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Nr. 7174654
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Fokus Region

"Wir brauchen einfach nur Wasserstoff"

Enertrag hat ein ehrgeiziges Ziel: Strom aus Sonne und Wind konstant und bedarfsgerecht liefern.
Das will das Unternehmen mit seinen Verbundkraftwerken schaffen - und mit Wasserstoff.

Das Gutshaus von Dauerthal war Herrensitz, Wirtshaus, Wohngebäude und Sanierungsfall. Heute ist es Sitz von Enertrag, eines der größten Energieunternehmen in Brandenburg. Dessen Gründer, Jörg Müller, hat sein Büro im Obergeschoss. Von seinem Bürobalkon schaut er auf den Enertrag-Campus mit Ausbildungszentrum, Hochregallager und Bürogebäuden. Der Firmencampus liegt mitten im Verbundkraftwerk Uckermark. In diesem Kraftwerk sind Wind-, Solaranlagen, Wasserstofferzeugung und Speicher miteinander vernetzt. Enertrag-Aufsichtsratschef Müller will damit fossile Kraftwerke ersetzen und genauso zuverlässig Strom liefern – klimafreundlich. Das Gespräch mit ihm fand kurz nach zwei Anschlägen auf Energieanlagen in Brandenburg statt.
Herr Müller, vor Kurzem gab es Anschläge auf Umspannwerke und auf Stromleitungen in Brandenburg. Wie gut ist das Verbundkraftwerk Uckermark vor solchen Attacken geschützt?
In unserem Verbundkraftwerk haben wir keine Freileitungen, sondern Erdkabel. Sie können nicht so einfach beschädigt werden, schon deshalb nicht, weil niemand sieht, wo sie verlaufen. Außerdem ist unser Netz so ausgelegt, dass wir defekte Abschnitte abschalten und in wenigen Stunden reparieren können. Grundsätzlich hat natürlich jede Energieerzeugungsanlage eine Stelle, an der man sie lahmlegen kann. Deshalb darf im europäischen Energiesystem keine Einheit größer als 3000 Megawatt (MW) sein. Bis zu diesem Wert kann das Energiesystem einen Ausfall – etwa durch den Angriff auf ein Umspannwerk – ausgleichen.
Das Verbundkraftwerk Uckermark erzeugt Grünstrom und speist ihn zum großen Teil ins Höchstspannungsnetz ein. Welche Leistung hat das Kraftwerk aktuell?
Wir steuern jetzt schon ganz deutlich auf ein Gigawatt zu. Der Ertrag steigt, schon allein dadurch, dass wir alte Windkraftanlagen ersetzen. Alte haben 0,5 MW Leistung, moderne Anlagen bringen es auf acht MW. Ersetzt werden nur solche Maschinen, die man nicht mehr sinnvoll reparieren kann. Funktionierende ältere Anlagen laufen weiter.
Worauf setzen Sie beim weiteren Ausbau des Verbundkraftwerks – mehr auf Wind oder auf Sonne?
Wir streben an, dass Solar- und Windenergieerzeugung im Gleichgewicht sind. Dabei müssen wir mindestens drei bis vier Gigawatt Wind- und Solarleistung installieren, um am Netzanschluss bedarfsgerecht ein Gigawatt Strom bereitstellen zu können. Der eingespeiste Strom ist etwa die Hälfte der Erzeugung – die andere Hälfte muss gespeichert werden. Dafür brauchen wir die Wasserstofferzeugung. Damit nutzen wir die Energie sinnvoll, die wir über den aktuellen Strombedarf hinaus produzieren.
Derzeit dominiert aber noch die Windkraft im Verbundkraftwerk, oder?
Wir haben noch deutlich mehr Windkraft, was daran liegt, dass Windenergieerzeugung schon seit 1990 wirtschaftlich ist. Auf Solarenergie trifft das erst seit 2014 zu. Aber sie holt sehr schnell auf. Auch bei der Wasserstofferzeugung wollen wir rasch vorankommen. Wir planen gegenwärtig weitere Elektrolyseure mit 100 bis 200 Megawatt Leistung.
Vor ein paar Jahren gab es eine Wasserstoff-Euphorie in Brandenburg. Sie scheint verflogen. Was braucht es, damit die Wasserstoffwirtschaft in Gang kommt?
