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„Wir brauchen eine lebendige Strategie“
Die Vollversammlung der IHK Ostbrandenburg hat im März zwei wichtige Dokumente beschlossen. IHK-Hauptgeschäftsführerin Monique Zweig zur Strategie der IHK und zum Positionspapier zur Wirtschaftssicherheit
FORUM: Die Strategie der IHK Ostbrandenburg ist im März verabschiedet worden. Warum wurde sie jetzt erneuert?
Monique Zweig: Unsere Vollversammlung hat im März keine völlig neue Strategie beschlossen. Vielmehr haben wir das vor zwei Jahren erarbeitete Dokument in wesentlichen Punkten angepasst. Wir brauchen eine lebendige Strategie, eine, mit der wir auf die schnellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit reagieren können. Wir haben deshalb unser Strategiepapier redaktionell überarbeitet und einige Punkte neu formuliert.
Was ist neu an dieser Strategie?
In unserer strategischen Ausrichtung geben wir dem ländlichen Raum ein deutlich höheres Gewicht. Er bildet das Fundament für Wohlstand, Versorgungssicherheit und Lebensqualität. Deshalb fordern wir einen Perspektivwechsel, weg von der Betrachtung als Randlage, hin zu einem tragenden Bestandteil der Gesamtregion. Ohne das Land können die Städte nicht leben. Wir brauchen eine moderne digitale Infrastruktur und ein leistungsfähiges Verkehrsnetz im ländlichen Raum. So setzen wir uns insbesondere für einen Ausbau der A12 sowie der Ostbahn und für weitere Verkehrsverbindungen nach Polen ein.
Welche weiteren wesentlichen Veränderungen gibt es?
Als IHK Ostbrandenburg sind wir die zentrale Interessenvertretung der Wirtschaft in der Region. Es ist unsere Aufgabe, die Stimme der Wirtschaft zu stärken. Diesem Punkt räumen wir in unserer Strategie die höchste Priorität ein. Die Wirksamkeit unserer Interessenvertretung hängt wesentlich davon ab, dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer aktiv an der demokratischen Meinungsbildung innerhalb der IHK beteiligen. In diesem Prozess erarbeiteten wir unsere Themen und Ziele, unsere Strategie. Sie bildet die Grundlage unserer Arbeit und setzt den Rahmen, in dem die IHK sprechen und handeln darf.
IHK Hauptgeschäftsführerin Monique Zweig
Mitgliedsunternehmen haben sich bei der Neuausrichtung der Strategie eingebracht. Welche Anregungen aus dem Beteiligungsverfahren sind darin eingeflossen?
Unsere Strategie ist das Ergebnis einer langen und gründlichen Diskussion in unseren Ausschüssen und mit unseren Mitgliedsunternehmen. Ihnen war es wichtig, dass der Bürokratieabbau einen hohen Stellenwert erhält. Als ein Querschnittsthema findet sich Bürokratieabbau in den einzelnen Punkten unserer Strategie wieder. Auch Anregungen unserer Mitglieder zu den Themen Technologieoffenheit, zu einer noch breiteren Zusammenarbeit mit Brandenburger Hochschulen und zu Innovationsanreizen sind eingeflossen.
Welche Rolle spielt unser Nachbarland Polen in der strategischen Ausrichtung?
Der Ausbau der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen bildet einen Schwerpunkt in unserer Strategie, vor allem wenn es um Handel geht. Polen ist für Brandenburg das Export- und das Importland Nummer eins. Die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn in den Bereichen Energie, Umwelt, Fachkräfte und Infrastrukturentwicklung muss weiter gefördert werden. Wir sollten Raumplanung stärker gemeinsam denken – unter anderem zugunsten besserer, effizienter Verkehrswege über die Grenze hinweg. Ich wünsche mir auch, dass bei nationalen Entscheidungen die Auswirkungen auf unsere Grenzregion stärker berücksichtigt werden und im Vorfeld von Entscheidungen intensiver mit unseren Nachbarn kommuniziert wird.
