Wirtschaftsspiegel
Nr. 7074146
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Dr. Oliver Röttger
Unternehmen & Märkte

Wenn Problemlöser verschwinden

Apotheken bieten mehr als nur Medikamente. Sie verkürzen Wege und helfen bei kleinen und großen Notfällen. In Westfalen-Lippe wird das Apothekennetz jedoch immer dünner, was Folgen für Patienten, Praxen und Standorte hat.
Ein Patient braucht ein Medikament – doch im Ort gibt es oft keine Apotheke mehr. Gabriele von Elsenau Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe in Münster und selbstständige Apothekerin, vergleicht Apotheken mit Strom aus der Steckdose: „Alle halten sie für selbstverständlich. Erst wenn sie fehlen, wird es ungemütlich“, sagt sie.
Gabriele von Elsenau Overwiening
Gabriele von Elsenau Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, sieht die Zukunft vieler Apotheken unter Druck: „Das Problem ist, dass die Selbstständigkeit für viele wirtschaftlich und persönlich immer schwerer wird.“
Seit Jahren schrumpft das
Apothekennetz in Westfalen-Lippe. Ende 2005 gab es noch 2.245 Apotheken, Ende 2025 waren es nur noch 1.613 – ein Rückgang um rund 28 Prozent. Besonders stark betroffen sind selbstständige Apothekerinnen und Apotheker. 2005 führten in Westfalen-Lippe 2.138 Selbstständige eine Apotheke, Ende 2025 waren es nur noch 1.177. Gleichzeitig stieg die Zahl der Filialen von 107 auf 436.
Overwiening nennt mehrere Gründe für diese Entwicklung: Viele Inhaberinnen und Inhaber finden keine Nachfolge, die wirtschaftlichen Aussichten haben sich verschlechtert, und Honorare wurden seit Jahren kaum angepasst. Zudem wächst der Druck durch Versandapotheken. „Das Problem ist nicht die fehlende Nachfrage. Die Menschen brauchen Apotheken vor Ort. Das Problem ist, dass die Selbstständigkeit für viele wirtschaftlich und persönlich immer schwerer wird“, erklärt sie.
Die Umsatzzahlen bestätigen dies: Laut Apothekenwirtschaftsbericht 2025 stieg der durchschnittliche Umsatz je Apothekenbetriebsstätte bundesweit von 1,5 Millionen Euro im Jahr 2005 auf rund 3,7 Millionen Euro im Jahr 2024. Doch Medikamente und medizinische Hilfsmittel wie Inhalatoren, Bandagen oder Katheter werden teurer: Der wert der Waren, die eine Apotheke einsetzen musste, um die Produkte zu verkaufen stieg von 72,5 auf knapp 80 Prozent. Sprich: Von jeweils 100 Euro Umsatz wurden zuletzt nur noch 4,40 Euro als steuerlicher Betriebsgewinn verbucht – zuvor waren es noch 7,60 Euro. Unterm Strich fließt also mehr Geld durch die Kasse, doch weniger bleibt drin.

Bedeutung der Apotheken für die regionale Wirtschaft

Aus Sicht der IHK Nord Westfalen gehören Apotheken zur Alltagsinfrastruktur eines Ortes. Sie sichern kurze Wege, bringen Menschen in die Zentren und stärken die Nahversorgung. „Apotheken sind ein wichtiger Teil lebendiger Ortskerne. Wenn sie verschwinden, fehlen nicht nur Medikamente. Es fehlen Frequenz, kurze Wege und ein Stück Standortqualität“, sagt Jens von Lengerke, bei der IHK Nord Westfalen Abteilungsleiter Handel, Dienstleistungen, Tourismus.
Ein Beispiel aus Everswinkel: Dr. Oliver Röttger leitet dort seit 2012 die Sertürner Apotheke, deren Geschichte über 100 Jahre zurückreicht. Für Röttger gehört eine Apotheke „mit einem Lebensmittelmarkt und vielen anderen Dingen zur Grundversorgung. Am Ort. “ An seinem Verkaufstisch landen Probleme, die vorher niemand gelöst hat: ein falsches Rezept, eine Rückfrage an die Praxis. Besonders für ältere Menschen, chronisch Kranke, Pflegebedürftige und Familien mit kleinen Kindern ist die örtliche Nähe keine Frage des Komforts, sondern schnelle Hilfe. „Wer kein Auto hat, braucht jemanden in Reichweite. Wer dringend ein Medikament braucht, kann nicht auf den Paketdienst warten“, erklärt Röttger.
Darum hat er das Angebot der Sertürner-Apotheke ausgebaut: Neben der klassischen Abgabe von Medikamenten und der Herstellung von Rezepturen im Labor bietet die Apotheke pharmazeutische Dienstleistungen an, unter anderem zur Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck oder Atemwegserkrankungen auf ärztliche Verordnung. Zwei Fahrer übernehmen die Auslieferung von Medikamenten und Hilfsmitteln im Ort und in der näheren Umgebung. Seit 2012 verdoppelte er die Zahl der Beschäftigten von acht auf rund sechzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Warum? „Mehr Vorgaben, mehr Dokumentation, mehr Beratung“, zählt er auf.
Overwiening bezeichnet Apotheken wie die Sertürner-Apotheke von Röttger als „stille Problemlöser“. In der Pandemie wurde das sichtbar: Apotheken testeten auf Corona, impften, gaben Masken aus und stellten Desinfektionsmittel her. Auch im Alltag springen sie ein, zum Beispiel im Winter 2022, als es Lieferengpässe für Kinder-Fiebersäfte mit Paracetamol und Ibuprofen gab und Apotheken sie in Rezeptur herstellten.