Die EU ist immer noch zögerlich beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Dafür brauchen wir einen einheitlichen CO2-Preis auch in der Autoindustrie, der Chemie, dem Flugwesen. Es muss eine Nachfrage nach Wasserstoff geschaffen werden. Ein alternativer Weg wäre, eine Wasserstoffquote für die Einspeisung ins Gasnetz festzulegen. Der Wasserstoff würde dann mit der Zeit billiger werden; das Ziel sind drei bis vier Euro pro Kilogramm. Aber wir müssen jetzt anfangen.
Sind regionale Verbundkraftwerke, die Solar- und Windkraft bündeln und mit Speichern kombinieren, die Kraftwerke der Zukunft?
Ich denke schon. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir diesen Unfug weiterbetreiben und jede Kleinstanlage ans Netz anschließen. Und uns dann wundern, dass das Netz das nicht bewältigt. Wir hatten in Deutschland eine konventionelle Erzeugungskapazität von ungefähr 80, 90 Gigawatt – dafür sind unsere Stromnetze ausgelegt. Um dieselbe Strommenge erneuerbar zu erzeugen, brauchen wir aber 800 Gigawatt installierte Leistung. Es ist unsinnig, die Netze auf 800 Gigawatt auszubauen, weil wir diesen Bedarf nicht haben. Wir müssen vielmehr die Schwankungen der erneuerbaren Energien durch Wasserstoff ausgleichen.
Der meiste grüne Strom wird heute im Norden erzeugt. Die großen Verbraucher, die industriellen Zentren, liegen aber im Süden. Also kommen wir doch um Netzausbau nicht herum.
Sicher kann man auch mal eine Leitung bauen. Aber: Ganz in unserer Nähe verläuft die Uckermarkleitung. Diese riesige Leitung überträgt 1500 Megawatt. Bau- und Planungszeit – fast 30 Jahre. Direkt neben dieser Leitung liegen die Rohre der Gaspipeline von Opal und Eugal. Sie sind so groß, dass man durchlaufen kann. Jedes dieser drei Rohre hat eine Kapazität von 15.000 Megawatt – das Zehnfache der Uckermarkleitung. Bauzeit: drei Jahre. Die Transportkosten einer Kilowattstunde Energie im Gasnetz betragen weniger als ein Zehntel der Kosten für Strom. Es ist extrem günstig, Gas zu transportieren. Außerdem haben wir in Deutschland auch Erdgasspeicher für 200 bis 300 Milliarden Kilowattstunden, die wir zum Teil für Wasserstoff nutzen könnten.
Also nicht Strom in den Süden transportieren, sondern Wasserstoff?
Sicher werden wir auch Strom in den Süden transportieren. Aber warum dafür das Netz mit aller Gewalt ausbauen? Die Versorgung läuft stabiler, wenn wir hier im Norden große Wasserstoffmengen erzeugen, so dass sich die Verbundkraftwerke gut regeln können. Wir könnten dann bedarfsgerecht Strom liefern und als zweites Produkt Wasserstoff.
2045 will Deutschland klimaneutral sein. Wie wird die Energiewelt dann aussehen?
Das Schöne ist, dass es so einfach ist. Unsere Energiequelle wird Strom aus Sonne und Wind sein – und ein bisschen Bioenergie. Dabei hat Solarenergie sogar das Potenzial, Windenergie zu verdrängen. Wir wissen das noch nicht ganz genau, aber physikalisch ist es möglich. Solaranlagen liefern derzeit in der Uckermark 200 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr. Ich denke, das Dreifache ist in den nächsten Jahrzehnten erreichbar.
PV-Anlagen werden Windparks verdrängen, hier in Deutschland?
Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Speicher sehr günstig werden. Für mehr Solarstrom sind viel größere Speicher nötig. Gegenwärtig ist die Kombination aus Solarstromerzeugung und Speicherung noch dreimal so teuer wie Windenergie. Deshalb ist heute eine Mischung aus Solar- und Windenergie der Königsweg, was die Kosten angeht. Denn wir haben übers Jahr gesehen mehr Wind als Sonne. Aber die Erzeugungskosten von Solarenergie sind jetzt bereits mit drei bis fünf Cent pro Kilowattstunde niedriger als die von Windenergie mit fünf bis zehn Cent. Wir lernen, immer bessere Solarzellen herzustellen und der Materialaufwand dafür ist sehr gering. Deshalb wird Solarstrom noch günstiger werden. Bei Windkraftanlagen hingegen steht der deutlich höhere Materialaufwand einer weiteren Senkung der Stromgestehungskosten im Wege.
Welche Voraussetzungen müssten wir jetzt schaffen, um dieses Energiesystem 2045 zu erreichen?
