.
FORUM: Das heißt, SNAP gibt Auskunft über das bestehende Netz, nicht aber über den bereits geplanten Netzausbau?
TORSTEN EMISCH: Das ist ein Thema für die Zukunft. Netzausbaupläne sollen in SNAP integriert werden. Wir wollen künftig transparent darstellen, wer wo für den Netzausbau zuständig ist und wann Projekte umgesetzt werden. Das Tool kann uns zugleich zeigen, wo weiterer Anschluss-Bedarf besteht.
FORUM: Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit dem Tool gesammelt, was nützt es Mitnetz Strom?
TORSTEN EMISCH: Es entlastet uns und hilft vor allem Projektentwicklern. Wir haben vorher mehere Stunden an einer Voranfrage für einen Netzanschluss gearbeitet. Von 100 Anfragen sind dann nur 20 Projekte weiter verfolgt worden. 80 wurden nie realisiert. Jetzt können Entwickler in SNAP selbst sehen, ob ihr Vorhaben an einem bestimmten Standort überhaupt lohnt. Wir müssen uns nur noch mit den tatsächlich aussichtsreichen Projekten befassen.
Das Online-Tool SNAP
Einfach reinklicken: In SNAP sehen Nutzer, ob an ihrem Standort Kapazitäten bestehen. Das Tool gibt auch noch weitere Informationen. © Mitnetz Strom
FORUM: Sie sind mit der digitalen Netzanschlussprüfung Vorreiter unter den Verteilnetzbetreibern. Wie reagiert die Branche darauf?
TORSTEN EMISCH: Mit SNAP wollen wir Netzanschlussverfahren beschleunigen und transparenter machen. Wir haben viele positive Reaktionen aus unserer Branche, von der Bundesnetzagentur und der Politik erhalten. Und es gab auch Anregungen.
FORUM: Welche sind das zum Beispiel?
TORSTEN EMISCH: Redispatch ist ein großes Thema. Anlagenbetreiber interessiert, in welchen Gebieten sie mit Abschaltungen ihrer Anlagen rechnen müssen, wenn das Netz den Strom nicht mehr aufnehmen kann. Solche Gebiete wollen wir ab Sommer in SNAP gleichfalls darstellen. Außerdem soll künftig bei der Erstanfrage schon angegeben werden, mit welchen Netzanschluss-Kosten an einem bestimmten Standort zu rechnen ist.
FORUM: Auf welches Interesse stößt das Online-Tool bei anderen Verteilnetzbetreibern?
TORSTEN EMISCH: Zwei Verteilnetzbetreiber aus Bayern nutzen es bereits. SNAP ist modular aufgebaut, sodass es an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden kann. Mit der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes könnte das Interesse daran weiter wachsen. Denn das Gesetz sieht vor, dass die Netzanschlussverfahren vollständig digitalisiert werden.
Wissenswertes zu SNAP.
Wer sind die Nutzer?
Das Tool richtet sich an Bauherren größerer Anlagen: Bei Verbrauchsanlagen sind das 135 kW bis 10 MW, bei Einspeiseanlagen 135 kW bis 100 MW. Über SNAP erfahren Interessenten, ob ein Netzanschluss an ihrer Adresse grundsätzlich möglich ist. Solche größeren Kunden müssen zunächst in SNAP recherchieren, bevor sie einen Netzanschluss beantragen dürfen. Damit soll erreicht werden, dass nur Anträge zu Projekten mit Aussicht auf wirtschaftliche Realisierbarkeit gestellt werden.

Wie funktioniert SNAP?
Unkompliziert. In der Basisversion müssen sich Nutzer nicht registrieren. Sie geben auf der Website die Adresse für den Netzanschluss und die gewünschte Leistung ein und erfahren, welches der nächste mögliche Anschlusspunkt ist.

Was kostet SNAP?
Die Basisversion ist kostenfrei, die Pro-Variante ist für Unternehmen ab 69 Euro im Monat zu haben.
Es fragte Ina Matthes.

Digitale Ortsnetzstationen für die Energiewende

Mit smarten Trafostationen stellt sich das Unternehmen Transformare auf die künftigen Anforderungen der Netze ein. Acht Millionen Euro investiert das Unternehmen in seine Erweiterung im Wittenberger Gewerbegebiet Nord. In der neuen Halle sollen künftig noch mehr und größere Trafostationen produziert werden, die Starkstrom in Haushaltsstrom umwandeln und mit digitaler Mess- und Steuerungstechnik auf die schwankenden Netze reagieren. Für die Entwicklung dieser zukunftsfähigen Energieanlagen erhielt Transformare im vergangenen Jahr den deutschen Unternehmerpreis.
Auf der Baustelle am Wittenberger Hirtenweg herrscht derzeit große Betriebsamkeit: Während im Außengelände der neuen Werkhalle noch viel Erde bewegt wird, läuft die Produktion in der bisherigen, kleineren Halle ununterbrochen weiter.
600 Hoch- und Niederspannungsschaltanlagen sowie komplette Transformatorenstationen werden bei Transformare jährlich gefertigt und montiert. Ganze 1000 Stück sollen dann mit der neuen Produktionshalle möglich werden.
„Die Nachfrage steigt ständig“, erklärt Unternehmensinhaber Christian Winkelmann. Dabei haben sich die Anforderungen an Transformatorenstationen seit dem Beginn der Energiewende mit der Einspeisung von Energie aus Wind und Sonne stark verändert. „Vorher floss der Strom praktisch nur in eine Richtung“, erläutert Christian Winkelmann. „Das stellte sich in einer gleichmäßigen Sinuskurve dar.“
Heute gebe es häufiger schwankende Stromeinträge, etwa durch Windkraft- oder Solarenergieanlagen, oder auch unerwartete Verbrauchsspitzen. So sei die Verteilebene zwischen Stromerzeuger und Abnehmer messtechnisch häufig „eine Blackbox“.
Die Messungen der digitalen Ortsnetzstationen machen es jetzt transparent: Alle Daten werden in Echtzeit an die Netzbetreiber übermittelt. So können diese zeitnah feststellen, wo Störungen vorliegen und Überlastungen schon im Vorfeld verhindern. „Die großen Energieversorger stellen sich auf die veränderten Gegebenheiten ein und digitalisieren immer mehr Trafostationen.“

