Wirtschaftsspiegel
Nr. 7183168
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Unternehmen & Märkte

Die Stromspitzen kappen

Für Industrieunternehmen entscheidet längst nicht mehr allein die Menge darüber, wie teuer Strom ist. Immer wichtiger wird auch die Frage, wann sie Energie aus dem Netz beziehen. Genau hier setzt ein Geschäftsfeld an, das bei Seine Batteriesysteme in Dülmen kräftig wächst: intelligente Großspeicher für Unternehmen.
Diese Großspeicher erinnern äußerlich eher an einen überdimensionierten Stahlschrank, wie er in einem Archiv stehen könnte. Mit staubiger Vergangenheitsbewältigung hat das, was sich darin abspielt jedoch nichts zu tun. Es ist ein Beitrag zur Sicherung der Zukunft: Batteriezellen nehmen Strom auf, geben ihn bei Bedarf wieder ab – und eine intelligente Steuerung entscheidet, was davon gerade wann wirtschaftlich sinnvoll ist.
„Bislang gilt die Batterie oft als Zubehör der Photovoltaikanlage“, sagt Geschäftsführer Saredin Seine. „Künftig wird die Batterie zum Herz der Stromversorgung, die PV-Anlage zum Zubehör. Künstliche Intelligenz steuert das Ganze.“
Der Markt gibt seinem Unternehmen Rückenwind. Großbatteriespeicher erleben derzeit einen Boom. Anfang September waren in Deutschland laut Marktstammdatenregister bereits Großspeicher mit rund 7,4 Gigawattstunden Kapazität am Netz. Allein in den ersten acht Monaten 2026 kamen rund 3,4 Gigawattstunden hinzu – etwa doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr. Zudem haben Netzbetreiber bereits Anschlusszusagen für Batteriespeicher mit mehr als 50 Gigawatt Leistung erteilt. Und: Nach einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) könnte das bestehende Stromnetz in Deutschland deutlich mehr Strom aus Wind und Sonne aufnehmen als bislang angenommen. Voraussetzung sind: intelligent gesteuerte Batteriespeicher, die den überschüssigen Sonnenstrom zwischenlagern.

Strom kaufen, wenn er günstig ist

Gerade für energieintensive Unternehmen können solche Anlagen gleich mehrere Aufgaben übernehmen. Sie speichern selbst erzeugten Strom aus Wind- oder Solaranlagen, kaufen Energie zu günstigen Zeiten aus dem Netz und stellen sie bereit, wenn die Preise höher liegen. Vor allem aber können sie kostspielige Lastspitzen kappen.
„Peak Shaving“ heißt das unter Fachleuten. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Benötigt ein Betrieb für kurze Zeit besonders viel Leistung, muss diese nicht vollständig aus dem öffentlichen Netz kommen. Einen Teil liefern die Batterien. Die Lastspitze am Netzanschluss fällt dadurch niedriger aus – wodurch auch die Kosten sinken.
Wie das funktioniert, zeigt ein Kunde von Saredin Seine, die Richter Aluminium GmbH in Schutterwald (Schwarzwald). Fast acht Gigawattstunden Strom benötigt der Aluminiumverarbeiter jährlich für seine Produktion, berichtet Seine. Etwa ein Fünftel davon erzeugt das mittelständische Unternehmen mit einer Photovoltaikanlage jetzt schon selbst, zwei Windkraftanlagen mit jeweils zwei Megawatt Leistung sind noch im Bau. „Nach der Fertigstellung der Windräder wird das Unternehmen bis zu 70 Prozent autark vom Strombezug sein“, prognostiziert Seine, der auch Vorsitzender im IHK-Außenwirtschaftsausschuss ist..
Eine besondere Herausforderung entsteht immer dann, wenn die Produktion kurzfristig sehr viel Leistung verlangt. Für solche Situationen entwickelte Seine Batteriesysteme eine Speicherlösung. Das Dülmener Unternehmen berechnete die Wirtschaftlichkeit, plante und beantragte die Anlage und setzte sie schließlich um.
Elf Batteriespeicher mit Lithium-Eisenphosphat-Zellen, kurz LFP, stellen zusammen eine Kapazität von 2.013 Kilowattstunden bereit. Sie können Energie aus Wind und Sonne ebenso aufnehmen wie günstig eingekauften Netzstrom.
Wann gespeichert und wann entladen wird, entscheidet die Steuerung. „Künstliche Intelligenz steuert das System“, erklärt Jan Sievert, Technischer Leiter bei Seine. Sie soll Lastspitzen erkennen und abfedern, möglichst viel selbst erzeugte Energie im Unternehmen halten und Strom dann aus dem Netz beziehen, wenn dies wirtschaftlich attraktiv ist. Überwacht und gewartet wird die Anlage von Dülmen aus.
Für den Aluminiumhersteller sei der Speicher zugleich Teil seiner Klimastrategie. Bis 2030 möchte das Unternehmen nach Angaben von Seine CO₂-neutral werden. Dennoch sei es zunächst einmal entscheidend, dass sich die Investition für den Kunden rechne. Bei dem Projekt im Schwarzwald sieht Seine diese Voraussetzung erfüllt. Nach der Wirtschaftlichkeitsberechnung des Unternehmens soll sich die Investition nach rund drei Jahren amortisiert haben. Über einen Zeitraum von 15 Jahren beziffert Sievert die erwartete Nettoeinsparung auf 2,48 Millionen Euro.
Doch kann ein Batteriespeicher überhaupt so lange arbeiten? Sievert verweist auf die verwendete Zelltechnologie. LFP-Zellen seien auf 6.000 bis 8.000 Vollzyklen ausgelegt. Bei täglicher Nutzung entspreche das einer Lebensdauer von etwa 15 bis 20 Jahren. Seine setzt nach eigenen Angaben ausschließlich auf europäische Produkte – unter anderem wegen Liefersicherheit, Haltbarkeit und IT-Sicherheit.

Vom Gabelstapler zum Großspeicher

Batterien sind für das Dülmener Familienunternehmen kein neues Geschäft. Seit rund 40 Jahren und inzwischen in dritter Generation beschäftigt sich Seine mit der Technik. Lange standen vor allem Batterien für innerbetriebliche Transportmittel im Mittelpunkt: Gabelstapler, Hubwagen oder Kräne.
Während der Corona-Pandemie begann das Unternehmen, das Know-how auf stationäre Energiespeicher für Gewerbe und Industrie zu übertragen. Daraus ist inzwischen ein wichtiger Geschäftsbereich geworden. Nach Angaben des Unternehmens ist der Umsatz mit Industrielösungen innerhalb von drei Jahren um 350 Prozent gestiegen. Heute erwirtschaftet Seine damit bereits etwa die Hälfte seines Umsatzes. Knapp 50 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen.
Für Saredin Seine ist diese Entwicklung erst der Anfang. „Je stärker Stromerzeugung, Speicher, Verbrauch und schwankende Preise miteinander verzahnt werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Energie nicht nur zu erzeugen, sondern sie zum richtigen Zeitpunkt verfügbar zu machen.“ Dann ist der große weiße Kasten in der Werkshalle eben nicht mehr bloß der Speicher neben der Solaranlage. Er wird zur Schaltzentrale der betrieblichen Energieversorgung.