FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7096104
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Standpunkt

Zu viel Strom, zu wenig Netz: Warten auf den Anschluss

STANDPUNKT. Das ist die FORUM-Serie, in der Menschen zu Wort kommen, die auf dem wirtschaftspolitischen Parkett unterwegs sind und damit die regionalen Unternehmen unterstützen. Ob in Verbänden oder Vereinen, im Ehrenamt oder hauptamtlich, in Verwaltungen oder Interessenvertretungen – im Mittelpunkt steht die Wirtschaft in der Hauptstadtregion, in Brandenburg und Berlin. Heute kommt zu Wort: Kathrin Goldammer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Reiner Lemoine Instituts.
Wer in Brandenburg ein Unternehmen aufbauen, erweitern oder elektrifizieren möchte, kennt das Problem: Businessplan steht, Investition ist gesichert, Standort schon gefunden – doch der Netzanschluss lässt auf sich warten. Dabei ist genug Strom da. Das Land produziert erheblich mehr erneuerbare Energie als es verbraucht – Windkraft und Photovoltaik liefern im Überfluss. Gleichzeitig können Unternehmen, die genau diese Energie nutzen wollen, nicht ans Netz angeschlossen werden. Mangelnde Infrastruktur macht das Netz zum Flaschenhals.
Dabei ist ein Netzanschluss entscheidend dafür, ob Brandenburg die Industrieansiedlungen bekommt, die es für seinen wirtschaftlichen Wandel braucht oder ob Unternehmen in Regionen ausweichen, die besser vorbereitet sind. Leistungsfähige Stromnetze sind die Grundlage für ein modernes Energiesystem und wirtschaftlichen Erfolg.

Strukturelles Problem trotz Energieüberschuss

Die Ursachen für den Flaschenhals liegen in der Vergangenheit. Während Deutschland den Windkraft- und anschließend den PV-Boom erlebte, hat die Netzinfrastruktur nicht Schritt gehalten. Es wurde zwar auf allen Netzebenen in neue Leitungen und Umspannwerke investiert, aber der Ausbau ist langwierig und kommt nicht schnell genug voran, um alle Anschlussbegehren zügig zu beantworten. Hinzu kommt ein Konstruktionsfehler im System: Wer einen Netzanschluss beantragt, landet in einem großen Stapel auf dem Schreibtisch der Netzbetreiber. Das sogenannte Windhundprinzip sorgt dafür, dass diese die Anschlussbegehren strikt nacheinander abarbeiten und keine Prioritäten setzen können. Was lange als gerecht galt, vernachlässigt den Aufwand, der in die Prüfung eines jeden Netzanschlusses geht. Außerdem zeigt es nicht, wie wertvoll reservierte Netzanschlussleistung ist, gerade weil Netzanschlüsse nur begrenzt verfügbar sind.

Wandel stockt bei Mittelspannung

Die größten Herausforderungen liegen in der Mittelspannungsebene. Hier siedeln sich Gewerbe- und Industriekund*innen an und das sind genau die Unternehmen, die Brandenburg für den Strukturwandel braucht. Auf der Übertragungsnetzebene gibt es seit diesem Jahr das sogenannte Reifegradverfahren: Projekte werden nach ihrem Umsetzungsstand bewertet, bevor sie einen festen Netzanschlussplatz erhalten. Das ist ein sinnvoller Schritt, aber er wirkt nur ganz oben im Netz. In der Mittel- und Niederspannung, dort wo die meisten Unternehmensansiedlungen stattfinden, existiert kein vergleichbares Instrument.
Kathrin Goldhammer
Kathrin Goldammer © RLI
Um den Ausbau der Hochspannungsnetze in Brandenburg zu beschleunigen, hat das zuständige Energieministerium 2024 ein 10-Punkte-Programm vorgelegt, das Personalaufbau bei Behörden und eine Standardisierung langwieriger Planfeststellungsverfahren vorsieht. Vorhaben sollen danach für Antragstellung und Genehmigungsverfahren nicht länger als eineinhalb Jahre dauern. Wie erfolgreich das greift, muss die Praxis erst noch zeigen.
Darüber hinaus können noch weitere Maßnahmen helfen, wie beispielsweise individuelle Netzanschlussverträge, genannt Flexible Connection Agreements. Unternehmen können dann schnell ans Netz, müssen aber Lastzeitfenster einhalten – also ihren Verbrauch in netzkritischen Momenten drosseln. Das ist kein perfektes Modell, aber es schafft Handlungsspielraum, wo heute keiner ist. Elektrotechnisch liegt auch viel Freiheit in der Kombination von Ein- und Ausspeisung, zum Beispiel durch die Kombination von Gewerbestandorten mit Erzeugungsanlagen und Stromspeichern. Bei gleichzeitiger Nutzung vorhandener Netzanschlusspunkte und mehr Informationen über die Ausnutzungsgrade solcher Netzelemente könnten viele Projekte schneller umgesetzt werden.

Mehr Wertschöpfung aus Energieüberschuss

Helfen kann dabei ein klarer politischer und regulatorischer Kurswechsel: Zum Beispiel könnten Netzanschlüsse stärker nach transparenten Kriterien wie Reifegrad, volkswirtschaftlichem Nutzen und Beitrag zur Transformation priorisiert werden. Gleichzeitig hilft es, das Reifegradverfahren konsequent auf alle Netzebenen auszuweiten. Wenn es gelingt Planung, Priorisierung und Nutzung der bestehenden Infrastruktur intelligenter zu verzahnen, kann Brandenburg seinen Energieüberschuss auch in wirtschaftliche Wertschöpfung übersetzen.
FORUM/Kathrin Goldammer
Zur Person.
Prof. Dr. Kathrin Goldammer ist Geschäftsführerin des gemeinnützigen Reiner Lemoine Instituts, das zu Energiefragen forscht. Sie besitzt langjährige Erfahrung in der Energiepolitik und Politikberatung sowie in der Energiewirtschaft: Kathrin Goldammer war unter anderem bei einem Schweizer Energieversorger zuständig für die Bewirtschaftung deutscher Gaskraftwerke und leitete Projekte bei Stadtwerken und in der Industrie. Am heutigen Institut RIFS in Potsdam hat sie die Plattform Energiewende aufgebaut. Sie hat in Physik promoviert und besitzt ein Diplom in Elektrotechnik.
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