Wirtschaftsspiegel
Nr. 7001224
3 min Lesezeit
Unternehmen & Märkte

Klar bei Sinnen

Die Digitalagentur Cynapsis und die Webagentur Studio Horn, beide aus Münster, haben im Januar 2026 das Joint Venture cynapsisnext gegründet. Ihr Produkt: eine KI-Lösung für Unternehmenswebsites, die Antworten ausschließlich auf Basis von Firmendaten möglich macht –ohne von der KI hinzugefügten erfundenen Inhalte. Der Name: cynext AI Solution.
Statt auf das trainierte Weltwissen eines Sprachmodells (LLM) zurückzugreifen, arbeitet die Lösung ausschließlich mit dem firmeneigenen Wissen wie Website, Broschüren, Produktinformationen, Datenblättern und Handbüchern. Damit werden im Kundendialog, die Antworten erstellt – oder eben transparent zugegeben, dass es dazu keine Informationen gibt.

Wenn die KI Lücken füllt

Gruppenbild
Moritz Horn (l.) und Markus Veigel. © cynext
Große Sprachmodelle neigen dazu, Informationslücken eigenständig zu schließen. Die erzeugten Antworten klingen plausibel, können aber falsch sein. Cynapsis-Geschäftsführer Marcus Veigel hat das in Tests erlebt: Auf die Frage nach einer Bezugsquelle für ein Medikament erfand ein System kurzerhand eine Apotheke, die nicht existierte. Für eine Unternehmenswebsite wäre das ein hohes Reputationsrisiko. „Man hat auf keinen Fall Lust, dass das auf der eigenen Website passiert – im Kontext der eigenen Marke“, sagt Veigel.
Veigel spricht in diesem Zusammenhang von „Brand Safe Conversational Marketing“. Gemeint ist ein dialogischer Website-Ansatz, bei dem ein KI-System ausschließlich auf geprüftes Unternehmenswissen zugreift – und damit die Marke schützt. Anders als Chatbots wie ChatGPT, die auf allgemein trainierten Sprachmodellen mit breitem Internetwissen basieren, erfindet der Assistent keine Inhalte, sondern nutzt ausschließlich die Informationen aus der firmeneigenen Datenbasis.

Wissen moderieren statt halluzinieren

Das LLM wird zum Moderator. Es kennt den Dialog-Kontext, formuliert die Antwort aber nicht aus ihrem Weltwissen, sondern ermittelt die passenden Inhalte aus der firmeneigenen Datenbasis. Genutzt wird bei dieser cynext Lösung das Verfahren Retrieval-Augmented Generation, kurz RAG.
Die Datenbasis speist sich aus unterschiedlicher Quellen: den Website-Inhalte, PDFs und Handbüchern sowie manuell erstellten Texten. Die Informationen lassen sich granular strukturieren und dann per KI genau auf die konkreten Fragestellungen von Kunden und Interessenten optimieren. Die Aktualisierung des Wissens bleibt weiterhin Aufgabe des Unternehmens.
Der Assistent ist zudem an keinen einzelnen KI-Anbieter gebunden. Moritz Horn, Geschäftsführer von Studio Horn, betont die technische Offenheit des Systems: „Es ist so aufgebaut, dass es nicht speziell an ein Sprachmodell von OpenAI, Anthropic oder an Gemini gebunden ist, sondern immer je nach Anforderungskatalog entschieden werden kann, was man da nutzt.“

Erste Praxis: Automotive

Zum Marketing-Einsatz kommt das System derzeit in einem Projekt für Hyundai mit mobile.de. Nutzer stellen Fragen zu Fahrzeugmodellen – Reichweite, Ladezeit, Anhängerlast – und erhalten Antworten auf Basis offizieller Produktdaten, differenziert nach Variante.
Entscheidend bleibt die Datenqualität. Wer Produktinformationen unstrukturiert in PDFs ablegt und selten aktualisiert, wird auch mit einem RAG-System keine belastbaren Antworten liefern können. Der KI-Assistent macht Informationsmängel sichtbar – beheben soll er sie eben nicht.
Alle Nutzeranfragen werden anonym protokolliert. Unternehmen sehen, welche Fragen gestellt werden – und wo Informationslücken bestehen. Das kann wichtige Hinweise für Produktkommunikation und Service liefern.
Cynapsis und Studio Horn befinden sich nach eigenen Angaben noch in der Aufbauphase und arbeiten mit ersten Kunden an ersten Projekten. Ob sich der Ansatz im breiten Mittelstand durchsetzt, wird weniger von der Technologie abhängen als von der Bereitschaft, sich dem Dialog mit seinen Nutzern mittels KI zu öffnen.