Jahresauftakt

Unser Neujahrsempfang

Zeitenwende meistern

Gut besuchter Treffpunkt zum Jahresauftakt: 680 Gäste aus Wirtschaft und Politik begrüßte IHK-Präsident Jan Müller in der Oldenburger Weser-Ems-Halle. Müller und Ministerpräsident Stephan Weil stimmten als Festredner mit ihren Ausblicken auf das Jahr 2023 auf eine anschließende Podiumsdiskussion ein, die sie mit Ammerlands Landrätin Karin Harms, der Unternehmerin Dr. Jutta Middendorf-Bergmann und EWE-Vorstandschef Stefan Dohler bestritten.
“Sind wir schon stark genug, um die Zeitenwende, die Zeit mit der Zunahme von Krisen und globalen Herausforderungen zu meistern?“, fragte Müller zum Auftakt, um gleich zu antworten: „Meines Erachtens mitnichten!“
Denn „im gesellschaftlichen Diskurs befindet sich Wirtschaft zu sehr in der Defensive“, erläuterte er. Dabei sei wirtschaftliche Stärke maßgeblich für ein krisenfestes und robustes Land. „Wir müssen deshalb gemeinsam für eine starke Wirtschaft eintreten und offene Baustellen angehen." Dabei forderte der IHK-Präsident eindringlich mehr Tempo, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, auch durch „klare Prioritäten bei gemeinwohlwichtigen Vorhaben“.

Die Umstellung auf LNG und später Wasserstoff sowie der Ausbau der Regenerativen Energien seien Riesenchancen für unsere Region, erklärte er und forderte eine aktive Industrieansiedlungspolitik, auch über Sonderwirtschaftszonen mit beschleunigten Planungs- und Genehmigungsverfahren.

„Wir müssen zudem den Strukturwandel im Agrar- und Ernährungsbereich so gestalten, dass die Wertschöpfung hierbleibt.“ Sein Wunsch und Appell: „Ein enger Schulterschluss zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltung“.

Müller hob die positive Entwicklung des Wissenschaftsstandorts Oldenburg hervor und nannte den Aufbau der Medizinstudienplätze und das geplante Innovationsquartier im Bereich Informatik. „Wir setzen uns für die Weiterentwicklung der Hochschulstrukturen im Oldenburger Land ein."

„Powerhouse“ Nordwesten

Ministerpräsident Stephan Weil sagte, die wirtschaftliche Substanz sei trotz Pandemie erhalten geblieben. Die erwartete Insolvenzwelle habe es nicht gegeben. Nach Beginn des Kriegs in der Ukraine und dem Gas-Lieferstopp Russlands sei es gelungen, die Versorgung sicherzustellen. Er betonte, dass die Landesregierung nun zudem an der Seite der Unternehmen stehe, um ergänzend mit einem 300-Millionen-Programm Härten angesichts der gestiegenen Energiepreise abzufedern. Und es sei dabei wichtig, auch die energieintensive Industrie in Deutschland zu erhalten.
Weil betonte die Vorteile, die gerade in Niedersachsen durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft entstehen: „Wir wollen Energieland Nummer eins werden!“ Nordwestdeutschland werde im Zentrum der Entwicklung stehen und das „Powerhouse“ in Deutschland werden. Er räumte mit Blick auf Planungs- und Genehmigungsverfahren ein: „Wir stehen uns in Deutschland aber beim Ausbau der Infrastruktur zu oft selbst im Weg.“ Den raschen Bau des LNG-Terminals in Wilhelmshaven bezeichnetet er dagegen als „Best-Practice-Beispiel“.

Enorme Herausforderungen

Dr. Middendorf-Bergmann berichtete in der Diskussion eindrücklich von wegbrechenden Märkten und gestörten Lieferketten infolge der Pandemie und des Angriffskriegs auf die Ukraine. Nachdem ihr Unternehmen all das bewältigt habe, sorge sie sich nun um immer weiter steigende Preise auf dem Stahlmarkt. Auf den Rohstoff ist die Ludwig Bergmann GmbH (Goldenstedt) bei der Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen angewiesen. Zudem verteuerten höhere Kosten für Gas und Strom den Produktionsprozess, was zu höheren Verkaufspreisen für die Maschinen führe, so Dr. Middendorf-Bergmann. Sie stelle sich die Frage: „Wann ist ein Break Even Point erreicht, wo der Kunde sagt, das können wir uns nicht mehr leisten?“
Sorgen bereiteten ihr mittlerweile auch drohende neue Störungen in den Lieferketten wegen der aktuellen Lage in China, was dazu führe, dass Maschinen nicht ausgeliefert werden könnten. Das belaste langfristig auch das Vertrauen zu Geschäftspartnern weltweit. „Es sind die Herausforderungen unserer Branche und unserer Generation. Wir packen das – aber es ist durchaus anspruchsvoll.“
Die Unternehmerin mahnte wie Müller schnellere und zuverlässige Bau- und Genehmigungsverfahren an. Ihrer Erfahrung nach mangele es deutlich an „personell und fachlich kompetenterer Ausstattung von Ämtern und Behörden“. Viel zu lange Bearbeitungszeiten sorgten für Kostensteigerungen von teilweise über 50 Prozent, die finanziell enorm belasteten und Planungsunsicherheit verursachten. „Wenn wir so weitermachen, wie bisher, dann weiß ich nicht, ob der Begriff Powerhouse Nordwesten zu halten ist“, wandte sie sich an Weil.   
EWE-Chef Dohler beschäftigte die Frage, wie schnell eine Preisstabilisierung im Energiesektor zu machen sei. Aus seiner Sicht hänge das auch davon ab, wie schnell man weitere LNG-Terminals aufstellen und „alternative Strecken“ aufbauen könne. „Wir werden sehr viel mehr grüne Energie brauchen, vieles davon auch importieren“, sagte er. Die „Bausteine für eine grüne Energiewelt“ mit großen Potentialen für Wind- und Sonnenenergie seien im Nordwesten in einmaliger Weise vorhanden, das sei eine Riesenchance. EWE werde „in den nächsten zehn Jahren 14 Milliarden Euro in eine integrierte Infrastruktur investieren.“ Dabei solle „maximale Wertschöpfung“ für die Region entstehen.
Ammerlands Landrätin Karin Harms bestätigte, dass der Fachkräftemangel definitiv im Landkreis angekommen sei. Weitere Herausforderungen seien neben der steigenden Inflation und der Energiemangellage aus ihrer Sicht auch die Integration von Flüchtlingen und die Sicherung des sozialen Friedens.
Ministerpräsident Weil kündigte an, sich weiterhin für optimale Bedingungen für eine starke Wirtschaft im Nordwesten stark zu machen. Dazu gehören kürzere Genehmigungsverfahren, schnellere Digitalisierung von Prozessen, die Präklusion in Verfahren, bessere Verfügbarkeit von Flächen und Ausbau der Windenergie.
Leena Kramer, Karen Knop und Michael Bruns
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