FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7206696
4 min
Jochem Freyer
Standpunkt

Die Zukunft des Arbeitsmarkts fährt jeden Morgen RE1

Der RE1 ist mehr als eine Bahnverbindung. Er verbindet Berlin und Brandenburg. Für Zehntausende Büroangestellte, Fabrikmitarbeiter, Studierende und Behördenpersonal ist er tägliches Transportmittel, mobiles Büro und rollendes Netzwerk. Ich nutze ihn selbst seit 18 Jahren beinahe täglich von Berlin Alexanderplatz nach Frankfurt (Oder).
Standpunkt. Das ist die FORUM-Serie, in der Menschen zu Wort kommen, die auf dem wirtschaftspolitischen Parkett unterwegs sind und damit die regionalen Unternehmen unterstützen. Ob in Verbänden oder Vereinen, im Ehrenamt oder hauptamtlich, in Verwaltungen oder Interessenvertretungen – im Mittelpunkt steht die Wirtschaft in der Hauptstadtregion, in Brandenburg und Berlin. Heute kommt zu Wort: Jochem Freyer, Chef der Arbeitsagentur Frankfurt (Oder).
Berlin und Brandenburg sind zwei eng verflochtene Arbeitsmärkte. 290.000 Brandenburger pendeln zur Arbeit nach Berlin und 116.000 Berliner nach Brandenburg. Viele davon fahren mit der Bahn.
2029 soll der Streckenabschnitt des RE1 von Berlin nach Frankfurt (Oder) generalsaniert werden. Zunächst wurde eine vollständige Streckensperrung für neun Monate kommuniziert. Nach heftigen Protesten wurde die Ankündigung zurückgenommen. Monate später dann eine neue Entscheidung: In den Jahren 2029 und 2030 wird jeweils ein Teilabschnitt für vier Monate gesperrt.
Bei einer Unterbrechung der Verbindung geht es um mehr als längere Fahrzeiten. Mobilität ist ein entscheidender Standortfaktor. Das erlebe ich nicht nur als Pendler, sondern auch, wenn wir Personal für Unternehmen suchen. Es geht um Erreichbarkeit, Fachkräfte, Produktivität und letztlich auch um die Geschwindigkeit der Transformation.
Der RE1 ist Brandenburgs Lebensader. Viele Unternehmen entlang der Strecke suchen schon heute dringend Fachkräfte und sind auf auswärtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen. Wenn Beschäftigte befürchten müssen, dass die Verbindung 2029 über Monate nur sehr eingeschränkt funktioniert, fließt das jetzt schon in ihre Entscheidung für einen Arbeitsplatz ein.
Einige könnten abwandern, andere gar nicht erst kommen. Das verschlechtert die Wettbewerbschancen der Unternehmen und Standorte entlang der RE1-Strecke schon heute. Das aktuell Wichtigste ist daher, dass sehr bald Klarheit geschaffen wird, wie die Einschränkungen konkret ausfallen werden und welcher Ersatzverkehr angeboten wird. Dann können die Unternehmen und ihre Beschäftigten nach Lösungen für sich suchen. Nicht jede Einschränkung ist vermeidbar. Aber jede Einschränkung muss planbar sein.
Auch die Unternehmen können ihren Beitrag leisten. Sie können ihren Beschäftigten bei Verkehrseinschränkungen, wo immer es möglich ist entgegenkommen – etwa durch flexible Arbeitszeiten, angepasste Schichtpläne oder Homeoffice. Die Beschäftigten haben sich diese Situationen nicht ausgesucht. Gerade im Wettbewerb um Fachkräfte ist Flexibilität ein wichtiger Standortfaktor.
Natürlich muss unsere Verkehrsinfrastruktur gewartet und entwickelt werden. Die Frage ist allein wie. Auch auf der Strecke Berlin - Cottbus wird es ab dem Jahresende für ein komplettes Jahr erhebliche Einschränkungen geben. Und die A12 ist eine Dauerbaustelle. Dies beeinträchtigt den Reise- wie auch den Güterverkehr. All das kostet Brandenburg wirtschaftliche Leistungskraft. Verkehrspolitik ist nicht nur Infrastrukturpolitik. Sie ist auch Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik.
Hinter diesen Einzelfällen liegt daher eine grundsätzliche Frage: Wie organisieren wir Modernisierung, ohne wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auszubremsen? Können wir nicht auch schneller und technisch eleganter bauen? Der zügige Bau des neuen Bahnhofs Fangschleuse hat gezeigt, dass es möglich ist. Nachtbaustellen bei wichtigen Projekten zum Standard machen? Nicht nur auf die direkten Baukosten schauen, sondern auf die Gesamtkosten und den gesamtgesellschaftlichen Nutzen? Dazu gehören Auswirkungen auf Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Lebensqualität und die Akzeptanz solcher Projekte.
Jeder Tag einer Vollsperrung ist teuer. Die Kosten tragen Unternehmen durch Produktivitätsverluste und Rekrutierungsschwierigkeiten, Beschäftigte durch längere Wege, Familien durch weniger gemeinsame Zeit und die Bahnbetreiber durch Ersatzverkehr. Wenn dies berücksichtigt wird, wird sich oft ein anders organisiertes Bauen lohnen – selbst wenn es zunächst teurer erscheint.
Bahn-Bashing funktioniert immer gut. Es ist aber keine Lösung. Ich denke, der Staat muss bei großen Infrastrukturprojekten stärker als Gesamtverantwortlicher auftreten. Er muss die verschiedenen Akteure – von den Kommunen über die Bahnbetreiber bis zur Autobahn GmbH des Bundes – anhalten, aus einer Gemeinwohlperspektive zu planen: Was bedeutet es für die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Menschen in der Region?
Brandenburg kann es sich leisten zu modernisieren, aber nicht, dabei seine wirtschaftliche Entwicklung auszubremsen.
FORUM/Jochem Freyer
Zur Person. Jochem Freyer leitet seit 2009 die Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder). Aufgewachsen ist er im Kölner Umland mit familiären Wurzeln im Oderbruch. Freyer ist Mitglied im Regionalbeirat der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg und der Jury des Zukunftspreises Brandenburg. Zu den Auswirkungen der Transformation auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt äußert er sich regelmäßig in den Medien und auf LinkedIn.
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