In der Strategie finden sich auch Aussagen zur Wirtschaftssicherheit. Trotzdem hat die Vollversammlung zusätzlich ein eigenes Positionspapier zur Wirtschaftssicherheit verabschiedet. Warum?
Unser Positionspapier basiert auf der DIHK-Position: „Wirtschaft und Verteidigung“. Wir wollten das DIHK-Positionspapier aber nicht eins zu eins übernehmen. Uns ist wichtig, Wirtschaftssicherheit sowohl unter dem Aspekt der Verteidigung als auch in Hinblick auf terroristische Anschläge und Naturkatastrophen zu betrachten. Beide Perspektiven finden sich in unserem Dokument in eigenen Kapiteln.
Wo sehen Sie aktuell konkrete Bedrohungslagen für Unternehmen?
Ich denke da zuerst an die jüngsten Anschläge auf die Stromversorgung in Teilen Berlins mit massiven Auswirkungen für Unternehmen. Das sind leider Szenarien, auf die wir uns vorbereiten müssen.
Was bedeutet das Thema Sicherheit für die regionale Wirtschaft und die Arbeit der IHK ?
Bisher ging es bei Unternehmenssicherheit viel um IT-Sicherheit. Da haben wir als IHK mitgewirkt und unsere Unternehmen informiert und unterstützt. Jetzt kommt das Thema Sicherheit und Verteidigung in einer ganz neuen Dimension hinzu. Die Wirtschaft spielt dabei als Garant für Energie-, Lebensmittel- oder Gesundheitsversorgung eine bedeutende Rolle. Die IHK-Organisation selbst agiert als Mittlerin zwischen Politik, Verwaltung, Bundeswehr und Wirtschaft.
Zugleich rückt die Bundeswehr für uns als wirtschaftlicher Partner stärker ins Blickfeld. Das kann eine Chance für unsere Unternehmen sein. Allerdings sehen wir auch, dass der Personalbedarf der Bundeswehr den Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte verschärfen wird. Dieser darf nicht einseitig zulasten der Wirtschaft gehen.
Im Positionspapier wird ausdrücklich betont, dass es bei Schutzmaßnahmen in Krisenfällen ein Augenmaß braucht. Was ist damit gemeint?
Wenn aus Sicherheitsgründen Eingriffe in wirtschaftliche Freiheiten nötig sind, dann müssen sie verhältnismäßig sein und sollten sich auf Hochrisikobereiche beschränken. Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen darf nicht beeinträchtigt werden.
Wie kann die IHK Unternehmen konkret darin unterstützen, sich widerstandsfähiger aufzustellen?
Wir wollen vor allem für das Thema Resilienz sensibilisieren und informieren. Auf Veranstaltungen, die wir anbieten, können Unternehmen über ihre Erfahrungen sprechen und sich austauschen. Das halte ich für sehr wichtig, weil man von Best-Practice-Beispielen viel lernen kann. Und wir organisieren den Austausch mit der Politik.
Was macht diese Auseinandersetzung mit den Themen Sicherheit, Verteidigung und Krisen persönlich mit Ihnen?
Das ist schon nicht so einfach für mich, gerade auch als Mutter von zwei Söhnen. Ich würde mich lieber anderen Themen widmen. Aber wir können die Augen nicht verschließen. Ich sehe die Notwendigkeit, dass die Wirtschaft in Fragen von Sicherheit und Verteidigung eingebunden ist. Andererseits meine ich: Wenn Drohnen für militärische Zwecke hergestellt werden müssen, warum sollen dann nicht auch Unternehmen aus Ostbrandenburg davon profitieren?
FORUM/Ina Matthes
Kontakt
Dr. Knuth Thiel
Leiter
Geschäftsbereich Wirtschaftspolitik
