Fachkräfte finden

Studienabbrecher rekrutieren

Wer sein Studium abbricht und beruflich mit einer Ausbildung durchstartet, braucht Mut. Genau diese mutigen Umorientierer sind für die Unternehmen interessant. (Von Mareike Scharmacher-Wellmann)
Im Winter 2021 hatte Max Jürgens, gerade in der Nachfolge bei der Jüke Systemtechnik mit Sitz in Altenberge, einen Termin bei der IHK Nord Westfalen in Münster. Zufällig sah er ein Plakat – es bewarb den kostenfreien IHK-Service „Passgenaue Besetzung“, der Unternehmen bei der Suche nach passenden Fachkräften unterstützt.

Im Turbogang passgenau besetzt

Die „Passgenaue Besetzung“ ist ein Vermittlungsservice für kleine und mittlere Betriebe, der von Bundeswirtschaftsministerium und dem Europäischem Sozialfonds finanziert wird. IHK-Mitarbeiter suchen auf Anfrage von Unternehmen geeignete junge Menschen und bereiten sie auf die Bewerbung vor. So eine Anfrage reichte Jürgens für seinen Arbeitgeber Jüke bei der IHK ein. Ein Erfolg – denn innerhalb eines Monats konnte Jüke mit Mathis Jasper Eichler einen neuen Auszubildenden zum Industriemechaniker begrüßen.
Max Jürgens
© JÜKE Systemtechnik GmbH
Der damals 21-Jährige hatte an der FH Steinfurt Maschinenbau und Informatik studiert, doch erkannt, dass in Zeiten von Corona das Studium im Lockdown nicht für ihn funktionierte. „Obwohl er im Januar bei uns angefangen hat und damit ein halbes Jahr in der Berufsschule aufholen musste, war das kein Problem“, erklärt Jürgens. Läuft die Zwischenprüfung gut für Eichler und erbringt er weiterhin gute Noten in der Berufsschule, kann er die Ausbildung verkürzen und nach 2,5 Jahren, also 2024, seinen Berufsabschluss machen.

Die Leistung Eichlers bestätigt das, was Max Jürgens aus Erfahrung weiß: „Ältere Azubis sind oftmals zielstrebiger und motivierter als ihre 16- oder 18-jährigen Kollegen.“  Sie bringen mehr Lebenserfahrung mit und wissen, was sie wollen. Den Wechsel aus dem Hörsaal in eine Ausbildung sieht er nicht als Scheitern, sondern als persönlich bereichernde Erfahrung.
Auch bei der Suche nach Auszubildenden kommt es Jüke nicht darauf an, die mit den besten Zeugnissen zu gewinnen: „Die gehen nach der Ausbildung häufig studieren. Wir wollen aber, dass sie bleiben“, erklärt Jürgens. Darum schaut das Unternehmen nicht mehr nur auf die Noten. „Natürlich, manchmal bedeutet das einen Mehraufwand für uns, damit es mit der Berufsschule klappt, aber das lohnt sich“, so Jürgens. Denn die jungen Leute reifen in der Ausbildung und bleiben dem Betrieb nach der Ausbildung treu. Ein Plan der aufgeht, denn während andere Unternehmen mit Hängen und Würgen ihre Ausbildungsplätze erst kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres besetzen können, ist bei Jüke schon seit Ende 2022 für den Sommer 2023 alles vergeben.

Sie wissen, was sie wollen

In Zeiten des Fachkräftemangels hat auch die Witte Group ehemalige Studierende für sich entdeckt. Karin Isenberg, Personalleiterin bei der Witte Group erklärt: „Seit einiger Zeit gehen die Bewerberzahlen für Ausbildungsplätze zurück. Das beobachten wir mit Sorge.“ Das auf Industrie- und Sicherheitsdruck spezialisierte Unternehmen mit Sitz in Münster und Wermelskirchen sowie zwei Standorten in Mexiko ist nach eigenen Angaben einer der Pioniere in Sachen gedruckte Elektronik, einer neuen Technologie des funktionalen Druckens.
Mit derartigen hochspezialisierten Produkten hatte Eileen Becker früher keine Berührungspunkte. Sie studierte Politikwissenschaften. Neben dem Studium jobbte und engagierte sie sich ehrenamtlich. Das Studium blieb dann etwas auf der Strecke. Seit Juli 2021 ist sie bei der Witte Group fester Teil des Teams für den Vertrieb Innendienst International Sales. Zu Witte kam Becker über die IHK Nord Westfalen. Diese führt in ihrem Lehrgang „Industriekaufmann/-frau international“ Studienabbrecher in 21 Monaten zum Berufsabschluss.
Infokasten Qualifizierung „Industriekaufmann/-frau international“
Mit der Qualifizierung „Industriekaufmann/-frau international“ können Personen, die einen qualifizierten Berufsabschluss erwerben möchten und eine berufliche Tätigkeit im kaufmännischen Bereich anstreben, beruflich durchstarten. Es ist u.a. ein sechsmonatiges Praktikum in einem Unternehmen vorgesehen. Die künftigen Fachkräfte sollen so betriebliche Abläufe im Unternehmen kennenlernen und an Projekten mitarbeiten. Die IHK Nord Westfalen hilft dabei, dass Unternehmen und Teilnehmer zueinanderfinden. IHK-Ansprechpartnerin ist Nina Heisterkamp, Tel.: 0251 707-350 E-Mail: nina.heisterkamp@ihk-nordwestfalen.de
Personalleiterin Isenberg hat gute Erfahrungen mit Studienabbrechern gemacht, die neue Perspektiven suchen: „Aufgrund des Reifegrades und der höheren Lebenserfahrung bringen sie andere Fähigkeiten mit.“ Sie managen Projekte selbstständiger, kommunizieren sicher in verschiedenen Fremdsprachen und verfügen über wertvolles Fachwissen.“ Die Motivation habe eine andere Qualität. „Sie wissen, was sie wollen“, berichtet sie. Sie versteht die Suche nach Studienabbrechern als Möglichkeit, einen Teil des eigenen Fachkräftebedarfs zu decken: „Die IHK-Qualifizierung „Industriekaufmann/-frau international“ ist aus unserer Sicht ein besonders geeignetes Rekrutierungs-Instrument.“

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Redaktion Wirtschaftsspiegel