Wirtschaftsspiegel
Nr. 6832592
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Mehrere Orte für Kongresstourismus
Kongresstouristik

Urlaubsgrüße vom Kongress

Nach einem ausgedehnten Frühstück das erste Get-Together im topmodernen Hotel. Danach, am Aassee entlang, zum Mühlenhof bummeln, mitten ins Münsterland vergangener Jahrhunderte. Imbiss zwischen Fachwerkhöfen und Bockwindmühle, dann die zweite Tagungsrunde. Jetzt aber auf in den Zoo, der liegt ja nahe, und frische Luft tut gut. Weiter tagen im Tropen-Flair, dann eine geführte Exkursion durch den Dschungel der Meranti-Halle. Ist das alles noch Arbeit oder ist das schon Vergnügen? Sowohl als auch. „Bleisure“ heißt das Zauberwort, erklärt Bernadette Spinnen, Leiterin von Münster Marketing.
Bernadette Spinnen
Bernadette Spinnen ist Leiterin von Münster Marketing © Morsey/IHK Nord Westfalen
Der Begriff führt „Business“ und „Leisure“, die Freizeit, zusammen. Genau diese Kombination soll Münster weit nach oben bringen im Wettbewerb der Kongress- und Tagungsstädte. „Die Ansprüche der Veranstalter an einen Standort haben sich in den vergangenen Jahren verändert“, erklärt Spinnen. Demnach messen sie dem Rahmenprogramm einen hohen Stellenwert bei und prüfen, welche Qualitäten eine Stadt zu bieten hat. „Sie wollen nicht mehr in einem abgedunkelten Schuhkarton tagen, ohne am Ende zu wissen, wo sie eigentlich waren“, sagt Spinnen, die neun Jahre lang Vorsitzende des Bundesvorstandes der City und Stadtmarketings in Deutschland war.

Entdeckungstour durchs Quartier

Ohnehin hätten große Konzerne ihre Business-Veranstaltungen nach der Corona-Pandemie reduziert. Anders die Entwicklung im Städtetourismus: Hier ist Münster ein Magnet. Spinnen nennt Zahlen. Demnach ist innerhalb der vergangenen 20 Jahre die Übernachtungszahl von jährlich einer Mio. auf zwei Mio. angestiegen. Insgesamt hat der Tourismus der Stadt rd. 1,2 Mrd. Euro Bruttoumsatz eingebracht. Die Top-Profiteure sind Gastgewerbe (rd. 455 Mio.), Einzelhandel (449 Mio.) und Dienstleister (rd. 222 Mio.). Rd. 48 Mio. Euro kommen aus dem Tagungs- und Kongresswesen, und von den 16.740 Arbeitsplätzen der gesamten Tourismusbranche lassen sich 1.527 diesem Bereich zuordnen. Jetzt will Münster-Marketing die Faszination, die von der Stadt ausgeht, systematisch für den Kongresstourismus nutzen. Spinnen und ihr Team haben eine Strategie vorgelegt und dabei insbesondere die jüngere Generation adressiert.
Die Stoßrichtung: Entlang der kongresstouristischen Customer Journey sollen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Qualität der Angebote weiterentwickelt werden. Der Clou: Münster Marketing und seine Partner entwickeln auf Anfrage für diese Kundenreise jeweils ein individuelles, passgenaues Konzept und geben damit das Signal für einen Aufbruch – raus aus einem vormals statischen Tagungsgeschehen, hinein in ein „Mikroabenteuer“. Die Gäste sollen „kognitive und emotionale Erfahrungen“ sammeln, die als „Münster Experience“ lange in guter Erinnerung bleiben. Die meisten Anlaufpunkte bilden jeweils ein Cluster und sind tatsächlich vom Tagungsort zu Fuß zu erreichen. Aber auch das Fahrrad oder ein Bus der Stadtwerke können Vehikel der Wahl ein. Spinnen hat ihr Cluster-Konzept auf eine harte Probe gestellt: Branchenprofis aus den Landes-Marketingorganisationen waren an Aasee und Hafen zu Gast. „Sie waren begeistert“, freut sie sich. Weitere Cluster sollen in anderen Stadtteilen folgen. Als Voraussetzung für das Konzept nennt Spinnen die kluge Vernetzung von Orten und Ressourcen. Eine starke Kooperationsbasis sei mit der Kongressinitiative bereits vorhanden. Der Knotenpunkt liegt im Kongressbüro bei Münster Marketing, das seit jeher für die Veranstalter Hotelkapazitäten recherchiert und Impulse für Rahmenprogramme gibt. Jetzt gelte es, die bereits bestehenden Angebote enger zusammenbinden. „Für die Umsetzung brauchen wir Partner aus allen Bereichen – Gastgewerbe, Einzelhandel, Kultur, Sport, Mobilität“, erklärt Spinnen.