Die Voraussetzungen sind schon geschaffen. Habeck (der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck – d. Red.) hatte ein sehr kluges wissenschaftliches Team an seiner Seite, das als Ausbauziel die jährliche natürliche Erneuerungsrate der Energieanlagen eingeführt hat, welche am Ende der Energiewende voraussichtlich da sein wird. Auch die jetzige Regierung steht zu diesen Ausbauzielen von zehn bis 15 Gigawatt Wind- und 20 bis 25 Gigawatt Solarenergie im Jahr.
Viele Menschen in Deutschland fürchten, dass ein erneuerbares Energiesystem nicht stabil ist. Was passiert, wenn wir eine lange Windflaute in einem eiskalten Winter bekommen?
Die Antwort auf diese Frage heißt – Speicher. Nennen Sie mir ein Energiesystem, das ohne Speicher auskommt. Gaskraftwerke brauchen Gasspeicher und -leitungen. Ein Kohlekraftwerk braucht Kohlebunker. Ein Kernkraftwerk muss jedes Jahr neu beladen werden. Wir können Strom kurzzeitig gut in Batterien speichern und wir können Wasserstoff erzeugen. Sobald ich diese beiden Speicher habe, habe ich Stabilität. Wo bitte, ist da das Problem? Wir hatten in der DDR oft genug Zeiten, wo mangels Kohle kein Strom da war, weil sie in den Tagebauen und Transportanlagen in harten Wintern festgefroren war.
Enertrag baut gerade einen 200 Megawatt Batteriespeicher in der Uckermark. Welche Rolle spielen Batterien für die Versorgungssicherheit?
Batteriespeicher dienen vor allem der Stabilität der Stromnetze. Sie können extrem schnell auf Schwankungen in den Netzen reagieren, schneller als jedes Gaskraftwerk. Das ist ihre Hauptfunktion. Batterien sind typische Stundenspeicher. Sie liegen im oberen Drittel bei den Speicherkosten – deshalb müssen sie oft genutzt werden, mehrfach am Tag. Nur bei vielen Speichervorgängen rentieren sich die hohen Investitionskosten. Wasserstoff hingegen rangiert am unteren Ende der Speicherkosten, weil die Rohrleitungen, die auch als Speicher dienen, preiswert sind oder schon vorhanden und abgeschrieben. Und weil sie so billig sind, kann man darin über Wochen und Monate Energie speichern.
Da sind wir jetzt an dem Punkt, wo sich die Katze in den Schwanz beißt. Die Unternehmen sagen heute – Wasserstoff ist viel zu teuer. Also gibt es keine Nachfrage und auch keine Erzeugung. Wie kommen wir da raus?
Wir brauchen ein klares politisches Bekenntnis zu Wasserstoff und die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das können Quoten für Wasserstoff im Gasanteil sein. Wenn wir mit ein paar Prozent Wasserstoffanteil am Gasgesamtmarkt starten und dann jährlich etwa 4 Prozent steigern, reicht das. Dann haben wir 2050 fast nur noch Wasserstoff im Gasnetz. Es fehlt aber immer noch das Verständnis dafür, dass Wasserstoffspeicher das Problem lösen. Stattdessen wird jetzt über Netzausbauzonen geredet. Brauchen wir nicht. Wir brauchen einfach nur Wasserstoff.
Und Kernenergie – sollten wir sie für eine Übergangszeit noch nutzen? Sie erlebt international ja gerade eine Renaissance. Was sagen Sie als studierter Kernenergietechniker?
Das Kernkraftwerk ist eine tolle Maschine. Nur Solar- und Windenergie sind so viel einfacher und effizienter. Solar- und Windenergie sind unschlagbar.
Was heißt effizienter?
Die Dampfmaschinen von James Watt hatten ganz wenige Prozent Wirkungsgrad. Über mehr als 100 Jahre haben sie sich hochgearbeitet auf zehn Prozent. Dann kamen die Motoren von Otto und Diesel mit einem Wirkungsgrad um die 30 Prozent – und die Dampfmaschinen verschwanden. Jetzt bewegen wir uns in ein Energiesystem hinein, in dem Strom Primärenergie ist. Wir werden keine Kühltürme mehr haben, keine Schornsteine, keine Auspuffe. Durch sie verlieren wir im heutigen System 70 Prozent der Energie – in Form von Wärme. Das erneuerbare Energiesystem hat einen dreifach höheren Wirkungsgrad von fast 90 Prozent. Das kann das alte Energiesystem nicht überleben.
Bundeswirtschaftsministerin Reiche will mehr neue Gaskraftwerke bauen als ihr Vorgänger Habeck. Brauchen wir die?
