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Azubis suchen ein Zuhause
„Hotel Elternhaus“ war einmal, die Zeiten haben sich in vielerlei Hinsicht geändert. Damit das „Matching“ zwischen dem Wohnort und den Ausbildungsorten klappt, braucht es neue Konzepte – wie jene in Emsdetten und Dülmen.
Auf einem Grundstück der Stadt Emsdetten sollen zehn Wohneinheiten für Azubis entstehen. Oliver Kellner (Bürgermeister), Manfred Dietz (Ausschussvorsitzender Stadtentwicklung Wirtschaft und Wohnen), Thomas Küwen (Vorstand der WGEMS eG) und Christian Hövels (Wirtschaftsförderer) engagieren sich für das Bauprojekt.
Wichtig für Wirtschaftsstandort
Die WGEMS kann bei den Planungen auf eine gewisse Erfahrung zurückgreifen, da sich bereits an anderer Stelle eine Azubi-WG im Bestand befindet. „Auch das neue Vorhaben soll jungen Menschen den Einstieg in das erste eigenständige Wohnen zu günstigen Konditionen ermöglichen und wird von der Wirtschaft zugleich als wichtiger Baustein persönlicher und sozialer Weiterentwicklung verstanden“, so ihr Geschäftsführer Thomas Küwen. Eine bewusst homogen auf Auszubildende ausgerichtete Hausgemeinschaft soll den schnellen sozialen Anschluss, gegenseitige Unterstützung im Alltag und ein stabiles Miteinander fördern. Unterstützung erhält das Projekt unter anderem durch den Verein Emsdetten.Einfach.Machen (EEM), ein Netzwerk führender Unternehmen, die „einen klaren Bedarf sehen und das Azubiwohnen als Beitrag zur langfristigen Sicherung und Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Emsdetten bewerten“, wie der Vorsitzende Michael Wietkamp betont.
Herausforderung Baukosten
Im Zuge der weiteren Planungen werden nun staatliche Fördermöglichkeiten, etwa über KfW-Kredite, geprüft und bei Bedarf auch genutzt. „Die derzeitigen Rahmenbedingungen im Bausektor – von hohen Baukosten bis zu teuren Krediten – stellen natürlich eine Herausforderung dar“, so Küwen. Gleichzeitig gibt es wenig Bedenken, was die Auslastung der künftigen Immobilie angeht. Denn insgesamt wird der Bedarf an Azubiwohnen in Emsdetten angesichts knappen Wohnraums und anhaltender Fachkräftesuche als sehr hoch eingeschätzt. Zudem bietet das Objekt perspektivisch auch alternative Nutzungsmöglichkeiten. Wann der erste Spatenstich erfolgt, steht noch nicht fest.
Wohnheime für Auszubildende in Regionen mit einer starken Wirtschaft müssen so normal sein wie Studentenwohnheime in Universitätsstädten. Diesen Wunsch hegen sowohl viele junge Menschen als auch zahlreiche Unternehmen, gerade im ländlichen Bereich. Wie eine gemeinsame Umfrage von IHK Nord Westfalen und HWK Münster zeigt, ist geografische Nähe für Azubis ein wichtiges, ja entscheidendes Kriterium. Sprich: Zwischen Wohnung und Ausbildungsbetrieb sollte eine Distanz liegen, die sich gut per Rad oder ÖPNV bewältigen lässt. Die Realität ist eine andere. Laut Umfrage zogen innerhalb eines Jahres rund 1300 künftige Fachkräfte ihre Bewerbung zurück, da sie keinen passenden beziehungsweise bezahlbaren Wohnraum finden konnten.
Doch es gibt Hoffnungsschimmer. Erste erfolgreiche Modelle zeigen, wie Auszubildendenwohnheime in der Praxis funktionieren können. Im vergangenen Jahr hatte der Wirtschaftsspiegel dieses Thema aufgegriffen und die Gemeinde Nottuln als Best Practice aufgeführt. Inzwischen sorgen weitere Projekte dieser Art in der Region für Aufmerksamkeit, darunter jenes in Emsdetten.
In der ehemaligen Standortverwaltung der Bundeswehr in Dülmen wollen (v. l.) Architekt Martin Schrennen, Projektentwickler Wolfgang Bündgen, Wirtschaftsförderer Jürgen Schmude und Bürgermeister Carsten Hövekamp Wohnraum für 57 Azubis schaffen.
