Anhaltender Stillstand
Eine Analyse, die Rupprecht in der Diskussion teilte: Für den Ökonom von der FH Münster brauche eine nachhaltig wachsende Wirtschaft zielgerichtete Investitionen in Infrastruktur, Sicherheit und Energie. Er warf die Frage auf: „Wer soll das bezahlen?“ Die Steuereinnahmen sprudelten so stark wie nie, dennoch wuchsen die Staatsschulden – 870 Milliarden Euro neue Schulden in nur fünf Jahren, rechnete er vor. Verdeckte Verbindlichkeiten für Renten, Pensionen und Pflege trieben die Gesamtverschuldung auf 450 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Staat würde Handlungsfähigkeit verlieren. Er warnte davor, Steuern zu erhöhen, um die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen. Das würde nicht zur dringend benötigten Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Sein Rezept: Ran an die Ausgaben, gerade im konsumtiven Bereich, bei den Subventionen, aber auch im Sozialbereich – ohne hier mit der oft zitierten Kettensäge durchzugehen. - Das zentrale Fazit der Veranstaltung: Die Weichen müssten dringend auf Wachstumskurs gestellt und die hartnäckigen Standortprobleme in Angriff genommen werden.
Wirtschaftliche Entwicklung in der Region
Im dritten Jahr in Folge gab es keine größere wirtschaftliche Dynamik. Nach zwei Jahren Rezession ist auch im Jahr 2025 die Konjunktur nicht in Schwung gekommen. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt stieg nur leicht um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Entwicklung blieb hinter der Entwicklung von anderen Ländern zurück. International lag die deutsche Wirtschaft im Schlussfeld. So war die Wirtschaftsleistung in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 2019 im Durchschnitt um 12 Prozent gestiegen, während sie in Deutschland lediglich um 0,1 Prozent zunahm.
Das Bruttoinlandsprodukt Nordrhein-Westfalens lag noch leicht darunter. Es war im ersten Halbjahr 2025 voraussichtlich preisbereinigt um 0,2 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum 2024. In Deutschland insgesamt hatte die Wirtschaftsleistung in diesem Zeitraum stagniert.
Die Preisdynamik hatte im Jahr 2025 weiter nachgelassen. Nach den kräftigen Anstiegen der Jahre 2021-2023 lag die jahresdurchschnittliche Inflationsrate – gemessen am Verbraucherpreisindex für Deutschland im Vergleich zum Vorjahr – bei 2,2 Prozent. Im Jahr 2022 war mit 6,9 Prozent die höchste Jahresteuerungsrate seit der deutschen Wiedervereinigung ermittelt worden.
Die Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) lag im Jahresdurchschnitt 2025 mit 2,8 Prozent noch darüber. Insgesamt blieben die Preise auf einem hohen Niveau, 22 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2020. Im Jahresdurchschnitt 2025 verteuerten sich Dienstleistungen mit +3,5 Prozent besonders stark, darunter zum Beispiel kombinierte Personenbeförderung oder Versicherungen.
Das wieder stabilere Preisniveau dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die Verbraucher wieder etwas konsumfreudiger gezeigt und ihre Ausgaben vor allem in der ersten Jahreshälfte ausgeweitet haben, zum Beispiel für Gesundheit oder PKW-Käufe. Der deutsche Einzelhandelsumsatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr positiv entwickelt. Im Dienstleistungsbereich zeigte sich ein eher gemischtes Bild.
Für das Baugewerbe war 2025 erneut ein schwieriges Jahr, wozu insbesondere die nach wie vor hohen Baukosten beigetragen haben dürften. Auch das Verarbeitende Gewerbe steckte weiter in der konjunkturellen Talsohle. Im dritten Jahr in Folge wurde weniger erwirtschaftet. In der Chemieindustrie und anderen energieintensiven Industriezweigen hatte die wirtschaftliche Aktivität das niedrige Niveau der Vorjahre nochmals leicht unterschritten. Immerhin zeigten sich zum Jahresende positive Signale - die Auftragseingänge nahmen wieder zu.