Energiewende vorausgedacht

Christian Winkelmann hat die Entwicklung früh erkannt. Acht Millionen Euro fließen nun in den Bau der neuen Produktionshalle mit Verwaltungsgebäude. Die Produktionsfläche vergrößert sich damit von 800 auf 2400 Quadratmeter. Mit den neuen Möglichkeiten können in Wittenberge nun noch mehr und größere Trafostationen montiert werden. Das geschieht auf 19 Montageplätzen. Neue, stärkere Brückenlaufkräne heben und verladen die bis zu 20 Tonnen schweren Bauten.
Zeitgleich entsteht durch den Ausbau der A 14 ein direkter Anschluss des Werksgeländes an den Kreisel, der die B 189 mit der Autobahn und der Stadt Wittenberge verbindet. Als Christian Winkelmann das Gelände 2011 kaufte, war hier im Gewerbegebiet Nord noch viel freie Fläche zu haben. 2022 sicherte sich Winkelmann auch das gegenüberliegende Grundstück. Anfang 2025 fiel dann der Startschuss für den Bau der neuen Werkhalle.
Schon seit 35 Jahren baut das Unternehmen, das aus der Schacht GmbH hervorging, Nieder- und Hochspannungsanlagen. 2012 zog Winkelmann mit Transformare aus dem kleinen Ort Motricht nach Wittenberge. Auch das war schon ein großer Entwicklungssprung.
Durch die Energiewende habe die Technik einen regelrechten „Push“ bekommen. „Die Zukunft liegt in der selbst erzeugten Energie – sie ist nicht nur am günstigsten, sondern bietet auch die größtmögliche Unabhängigkeit,“ findet der Unternehmer.

Junges und internationales Team

Viel tut sich gerade in der Strombranche: „Die Notwendigkeit ist da und die Voraussetzungen für den weiteren Netzausbau entwickeln sich – trotz Krisen“, so Mitgeschäftsführer Frithjof Winkelmann. 2024 ist Sohn Frithjof in das Familienunternehmen eingestiegen. Seither teilen sich Vater und Sohn die Geschäftsführung. Der 35-Jährige hat Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen studiert und mehrere Jahre im Ausland gearbeitet.
Mit ihm kamen auch weitere junge Fachkräfte in das Unternehmen. Das Team, das bis auf 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwachsen soll, ist jung und international. Denn die Winkelmanns setzen auch auf die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte, darunter aus Mazedonien oder Usbekistan. Viele waren ungelernt und wurden im Unternehmen ausgebildet, Ingenieure kamen aus Syrien oder aus dem Iran.
Ausgebildet wird vor allem in den Bereichen Mechatronik und Betriebselektronik. Nachwuchsarbeit an den Schulen oder Mitwirkung bei Aktionen wie dem Zukunftstag sind selbstverständlich. Auch ein duales Studium ist möglich. Der Kundendienst ist ein großer Bereich, gefragt ist gutes Personal, das eher mit dem Laptop als mit dem Schraubenschlüssel arbeitet. „Wir wollen den Innovationsstandort Deutschland voranbringen“, so Winkelmann. Dabei ist ihm besonders wichtig zu zeigen, was in einer ländlichen Region im nördlichen Zipfel Brandenburgs möglich ist.“ Familie Winkelmann ist in der Prignitz verwurzelt und auch kulturell sehr engagiert. Die Musikliebhaber fördern nicht nur junge Künstler, sondern öffnen einmal im Jahr die Werkhalle für ein klassisches Konzert.

Innovation aus der Prignitz

Über Hemmschuhe für die Entwicklung will Winkelmann natürlich auch sprechen. Er hofft auf einen Abbau der Marktregulierung. Winkelmann sagt: „Die Energiewende ist ohne Alternative. Die Nachfrage ist da, jetzt vertrauen wir darauf, dass sich auch die Technik und der Ausbau der Netze stetig weiterentwickelt. Dabei können unsere smarten Ortsnetzstationen helfen. Die Zukunft ist elektrisch, darauf stellen wir uns ein.“
Auch Transformare selbst vollzieht die Energiewende. Erdwärme heizt die neue Halle, auf dem Dach ist eine PV-Anlage montiert, samt Speichermöglichkeiten. Nach und nach soll die Fahrzeugflotte auf Elektroantrieb umgerüstet werden. Die E-Ladesäulen sind in den Außenanlagen bereits vorgesehen.
„Eine gut funktionierende Energie-Infrastruktur ist ein wichtiger Baustein für die Wirtschaft in unserem Land und damit auch für das Zusammenleben der Menschen“, so Winkelmann. „Daran möchten wir mitwirken.“
FORUM/Susanne Atzenroth
Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg
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