Das ist eine Notlösung. Gaskraftwerke werden am Ende nur noch 400 Stunden im Jahr benötigt werden. Da sie eigentlich aber 40 Jahre laufen sollen, werden sie sich nicht rechnen.
Wie können wir ein erneuerbares System nicht nur stabil, sondern auch bezahlbar gestalten? Nach Daten des Vergleichsportals Verivox ist Deutschland Spitzenreiter bei den Energiepreisen unter den G20-Staaten.
Es geht in keiner Volkswirtschaft der Welt um Preise, es geht um Kosten. Kosten sind das Produkt aus Preis und Menge. Wenn ich ein gesamtes Energiesystem von 70 Prozent Verlust auf 10 bis 20 Prozent Verlust umstelle, dann brauche ich etwa nur noch ein Drittel der Energiemenge. Das heißt, Energie darf dreimal teurer werden und die Kosten bleiben trotzdem gleich. Wir erwarten aber nur ungefähr doppelt so hohe Energiepreise in einem erneuerbaren System. Doppelter Preis mal ein Drittel der Menge ergibt ein Drittel weniger Kosten. Die Kosten durch den Klimawandel sind dabei nicht eingerechnet. Wenn ich sie berücksichtige, dann ist fossile Energie quasi unendlich teuer.
Das ist die volkswirtschaftliche Sicht. Die Unternehmen und die Bürger interessieren die Preise pro Kilowattstunde auf ihrer Rechnung.
Die Stromproduktionskosten liegen jetzt schon bei 6 Cent für die Kilowattstunde.
Warum kommt von diesen niedrigen Erzeugungskosten für erneuerbare Energien nichts an bei Unternehmen und Bürgern?
Der Netzausbau ist viel, viel, viel zu teuer und er ist zumindest zum Teil überflüssig. Das spiegelt sich in den Netzentgelten wider, die einen Teil des Strompreises bilden. Hinzu kommen weitere Umlagen und Steuern und dann ist man bei 30, 35 Cent. Das sind Festkosten aufgrund von politisch falschen Weichenstellungen.
Wenn Sie Politiker wären, was würden Sie als Allererstes tun, um die Strompreise zu senken, für die Bürger, für die Wirtschaft?
Die bereits gebauten Stromnetze müssen über die nächsten drei Jahrzehnte abgezahlt werden. Diesen Kostenblock werden wir nicht los. Wir können ihn nur umverteilen. Ich würde Netzentgelte anders erheben, nicht pro Kilowattstunde, sondern für die bereitgestellte Leistung, ca. 50 € pro Kilowatt im Jahr.
Das heißt, ein Kunde zahlt nicht nur dafür, wie viel Strom er insgesamt verbraucht, sondern auch dafür, wie stark er das Stromnetz zu einem Zeitpunkt maximal belastet. Also, wenn ein Betrieb morgens alle Anlagen zeitgleich auf Volllast laufen lässt, benötigt er viel Leistung und das wird nach Ihrer Rechnung teuer.
Die Kunden könnten aber ihre Leistung reduzieren, indem sie klüger planen. Durch Akkus oder Solarenergie können sie die Leistung senken und sparen. Aber es gibt noch einen weiteren Kostenblock: gesicherte Leistung. Das ist das, was zum Beispiel Frau Reiches Gaskraftwerke bereitstellen sollen. Dieser Grundbedarf, der jederzeit abrufbar sein muss, der würde auch noch mal 50 Euro pro Kilowatt kosten. Wenn das jeder Stromabnehmer bezahlen müsste, würde das System wirklich massiv entlastet und der Strompreis niedriger. Denn wir würden den Kunden viel mehr Freiraum geben, ihren Verbrauch zu optimieren.
Durch die hohen Erdgaspreise ist Wärmeerzeugung für viele Unternehmen sehr teuer geworden. Nicht jeder Betrieb kann über Strom Wärme erzeugen. Das ist technisch nicht immer machbar und effizient.
Die Abwärme der Wasserstoffelektrolyse, das sind etwa 20 Prozent, ließe sich zum Beispiel hervorragend nutzen. Für den ländlichen Raum eignen sich auch Windwärmespeicher gut.
