Wirtschaftsspiegel
Nr. 7050064
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Praxis & Ratgeber

Die Zeit läuft für den Digitalen Produktpass

Der Digitale Produktpass macht mehr sichtbar als Material oder Möglichkeiten zur Reparatur und zum Recycling. Er zeigt auch, wie gut Unternehmen ihre Daten im Griff haben.
Ab dem 18. Februar 2027 brauchen einige Batterien auf dem EU-Markt einen digitalen Pass: zum Beispiel Batterien für Pedelecs, E-Bikes oder Elektrofahrzeuge. Ohne diesen Pass dürfen sie nicht mehr verkauft werden.
Den Rahmen dafür setzt die EU mit der Ökodesign-Verordnung, die seit dem 18. Juli 2024 gilt. Für weitere Produktgruppen arbeitet sie die Regeln Schritt für Schritt aus. Im Arbeitsplan bis 2030 stehen unter anderem Stahl, Aluminium, Textilien, Reifen, Möbel und Matratzen. Die genauen Pflichten folgen über eigene Rechtsakte. Einen Stichtag für alle gibt es nicht. Es ist ein Weg mit vielen Gabelungen.

Der QR-Code ist nicht das Problem

Thomas Rödding hat sich bereits auf diesen Weg begeben. Er ist Gründer und CEO der Narravero GmbH mit Sitz in Münster. Sein Unternehmen entwickelt Lösungen für Lieferkettentransparenz sowie für die Erstellung und Veröffentlichung Digitaler Produktpässe. Narravero bereitet sich auf den Digitalen Produktpass als Infrastruktur für KI-Systeme vor. Rödding berät Unternehmen zum Digitalen Produktpass und arbeitet in europäischen Standardisierungsgremien an den Grundlagen dafür mit. Dabei spricht er auch unbequeme Wahrheiten aus. „Das eigentliche Problem“, sagt Rödding, „liegt nicht im QR-Code, sondern häufig im Unternehmen selbst, beziehungsweise deren Datenhygiene.“
Materialdaten liegen im Einkauf, technische Unterlagen in der Entwicklung, Nachweise in der Compliance und Reparaturwissen oft beim Service. Der Einkauf weiß nicht immer, was die Entwicklung dokumentiert hat. Die Compliance kennt nicht immer die täglichen Abläufe im Service. Wer erst kurz vor dem Stichtag alles zusammensucht, kommt zu spät.
Auf der IHK-Fachseite zum Digitalen Produktpass erklärt Rödding, welche Anforderungen und Chancen der Digitale Produktpass für Unternehmen mit sich bringt.
Denn Unternehmen brauchen mehr als einen QR-Code und eine Datentabelle. Rödding spricht von „einer soliden Infrastruktur, um das Datenmanagement zu beherrschen“. Wer glaubt, das betreffe nur Hersteller, irrt.
Auch Importeure, die Produkte unter eigener Marke verkaufen, tragen Verantwortung. Händler müssen sicherstellen, dass Kunden den Pass abrufen können. Kaum jemand, der Produkte auf den Markt bringt, bleibt unbeteiligt.
Die Europäische Kommission baut ein zentrales Register für Digitale Produktpässe auf. Es soll sie auffindbar machen und prüfen, ob sie echt und formal gültig sind. Die vollständigen Produktdaten speichert das Register nicht. Es gibt nun einen Entwurf einer Durchführungsverordnung für die DPP-Registry - mit Rückmeldemöglichkeit bis zum 27. Mai 2026.
Vor allem Marktüberwachung, Zoll und Behörden sollen dieses Register nutzen. Sie können über eine Produktkennung, etwa einen QR-Code, prüfen, ob für ein Produkt ein gültiger Digitaler Produktpass vorliegt. Hersteller müssen dafür bestimmte Metadaten hinterlegen.
Das Register bewertet nicht den vollständigen Inhalt des Produktpasses. Es prüft vor allem Echtheit, Integrität und formale Angaben. Öffentlich zugänglich ist es nicht.
Nach Artikel 33 der Ökodesign-Verordnung muss die EU-Kommission das Register bis zum 19. Juli 2026 einrichten. Für Unternehmen heißt das: Sie sollten ihre Produktdaten, Zuständigkeiten und Schnittstellen früh vorbereiten.

Aus Pflicht wird Kundenkontakt

Doch in der Pflicht liegt auch eine Chance. Rödding verweist darauf, dass Unternehmen dieselben Daten einmal digitalisieren und anschließend mehrfach nutzen können – etwa für Behörden, Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartner sowie Kundinnen und Kunden. Besonders wichtig findet er, dass auch freiwillige Informationen möglich sind. „Freiwillige Daten sind willkommen“, sagt Rödding. Dazu zählen etwa Hinweise zu Ersatzteilen, Reparaturen, Upgrades oder zum Weiterverkauf.
So wird der Produktpass zur dauerhaften Verbindung zu Kundinnen und Kunden nach dem Kauf. Wer zum Beispiel Reparaturen erleichtert und Service verständlich macht, bleibt im Kontakt. Das Unternehmen bleibt präsent, wenn Kunden später erneut eine Lösung suchen. Der Digitale Produktpass verbleibt dauerhaft am Produkt und macht Besitzerwechsel mit.

Der Digitale Produktpass als Datengrundlage für KI-Systeme

Zudem suchen immer mehr Menschen nicht nach Produktnamen, sondern beschreiben ihre Bedürfnisse. KI-Systeme filtern Produktdaten und machen daraus Vorschläge. Wer verlässliche und maschinenlesbare Produktdaten liefert, wird sichtbarer. Wer schlechte Daten liefert, fällt zurück. Der Digitale Produktpass liefert die Infrastruktur für saubere, maschinenlesbare Daten und wird heute schon als „trust source“ für KI-Systeme gehandelt.
Was also tun? „Wir werden eine neue Form digitaler Souveränität im Mittelstand brauchen. Unternehmen müssen künftig nicht nur wissen, was in ihren Produkten steckt, sondern auch, wo ihre Daten liegen, wer sie pflegt, wer sie nutzt und ob Maschinen ihnen vertrauen können. Der Digitale Produktpass ist deshalb kein IT-Projekt am Rand, sondern die Grundlage dafür, dass der Mittelstand in einer KI-geprägten Wirtschaft sichtbar, anschlussfähig und selbstbestimmt bleibt“, so Rödding. Sein Fazit: „Das ist Chefsache, besonders im Mittelstand.“

Wer wann einen Digitalen Produktpass braucht

Produkt voraussichtliche Annahme - Endprodukte
Textilien / Bekleidung 2027
Möbel 2028
Reifen 2027
Matratzen 2029
Produkt voraussichtliche Annahme - Zwischenprodukt
Eisen / Stahl 2026
Aluminium 2027

IHK-Ansprechpartnerin: