Wirtschaftsspiegel
Nr. 7012658
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Praxis & Ratgeber

ChatGPT kennt Sie nicht!

Lange war der Weg klar: Wer etwas wissen wollte, ging zu Google. Suchbegriff eintippen, Trefferliste durchsuchen, Link anklicken. Heute stellen immer mehr Menschen ihre Frage direkt an KI-Systeme wie ChatGPT oder Claude. Laut der KI-Studie 2025 des TÜV-Verbands machen das 72 Prozent der Deutschen so.
Diese Entwicklung verändert die digitale Sichtbarkeit grundlegend: Systeme wie ChatGPT recherchieren nicht nur, sie gewichten und verdichten Informationen. Ihre Antworten sind das Ergebnis einer algorithmischen Bewertung, wie unter anderem Google erklärt. Unternehmen müssen daher nicht nur gefunden werden, sondern auch darauf achten, wie KI-Systeme ihre Leistungen, ihre Rolle und ihre Glaubwürdigkeit darstellen.
Markus Hövener, Geschäftsführer der Agentur Bloofusion Germany GmbH aus Emsdetten, bestätigt dies: „Die Suche verändert sich, verteilt sich neu.“ Hövener erklärt: „Obwohl die Suchergebnisse immer häufiger direkt die Antwort geben, scheint es in Summe mehr Suchvolumen zu geben.“ Das liegt auch daran, dass KI die Hürde zum Suchen senkt: Wer schnell eine Antwort bekommt, fragt oft weiter, recherchiert zusätzlich bei Google, in der KI oder direkt auf Websites.

Erst die Antwort, dann der Klick

André Brömmel, Geschäftsführer der Werbeagentur Punktmacher aus Gladbeck, sieht das anders: „Die Veränderung ist real und messbar. Klassischer organischer Traffic auf informationsgetriebenen Seiten sinkt.“ Dazu gehören zum Beispiel Anleitungen oder Ratgeberseiten. „In manchen Branchen sind 20 bis 30 Prozent Rückgang keine Ausnahme mehr“, sagt er. Wer nur auf sein Google-Ranking schaue, würde nicht sehen, „wie sich die Spielregeln grundlegend ändern.“
Markus Hövener
Markus Hövener, Geschäftsführer der Agentur Bloofusion Germany GmbH aus Emsdetten. © Bloofusion Germany GmbH
Brömmel und Hövener widersprechen sich nicht. Sie sehen den Wandel aus zwei Blickwinkeln. Was sie eint: Unternehmen sollten ihre Sichtbarkeit strategisch erweitern. Neben die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO) tritt die Optimierung für generative Suchsysteme (GEO) als Zusatzdisziplin. Hövener bringt das auf den Punkt: „SEO bleibt eine Grundvoraussetzung für GEO, denn damit man in generativen Ergebnissen gefunden werden kann, muss man in der Regel im Google- oder Bing-Index stehen.“ Diese Indizes sind die Datenbestände der Suchmaschinen. Dort sammeln und ordnen sie Webseiten. Was dort nicht auftaucht, hat es meist auch in KI-Antworten schwer.
Brömmel erklärt: „Klassisches SEO zielt darauf ab, in Suchergebnislisten weit oben zu stehen. GEO zielt darauf ab, von KIs wie ChatGPT, Perplexity oder Google AI Overviews als Quelle zitiert zu werden.“ Sein Bild dafür: „SEO sorgt dafür, dass Sie im Regal stehen. GEO sorgt dafür, dass der Verkäufer – die KI – Ihr Produkt aktiv empfiehlt.“
Vor allem dort, wo Websites Sichtbarkeit mit allgemeinen Erklärtexten aufgebaut haben, wird es eng, so Brömmel. Das betrifft zum Beispiel „Kanzleien, Steuerberater, Versicherungsmakler, IT-Dienstleister“. Hövener sieht hingegen Medien unter Druck. „Am schlimmsten geht es sicherlich den Publishern. Diese haben durch die Änderungen wohl am meisten Sichtbarkeit eingebüßt.“ Grundsätzlich hätten aber „alle Unternehmen Problemen, die primär für informationale Suchanfragen gefunden werden wollen“. Shops spürten die Veränderung wegen der „vielen transaktionalen Suchen“ bislang weniger stark.
Punktmacher-Chef Brömmel kennt ein Rezept gegen Druck: „Wer echtes Praxiswissen, eigene Daten oder konkrete Fallbeispiele veröffentlicht, hat deutlich bessere Karten. Diese Inhalte kann eine KI nicht selbst generieren. Sie muss sie zitieren.“ Für den Mittelstand steckt darin eine Chance. Wer spezifisches Fachwissen hat und es sauber veröffentlicht, kann gegenüber großen, aber austauschbaren Plattformen gewinnen, so Brömmel.