Herausforderungen und politische Maßnahmen

Thomas Haddenhorst
Thomas Haddenhorst, Leiter der Elefanten-Apotheke in Oelde, sieht ein wachsendes Nachfolgeproblem: „Die jungen Leute wollen sich das nicht mehr antun.“ Viele Apothekerkinder hätten Pharmazie studiert, wollten die elterliche Apotheke aber nicht übernehmen. © Kaup-Büscher/IHK Nord Westfalen
Doch die „Problemlöser“ stehen unter Druck. IT, Miete und Energie werden teurer, Fachkräfte fehlen, die Arbeitstage sind lang, Notdienste kommen hinzu. Viele Apothekerinnen und Apotheker finden keine Nachfolge. „Die jungen Leute wollen sich das nicht mehr antun“, sagt Thomas Haddenhorst, Leiter der
Elefanten-Apotheke in Oelde. Er berichtet von Kolleginnen und Kollegen, deren Kinder Pharmazie studiert haben, aber die elterliche Apotheke nicht übernehmen wollen.
Die Politik scheint das Problem erkannt zu haben. Im Koalitionsvertrag steht, dass das Apothekenpackungsfixum steigen soll. Gemeint ist das Honorar, das Apotheken für ein abgegebenes Medikament erhalten. Doch der Entwurf des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wiederspricht dem: Der Kassenabschlag, also der gesetzlicher Rabatt, den Apotheken pro rezeptpflichtiger Packung an die gesetzlichen Krankenkassen abführen müssen, soll von 1,77 Euro auf 2,07 Euro steigen. Auch die Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente sollen erhöht werden.
„Das ist eine Mogelpackung“, findet Haddenhorst. Röttger sieht das ähnlich: „Hintenherum wird kassiert, was wir vorn bekommen.“ Das Ungleichgewicht erklärt Overwiening so: „Mit dem Gesetz soll die Finanzlage der gesetzlichen Kassen saniert werden. Was aber passiert? Der Patient schaut online und bestellt da.“ Das erzeugt Frust beim Apotheker.

Proteste und Forderungen

Im Frühjahr 2026 wurde der Frust sichtbar. Am 23. März blieben bundesweit viele Apotheken geschlossen. Haddenhorst hat mitgestreikt und dafür einen fünfstelligen Tagesumsatz geopfert. Gemeinsam mit der Apothekerschaft protestierte er gegen den Druck auf die Betriebe, gegen jahrelang kaum angepasste Honorare und für die Umsetzung der Zusagen aus dem Koalitionsvertrag. Rückblickend meint er: „Wahrscheinlich war das nicht schmerzhaft genug. Wir müssten wieder streiken“. Trotzdem bleibt der Protest schwierig, denn Apotheken wollen sichtbar werden, dürfen aber die Versorgung nicht gefährden.

Apotheken als Drehkreuze der Gesundheit

Viele Fäden laufen schon heute in der Apotheke zusammen. Für Overwiening sind Apotheken Drehkreuze der Gesundheit: „Sie vermitteln in die ärztliche Versorgung. Sie halten Kontakt zu Krankenkassen. Sie klären korrekturbedürftige Rezepte. Sie stabilisieren das Gesundheitssystem, wenn andere Stellen überlastet sind“, zählt sie auf.
Das kostet Zeit und erfordert Nähe vor Ort, Fachwissen und Vertrauen. In ihrer Apotheke fährt eine Mitarbeiterin zu Arztpraxen, um fehlerhafte Rezepte neu einzufordern. Das mache die Apotheke für die Patientinnen und Patienten.
Manchmal geht es dabei nicht um Komfort, sondern um Tempo. „Wenn wir bei manchen Dingen auf Genehmigung warten würden, würden manche Patienten versterben, ehe die Genehmigung da ist“, sagt Overwiening.
Dieser Satz zeigt, worum es geht: Nicht um Nostalgie, sondern um eine Infrastruktur, die schneller helfen könnte, wenn man sie ließe. Wenn eine Apotheke verschwindet, fehlt mehr als ein Geschäft. Dann fehlt ein Ort, an dem jemand nachhakt, bevor aus einem Rezept ein Problem wird.