57 möblierte Apartments in Dülmen
Auch in Dülmen, an der Halterner Straße, ist ein Wohnprojekt für junge Menschen in Ausbildung auf dem Weg in die Umsetzung. Nach einem erfolgreichen Projekt in Jülich bei Aachen – wo rund 230 öffentlich geförderte Wohneinheiten für Azubis und Studierende kurz vor der Fertigstellung stehen – setzen Projektplaner Wolfgang Bündgen und Architekt Martin Schrennen nun auf die Stadt im Kreis Coesfeld. Die „Fair Living für Auszubildende und Studierende Dülmen KG“ will hier 57 öffentlich geförderte, möblierte Apartments in der ehemaligen Standortverwaltung der Bundeswehr schaffen, die vornehmlich Auszubildenden zugutekommen. „Wir hoffen auf die Fördermittelzusage in den nächsten Monaten“, so Bündgen.
„Der Clou in dem Dülmener Projekt ist, dass die Auszubildenden auch laufend begleitet werden sollen – finanziert durch eine Kostenbeteiligung der Unternehmen, die ihre Auszubildenden in dem Projekt unterbringen werden.“ Somit gehe das Dülmener Konzept bewusst über reines Vermieten hinaus und biete einen alltagsnahen, niedrigschwelligen Support. „Genau diese Verknüpfung aus sicherem Wohnraum, klaren Regeln und animativer Begleitung durch engagiertes Personal macht den Unterschied. Sie stabilisiert junge Menschen in einer oft herausfordernden Lebensphase, fördert gesellschaftliche Teilhabe und senkt Abbruchquoten in der Ausbildung.“
Eine von Jürgen Schmude, Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Dülmen, gestartete Anfrage bei den heimischen Unternehmen belege, dass dieses Konzept auf einen hohen Bedarf trifft. „Den 57 geplanten Wohnplätzen stehen bereits in der ersten Runde konkrete Nachfragen von mehr als 70 Wohnplätzen gegenüber“, fasst Wolfgang Bündgen zusammen. Besonders hoch war die Resonanz in den Bereichen Pflege und Krankenhaus.
Wohnortwechsel oft notwendig
Carsten Taudt, Geschäftsbereichsleiter Bildung, Fachkräftesicherung und Recht bei der IHK Nord Westfalen.
Manche fragen sich vielleicht: „Früher haben die Azubis doch auch zu Hause gewohnt – warum geht das heute nicht mehr?“ Die klare Antwort lautet: Die Zeiten haben sich geändert. „Viele Ausbildungsberufe gibt es nicht mehr in jeder Region, und junge Menschen müssen ihren Wohnort wechseln – für ihren Wunschberuf oder für einen attraktiveren Ausbildungsplatz“, berichtet Carsten Taudt, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs Bildung. Das „Matching“ zwischen dem Wohnort junger Menschen und den Ausbildungsorten klappt schon seit Jahren nicht mehr zuverlässig. „Die Wege sind auch für Auszubildende länger geworden, die Mobilitätsanforderungen höher, und gleichzeitig sind die Mieten gestiegen.“
Azubis wollen eigenständig sein
Zudem verweist Taudt auf den gestiegenen Altersdurchschnitt der Auszubildenden – dieser liegt bei 21 Jahren. „Ihr Lebensgefühl ist vergleichbar mit dem von Studierenden: Sie wollen eigenständig leben, Verantwortung übernehmen, ihren Alltag organisieren. Das ist ganz normal und zugleich Ausdruck einer modernen Ausbildungskultur. Wir müssen die Bedingungen deshalb an der Lebenswirklichkeit der jungen Menschen von heute ausrichten.“
Aus Sicht der IHK sind beim Auf- und Ausbau des Azubiwohnens vor allem Beweglichkeit und Geschwindigkeit gefragt. „Das betrifft zum Beispiel Förderprogramme, die den Umbau oder Neubau von Wohnraum für Azubis erleichtern“, sagt Carsten Taudt. „Schnelle und unkomplizierte Genehmigungen helfen enorm. Und es wäre sinnvoll, leerstehende Gebäude stärker in den Blick zu nehmen und für solche Zwecke nutzbar zu machen.“ Auch die Kommunen können etwas tun, wie die Beispiele aus Emsdetten und Dülmen zeigen: etwa indem sie Flächen zur Verfügung stellen, geeignete leere Gebäude prüfen oder gemeinsam mit Wohnungsunternehmen Modelle entwickeln.
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