Antworten statt Floskeln

KI-Systeme suchen keine Werbesätze, sondern klare Antworten. Sagen Sie präzise, was Sie anbieten, für wen Sie arbeiten und welches Problem Sie lösen. Je konkreter die Seite, desto eher taugt sie als Quelle.

FAQs wieder ernst nehmen

FAQ-Seiten sind ein schneller Hebel. Der Grund: Nutzer stellen Fragen, KI-Systeme suchen Antworten. Sammeln Sie typische Kundenfragen und beantworten Sie sie knapp, konkret und gut sichtbar.

In klaren Blöcken schreiben

KI bevorzugt zitierfähige Inhalte. Überschriften sollten die Frage benennen, Absätze kurz bleiben, Antworten früh kommen. Wer nur Fließtext produziert, wird leichter übergangen.

Die Website maschinenlesbar machen

Die Website ist nicht mehr nur Schaufenster, sondern Rohstoff. KI-Systeme lesen Inhalte aus, ordnen sie ein und bauen daraus Antworten. Deshalb zählen auch strukturierte Daten im Code. Markierungen nach schema.org helfen Maschinen zu erkennen, ob eine Seite etwa eine FAQ, einen Fachartikel, ein Produkt oder ein Autorenprofil enthält.

Sichtbarkeit prüfen

Wer die Website überarbeitet, sollte testen, was davon bei ChatGPT, Gemini oder Perplexity ankommt. Taucht das Unternehmen auf? Wird es korrekt beschrieben? Solche Tests zeigen schneller als jedes Bauchgefühl, ob die Richtung stimmt.

Nur kein Aktionismus

Genau darum wird die eigene Website immer wichtiger. Brömmel sagt: „Sie ist der Rohstoff.“ KI-Systeme lesen Website-Inhalte, verarbeiten sie und formen daraus ihre Antwort. „Ohne aktuelle, gut strukturierte Inhalte greift die KI auf veraltetes Trainingswissen zurück“, so Brömmel.
Was ist also zu tun? Brömmel sagt, eine KI und jeder Leser sollten „in den ersten Sätzen verstehen, worum es geht und was die Seite liefert“. Hövener schärft denselben Gedanken mit Blick auf die Textform. „Die Suchmaschinen suchen nach Wissenspäckchen, also kleinen Textblöcken, die sie verwerten können. Wer also einfach nur Fließtext schreibt, wird in den KI-Antworten kaum vorkommen.“ Doch Brömmel warnt: „Der verbreitetste Fehler ist Aktionismus.“ Hövener untermauert: „Der wichtigste Tipp ist wohl der, dass man sich nicht verrückt machen lässt.“
Hinzu kommt das Thema Vertrauen. Brömmel: „Für Unternehmen bedeute das, Experten sichtbar zu machen, Referenzen zu veröffentlichen und Quellen sauber offenzulegen.“ Hövener sieht darin ebenfalls eine Grundbedingung: „Damit man in KI-Suchergebnissen vorkommen kann, muss man als Quelle ausgewählt werden. Und dafür zählen die altbekannten Faktoren nach wie vor.“ Mit den „altbekannten Faktoren“ meint Hövener die klassischen Qualitäts- und Vertrauenssignale im Netz: fachlich starke Inhalte, erkennbare Expertise, Autorität in einem Thema und eine Website, die insgesamt als glaubwürdige Quelle gilt.
Darauf läuft der Wandel hinaus: Nicht mehr nur die Suchmaschine entscheidet über Sichtbarkeit, sondern auch die KI, die Informationen auswählt, verdichtet und in eine Antwort gießt. SEO trägt weiter. Aber es trägt nicht mehr allein. Wer in diesem neuen System vorkommen und dort korrekt zitiert werden will, muss so klar schreiben, dass die KI sofort erkennt: Das bietet dieses Unternehmen an, dafür ist es zuständig, dieses Problem löst es – und deshalb ist es eine glaubwürdige Quelle.