Wo Taucher in Kläranlagen, trübem Wasser oder bei Rettungseinsätzen arbeiten müssen, kommt Spezialausrüstung zum Einsatz. Die Tatum GmbH aus Beckum entwickelt und produziert Tauchtechnik für Feuerwehren und gewerbliche Taucher. Hinter dem Unternehmen stehen Norbert Stoffer und Martin Nordhorn – zwei passionierte Taucher.
Ein Taucher steigt in eine Kläranlage, sinkt in die trübe Flüssigkeit hinab und verschwindet nach wenigen Augenblicken aus dem Blick. Unter Wasser geht die Sicht gegen null – trotzdem muss er sich orientieren, arbeiten und mit seinen Kollegen an der Oberfläche verständigen. Für solche Einsätze entwickelt die Tatum GmbH aus Beckum Tauchtechnik.
Vom Taucherhelm bis zur Kommunikationstechnik: Das Unternehmen von Norbert Stoffer stellt Tauchtechnik für Feuerwehren und gewerbliche Taucher her.
Ihre Kunden tauchen nicht zum Vergnügen: Feuerwehrtaucher retten oder bergen, gewerbliche Taucher reparieren Anlagen, wechseln Schieber oder führen Betonarbeiten aus. „Die tauchen nicht des Tauchens willen, sondern die tauchen, weil sie eine Aufgabe erfüllen müssen“, sagt Norbert Stoffer, der das Unternehmen zusammen mit Martin Nordhorn führt.
Vom Beinaheunfall zur Firmengründung
Die Geschichte von Tatum beginnt Anfang der 1990er-Jahre – lange vor der Firmengründung im August 2002. Stoffer und Nordhorn lernten das Tauchen bei der DLRG. Nach einem Beinaheunfall beim Tauchen beschäftigten sich beide mit der Frage, wie sich Tauchausrüstung sicherer und einfacher handhaben ließe.
Das technische Wissen brachten beide aus ihren Berufen mit. Stoffer absolvierte eine Ausbildung zum Elektriker und arbeitete 51 Jahre in einem Zementwerk, bevor er 2023 in Rente ging. Dort arbeitete er im Bereich Elektro- und Metalltechnik sowie in der Verfahrenstechnik. Nordhorn arbeitet bei einem Unternehmen, das Höchstdruckpumpen herstellt. „Ich bin derjenige, der das Verfahren entwickelt, und er guckt dann, ob meine Hirngespinste technisch umsetzbar sind“, beschreibt Stoffer die Arbeitsteilung.
Ende der 1990er-Jahre wurden erste Entwicklungen patentiert. Eigentlich wollten die beiden sie von etablierten Herstellern produzieren lassen. „Da sie keiner bauen wollte, haben wir gesagt: Okay, das machen wir selbst“, erzählt Stoffer. 2002 gründeten sie Tatum.
Die ersten Räume fand das Unternehmen im früheren landwirtschaftlichen Betrieb von Stoffers Eltern. Tatum bauten beide über viele Jahre neben ihren Hauptberufen abends und am Wochenende auf. „Ab fünf Uhr begann die zweite Schicht“, sagt Stoffer.
Technik für spezielle Einsätze
Zum Angebot gehören neben Taucherhelmen auch schlauchversorgte Leichttauchgeräte, Tragesysteme und Oberflächenkontrollsysteme. Hinzu kommen Komponenten für Atemluftversorgung, Kommunikation, Beleuchtung, Video und Taucherüberwachung. Je nach Einsatz werden die Elemente kombiniert.
Auch der Taucherhelm AFS 3 ist eine Eigenentwicklung. Die Abkürzung steht für „Automatic Freeflow System“. Anders als bei bedarfsgesteuerten Systemen, die beim Einatmen Luft zuführen, strömt beim Freeflow-Prinzip kontinuierlich Luft durch den Helm. Das erschwert bei Einsätzen in belasteten Flüssigkeiten das Eindringen von Verunreinigungen in Maske oder Helm. Eingesetzt wird der Helm unter anderem in Kläranlagen und Faultürmen.
Flexibler als die „Großen“
Zu den Kunden zählen unter anderem Feuerwehren in Dortmund, Münster und Stuttgart sowie Landes- und Bundespolizei, Katastrophenschutz und gewerbliche Tauchunternehmen. Besonders die Nachfrage von Firmen, die in Kläranlagen arbeiten, nehme zu.
Viele Aufträge beginnen mit einem konkreten Problem. Stoffer und Nordhorn schauen sich den Einsatz an und stellen aus zertifizierten Baugruppen eine passende Ausrüstung zusammen. Häufig entstehen zunächst Mustergeräte, die mehrere Wochen getestet und angepasst werden. „Der Kunde hat ein Problem, wir fahren hin, gucken uns das an und sagen dann: Pass auf, wir haben was für dich“, beschreibt Stoffer das Vorgehen.