Das sind die Anlagen, die Wasser erwärmen. Mit Windstrom, der nicht ins Netz gespeist werden kann …
Für solche Windwärmespeicher wollen wir bevorzugt Energie nutzen, die abgeregelt wird. Für abgeregelte Energie bekamen wir als Erzeuger bis 2023 eine Entschädigung, wenn wir nichts ins Netz eingespeist haben. Heute bekommen wir die Entschädigung nur noch, wenn die Energieanlage abgeschaltet wird. Das wollen wir nicht. Wir wollen, dass die Energieanlage läuft und den Wärmespeicher füllt. Wer heute einen Windwärmespeicher baut, verliert den Entschädigungsanspruch. Das kann sehr viel Geld sein. Deswegen macht es keiner. Derzeit lohnen sich Windwärmespeicher nur bei älteren Windkraftanlagen, die nicht mehr nach dem EEG vergütet werden. Und davon haben wir zu wenige.
Wenn Sie Chef eines mittelständischen Betriebs wären und Ihr Unternehmen möglichst preisgünstig mit Wärme und Strom versorgen wollten, was würden Sie tun?
Ich würde schauen, dass ich mein Unternehmen direkt mit erneuerbarer Erzeugung verbinde. Wenn am Horizont ein Windrad zu sehen ist, ist das eine Chance. Zwei bis drei Kilometer Direktleitung sind immer machbar. Ich spare deutlich Netzkosten, wenn ich das öffentliche Stromnetz nicht nutzen muss.
Was hat eigentlich die Uckermark vom Verbundkraftwerk Uckermark?
Gut bezahlte Arbeit im ländlichen Raum. Wir haben 1200 Mitarbeiter, die allermeisten arbeiten in der Region. Außerdem: preiswerte Wärme und Mobilität. Wir können zum halben Ölpreis Wärme liefern; unser Fernwärmepreis liegt bei etwa 10 Cent die Kilowattstunde. Auf unserem Werksgelände gibt es fast an jedem Parkplatz einen Ladepunkt. Wir fahren für einen Euro 100 Kilometer weit. In den nächsten Jahren wollen wir dort, wo wir ein eigenes Netz haben, öffentliche Ladepunkte bauen. Für schätzungsweise zwei Euro pro 100 Kilometer könnten wir dann Strom zum Laden anbieten.
Was sind die nächsten Pläne, die Enertrag in der Uckermark und in Brandenburg umsetzen will?
Das nächste wichtige Projekt ist die große 200-Megawatt-Batterie bei Bertikow. Das ist nicht irgendeine Batterie. Mit ihrer Hilfe wollen wir einen Schwarzstart des Stromnetzes schaffen. Das bedeutet, dass man das Netz nach einem Blackout, einem totalen Spannungsausfall, wieder neu aufbaut. Das wäre eine weltweite Premiere, bisher schaffen das nur Großkraftwerke. Außerdem beschäftigen wir uns gerade mit einem Verfahren, das die Abwärme von Rechnern zum Heizen nutzt. Unsere Gebäude in Dauerthal werden bereits mit der Abwärme unserer Rechner beheizt.


Stichwort Verbundkraftwerk Uckermark:
Das Verbundkraftwerk Uckermark erstreckt sich über 40 mal 40 Kilometer. Es besteht aus Windkraftanlagen mit einer Nennleistung von mehr als 600 MW – das ist mehr als die Leistung eines der drei Kraftwerksblöcke des Kohlekraftwerks Jänschwalde. Hinzu kommen Solarfelder, Biogasanlagen, Wasserstoff- und Wärmeerzeugung. Ein mehr als 600 Kilometer langes Leitungsnetz verbindet die Anlagen zu einer großen, steuerbaren Einheit. Sie arbeitet laut Enertrag wie ein konventionelles Großkraftwerk: planbar, zuverlässig und bedarfsgerecht. Das Gros des erzeugten Stroms wird ins europäische Verbundnetz eingespeist. Enertrag plant weitere regionale Verbundkraftwerke in Mecklenburg-Vorpommern und der Lausitz.
Fakten zu Enertrag:
Die 1998 gegründete ENERTRAG (1998 als AG, seit 2022 SE) hat bislang Windenergieanlagen mit einer Gesamtnennleistung von mehr als 1.800 Megawatt (MW) in Deutschland und weiteren Ländern errichtet. Sie beschäftigt rund 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Europa, Afrika, Südamerika und Asien. Hauptsitz ist Dauerthal in der Uckermark. Für das Geschäftsjahr 2025/26 bilanziert das Unternehmen einen Jahresüberschuss von rund 37 Mio. € und steigert damit das Ergebnis deutlich gegenüber dem Vorjahr (25 Mio. €). Gründer Jörg Müller ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrates.
Jens Jankowsky
Referent Innovation/Energie
Geschäftsbereich Wirtschaftspolitik