Locations für Firmenevents im Münsterland

Kongress tanzt

Dr. Maria Näther
Dr. Maria Näther ist die Geschäftsführerin der Messe und Congress Centrum Halle Münsterland GmbH. © Grundmann/MCC Halle Münsterland
Dr. Maria Näther, Geschäftsführerin der Messe und Congress Centrum Halle Münsterland GmbH, begrüßt die Strategie. „Jetzt müssen alle Stakeholder der Kongressinitiative ihren Part noch einmal verbessern, um den Standort attraktiv zu halten“, appelliert sie. Wo die Trends hingehen, sieht sie im eigenen Haus. Beim KI-Kongress data:unplugged etwa war in einem bunten Programm die graue Theorie nur ein Punkt unter vielen. Drei Bühnen, Musik, Foodtrucks: „Wir nennen das Festivalisierung“, erklärt Näther. Auch sie weist darauf hin, dass das Umfeld eines Veranstaltungsortes ins Blickfeld der Entscheider gerückt ist. „Die großen Kongresse suchen sich immer eine attraktive Stadt aus“, berichtet die Geschäftsführerin, die nach guten Feedbacks zum Hebammen-Kongress das Messe und Congress Centrum noch mehr in dem Marktsegment der 2.000-Gäste-Größenkategorie etablieren will. Das Comeback der Präsenz-Formate gibt ihr Rückenwind: „Die Corona-Delle ist aufgefangen, und die Veranstalter buchen langfristig, wir haben schon Veranstaltungen für 2030 fixiert“, berichtet Näther. Dabei habe der Kongressstandort Münster, rein rational gesehen, nicht die besten Karten im Wettbewerb, denn bei den Verkehrsanbindungen sei noch Luft nach oben. „Wir müssen also Emotionen verkaufen“, sagt Näther, die deshalb die Umsetzung der Cluster-Strategie konsequent unterstützen will. Münster müsse den Vergleich mit größeren Städten keinesfalls scheuen: Ein Congress Centrum mit insgesamt 30.000 qm Veranstaltungsfläche in den Hallen und im Freien hätten nicht viele Standorte, ein so vielseitiges Angebot an kleineren Tagungsorten noch weniger, und schon gar nicht in Kombination mit einer solchen Aufenthaltsqualität von Stadt und Region. Das Umland hält Näther ohnehin für einen wichtigen Faktor. Zum einen sind dort die Auftraggeber vieler landwirtschaftlicher Veranstaltungen ansässig, zum anderen sind die Hotelkapazitäten in den vier Münsterlandkreisen für den Kongressstandort unverzichtbar.

Umland lockt

Michael Kösters
Michael Kösters, Leiter des Bereichs Tourismus beim Münsterland e.V., sieht die Stärke der Region in der Kombination aus Land und Stadt. © Anja Tiwisina/Münsterland e.V.
Doch kann das Umland mehr, wie Michael Kösters deutlich macht. Er leitet den Bereich Tourismus beim Münsterland e.V., der Mitglied der Kongressinitiative ist. „Die Stärke unserer Region ist die Kombination von Stadt und Land, das haben externe Experten im Zuge unseres Markenbildungsprozess gezeigt“, erklärt er. Viele Gäste machen beispielsweise eine Radtour auf der 100-Schlösser-Route, steuern den Erbdrostenhof in Münster an, und lernen somit die Stadt kennen. Auch das Umland hat Anziehungskraft. Das Münsterland biete gute Gründe, eine Geschäftsreise nach Münster um ein paar Freizeittage zu verlängern. „Stay-Longer“ wird dieser Trend genannt, den die Kongressinitiative noch mehr nutzen will. „Der Münsterland e.V. greift ihn erfolgreich auf, zum Beispiel durch passgenaue Reiseangebote und entsprechende Inspirationen in den sozialen Medien“, sagt Kösters. Künftig will er in dieser Sache die strategische Vernetzung mit der Stadt Münster noch weiter vorantreiben. Im Bereich Open Data sei die Zusammenarbeit schon jetzt intensiv, so werden Tourismusdaten gemeinschaftlich erfasst und ausgespielt, etwa an Tourismus NRW oder die Deutsche Zentrale für Tourismus. Zudem weiß Kösters, dass im Umlandspannende Kongress- und Tagungsstandorte – etwa in Schlössern und Burgen, in Museen und Orten mit moderner Architektur, zu finden sind. „Dass wir den Kongresstourismus jetzt noch systematischer und kooperativer angehen, ist eine gute Nachricht“, findet auch Sascha von Zabern, Hoteldirektor des ATLANTIC Hotels Münster.
Sascha von Zabern
Hoteldirektor Sascha von Zabern findet, dass Münster als Kongressstandort noch sichtbarer werden muss. © ATLANTIC Hotel
„Vielleicht hat sich Münster in den vergangenen Jahren auf dem nationalen Tablett, aber auch international, etwas zu wenig sichtbar gehalten“, sagt der Hotelier und ergänzt: „Wir können viel und sind stark, das müssen wir jetzt rausposaunen, Verkaufspower ist gefragt.“ „Münster Experience“, sei genau die richtige Headline, allerdings könne die Strategie ein Manko nicht über Nacht lösen: Der Flughafen FMO sei zwar schnell erreichbar, es fehle aber an Verbindungen in europäische Metropolen, um noch mehr internationales Business nach Münster zu ziehen. Das aber sei erstrebenswert, denn je größer die Tagungen und Kongresse, um so mehr partizipierten fast alle Branchen, erklärt von Zabern. Er skizziert beispielhaft eine Wertschöpfungskette, die mit der Taxifahrt der Gäste vom FMO in die City beginnt, über den Prinzipalmarkt, durch Museen, in ein Restaurant sowie in ein Varieté führt und mit einem Absacker in der Skybar des ATLANITC Hotels endet. „Es gibt im Bereich Kongresstourismus noch einiges zu holen, wir müssen nur smart und easy zusammenarbeiten“, sagt der Hotelier.

„Münster überzeugt als attraktiver Kongressstandort"

Dr. Jana Burchard, IHK-Geschäftsbereichsleiterin, Branchen und Infrastruktur, fasst zusammen: „Tagungen und Kongresse stärken die Region als innovativen Standort für Wirtschaft und Wissenschaft und fördern die lokale Wertschöpfung branchenübergreifend. Münster überzeugt als attraktiver Kongressstandort: durch kurze Wege vor Ort, seine große Vielfalt an Leistungsträgern und besondere Veranstaltungsorte. Getragen wird dies nicht zuletzt von einem starken Netzwerk, zu dem auch die IHK Nord Westfalen gehört."