Diese Flexibilität sieht er als Vorteil gegenüber größeren Herstellern. „Es gibt drei Große und uns als kleine Teelichter“, sagt Stoffer über den Wettbewerb. Tatum komme vor allem zum Zuge, weil das Unternehmen schnell reagieren könne. Stoffer und Nordhorn könnten kurzfristig entscheiden, ob und wie sie einen Auftrag umsetzen.
Was Ausrüstung aushalten muss
Die Anforderungen an die Technik sind hoch. Bei den Prüfungen zur Zertifizierung fällt laut Stoffer unter anderem ein fünf Kilogramm schwerer Gegenstand aus mehr als einem Meter Höhe auf den AFS-3-Helm; bei einem weiteren Test trifft ihn ein beilartiger Gegenstand aus mehreren Metern Höhe. Auch die Verständigung zwischen Taucher und Oberfläche wird getestet.
Besonders viel muss die Ausrüstung bei Arbeiten in Kläranlagen oder Behältern mit Schlachtabfällen aushalten. Nach dem Einsatz wird sie mit einem Hochdruckwasserstrahl abgespritzt und desinfiziert. Die Materialien müssen auch chemischen Belastungen standhalten. Nach Angaben von Stoffer verträgt die Ausrüstung unter anderem Säuren, Laugen, Treibstoffe und Lösemittel.
Helme werden häufig paarweise bestellt, erklärt Norbert Stoffer – einer für den Taucher und einer für den Reservetaucher.
Zulieferer kommen aus der Nähe
Rund 3.000 Einzelzeichnungen seien inzwischen für eigene Konstruktionen entstanden. Prototypen fertigen Stoffer und Nordhorn zum Teil selbst, größere Stückzahlen übernehmen spezialisierte Zulieferer – 80 bis 90 Prozent davon aus dem Raum Beckum und Gütersloh.
Tatum kauft inzwischen weniger fertige Bauteile zu. Zu oft seien Komponenten nach einigen Jahren vom Markt verschwunden – problematisch für zertifizierte Produkte. Deshalb lässt das Unternehmen einen Großteil der Teile nach eigenen Zeichnungen herstellen.
Bei Defekten oder technischen Weiterentwicklungen muss dank der modularen Bauweise nicht gleich das gesamte Gerät ersetzt werden. Häufig genügt der Austausch eines Moduls. Für die Wartung verfolgt Stoffer einen einfachen Grundsatz: „Am Strand der Malediven muss ich das Gerät warten können.“
Kleines Team, viele Aufträge
Im Kern arbeiten Stoffer und Nordhorn zu zweit. Hinzu kommen drei freie Mitarbeiter, die bei Bedarf in Logistik, IT und Elektrik unterstützen. Mit dieser kleinen Mannschaft erreiche Tatum inzwischen einen Jahresumsatz von mehr als 500.000 Euro. Etwa 20 bis 25 Helme könne das Unternehmen pro Jahr fertigen – zusätzlich zu den anderen Produkten. Aufträge müssten teilweise verschoben oder abgelehnt werden.
Die Tatum GmbH stellt unter anderem Technik für die Kommunikation zwischen Taucher und Leinenführer her.
Wie hoch die Auslastung zeitweise ist, zeigte sich zu Beginn dieses Jahres. „Die ersten drei Monate bin ich da gar nicht aus der Werkstatt rausgekommen“, sagt Stoffer. Ein Grund war ein größerer Auftrag aus dem Katastrophenschutz: Tatum fertigte 24 autonome Tauchgeräte für vier Fahrzeuge. Bei diesen Geräten führen die Taucher ihre Atemluft selbst mit. Zum Auftrag gehörten außerdem Kommunikationstechnik, Kabel, Ersatzflaschen und Masken.
Auch aus dem Ausland kommen mittlerweile Anfragen. Im Sommer kamen Interessenten aus Frankreich nach Beckum, um den AFS-3-Helm zu testen. Noch während ihres Besuchs sei die erste Bestellung eingegangen. Inzwischen werde über eine Vermarktung in Frankreich und seinen Überseegebieten gesprochen.
Auch privat lässt das Tauchen Stoffer nicht los. Im September feierte er seine 60-jährige Mitgliedschaft in der DLRG, außerdem war er 42 Jahre bei der Feuerwehr aktiv. Zum Sporttauchen geht er noch immer: „Einmal im Jahr gönne ich mir das noch, da muss ich irgendwo mal ein bisschen bunte Fische sehen.“