Wirtschaftsspiegel
Nr. 6985364
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Praxis & Ratgeber

Der Blickwinkel macht den Unterschied

Ein Lackhersteller aus dem Münsterland lässt Studierende eine Strategie zur Erweiterung des Verkaufsgebietes erarbeiten. Und folgt ihrem Rat. Das war kein Zufall: Dr. Bernd Rohe, Geschäftsführer der brocolor Lackfabrik in Gronau, wollte den niederländischen Markt für Industrielacke erschließen. Anstatt die Aufgabe intern zu vergeben, übergab er sie dem deutsch-niederländischen Studierendenteam. Acht Wochen lang analysierten die Studierenden den Markt und stellten Fragen, die intern so noch nicht gestellt wurden. „Interne Teams haben viel Fachwissen", sagt Rohe. „Das ist allerdings nicht immer hilfreich, wenn es darum geht, wirklich out of the box zu denken."

Was Erfahrung kostet

Was Rohe erlebte, hat Jessica Richter oft beobachtet. Sie ist Vice President und Global Head of Talent Development bei Infineon Technologies und weiß: Langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lernen nicht nur, welche Fragen sie stellen sollen – sondern auch, welche nicht. Talent beginne dort, wo jemand Ergebnisse analysiert, Annahmen hinterfragt und Ziele klärt, sagt sie. Der Halbleiter-Hersteller aus München nennt das das T-Shape-Modell: fachliche Tiefe kombiniert mit Kreativität und Problemlösungsfähigkeit. Die jungen Nachwuchstalente bei brocolor hatten dieses Talent – nicht trotz, sondern wegen ihrer fehlenden Erfahrung.

Was ein Lebenslauf nicht zeigt

TechlandXperience
Am 12. März berichtet Rohe auf der Tech Talent Stage der
TECH. LAND Xperience in Münster von seinen Erfahrungen mit dem Projekt – gemeinsam mit Richter, die in ihrer Keynote über Talent im KI-Zeitalter spricht. Rohe hat eine klare Botschaft für andere Mittelständler: „Ich möchte andere ermutigen, sich auch solche Projekte zu trauen." Was er erlebt hat, war kein Wissensvorsprung der Studierenden. Es war einfach ein anderer Blickwinkel.

Ein Format als Antwort

Das Interreg A IV-Projekt, das brocolor und die Studierenden zusammenbrachte, heißt Smart Solution Labs. Es verbindet mittelständische Unternehmen im Westmünsterland mit Studierenden von drei Hochschulen aus Deutschland und den Niederlanden. Der Career & Talent Service der FH Münster ist als Schnittstelle an der Durchführung beteiligt. Die Teams sind bewusst international und interdisziplinär besetzt, teils mit acht Studierenden aus acht verschiedenen Kulturen. Bis Ende Juni sollen rund 120 Studierende und 30 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beteiligt sein.
Projektkoordinatorin Sarah Schönfelder von der FH Münster beschreibt den Unterschied zu Jobmessen: Unternehmen erleben junge Talente nicht in einem Bewerbungsgespräch, sondern über Wochen – an einem echten Problem arbeitend. Aus gut laufenden Projekten entstehen regelmäßig Abschlussarbeiten oder Werkstudentenstellen. „Ein Win-Win für beide Seiten“, so Schönfelder.
Für Mittelständler ohne eigene Innovationsabteilung ist das mehr als ein Recruiting-Format. Sie bringen eine Frage ein und öffnen sie für ein Team, das ohne Betriebsblindheit herangeht. Was intern durch Ressourcenmangel oder Routine liegen bleibt, wird zum Projektauftrag. „Es zeigt, keine Innovationen ohne junge Köpfe“, erklärt die Projektkoordinatorin.