Auch die Industrie im IHK-Bezirk Nord Westfalen hat sich nach den aktuell verfügbaren Daten aus der amtlichen Statistik, die von Januar bis Oktober reichten, im Jahr 2025 etwas besser als im Landesdurchschnitt geschlagen. Im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum 2024 ging demnach der Gesamtumsatz der Industrie in Nordrhein-Westfalen 2025 um 2,5 Prozent zurück, während der Umsatz im IHK-Bezirk Nord Westfalen mit einem Minus von 0,1 Prozent nahezu unverändert blieb. Die Industrie im Münsterland verbuchte ein spürbares Plus von 2,2 Prozent, während die Emscher-Lippe-Region, wo zwei Drittel des Gesamtumsatzes der Industrie durch energieintensive Betriebe erzielt werden, kräftige Verluste verzeichnete.
Im weiterhin schwierigen außenwirtschaftlichen Umfeld gingen auch die Warenexporte im Jahr 2025 erneut zurück – so wie es die nord-westfälischen Exporteure in der Herbst-Konjunkturumfrage bereits erwartet hatten. Neben im internationalen Vergleich hohen Energie- und Arbeitskosten wurde die exportorientierte Industrie in 2025 durch die höheren US-Zölle zusätzlich belastet.
Unter diesen Vorzeichen stand auch die Entwicklung der Auslandsumsätze der nord-westfälischen Industrie: Die Auslandsumsätze im Münsterland sind im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent gestiegen, während sie in der Emscher-Lippe-Region um 7,8 Prozent zurückgingen. (jeweils Januar bis Oktober). NRW-weit wurde ein Minus von 2,6 Prozent verbucht.
Auch durch die Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsposition wurde die Geschäftstätigkeit und Umsatzentwicklung der deutschen Unternehmen gebremst. Daher blieb auch das Insolvenzgeschehen dynamisch: Die Insolvenzen bei den Unternehmen stiegen mit 23.900 Fällen im Jahr 2025 auf ein 10-Jahres-Hoch in Deutschland. Das war ein Anstieg von 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (22.070 Fälle). Der Zuwachs fiel damit jedoch deutlich geringer aus als in den beiden Vorjahren (2023: plus 22,9 Prozent; 2024: plus 22,5 Prozent).
Für Nord-Westfalen liegen aktuell nur Zahlen bis zum Jahr 2024 vor: 877 Unternehmensinsolvenzen wurden im Jahr 2024 registriert, nach 647 in 2023 und 563 in 2022. Die Zahl der bedrohten oder weggefallenen Arbeitsplätze lag in dem Berichtsjahr bei rund 5.200.
Arbeitsmarkt
Die schwache Konjunktur spiegelte sich auch im Arbeitsmarkt wider, der deutlich unter Druck geraten ist. Zwar blieb im Jahr 2025 die Gesamtzahl der Beschäftigten stabil und nach einem Spitzenwert im August ging zuletzt die Zahl der Arbeitslosen wieder zurück. Der langjährige Beschäftigungsaufbau kam weitgehend zum Erliegen.
Insbesondere in der Industrie und anderen verarbeitenden Branchen sank die Zahl der Stellen und damit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutlich. Weiterhin werden Monat für Monat zu wenig neue Stellen geschaffen, um eine Trendwende am Arbeitsmarkt einzuleiten.
Dies spiegelte auch die Konjunkturumfrage: Die Personalnachfrage der Unternehmen war bis in den Herbst hinein gedämpft. Es zeichnete sich ab, dass Personalabbau in Teilen der Wirtschaft nicht zu vermeiden war. Der negative Höhepunkt am Arbeitsmarkt war im August 2025 erreicht: Die Grenze von 800.000 arbeitslos gemeldeten Menschen im Bundesland NRW wurde erstmals seit 2010 wieder überschritten. Im Jahresdurchschnitt lag die Arbeitslosigkeit bei 7,8 Prozent und damit auf dem höchsten Wert seit 2015.
Mit rund 103.000 Arbeitslosen in Nord-Westfalen im Jahresdurchschnitt 2025 wird die Grenze von 100.000 erstmals seit 2014 wieder übertroffen. Im Jahresdurchschnitt lag die Arbeitslosigkeit bei 6,9 Prozent und damit deutlich unter Landes-, aber über dem Bundesdurchschnitt von 6,3 Prozent. Die jahresdurchschnittliche Quote lag im Münsterland bei 5,0, in der Emscher-Lippe-Region bei 10,3 Prozent.
Konjunktur in Nord-Westfalen
Bis zum Herbst 2025 herrschte konjunktureller Stillstand in Nord-Westfalen, so das Ergebnis der letzten IHK-Konjunkturumfrage. Es fehlten weiterhin Impulse für ein Wirtschaftswachstum. Der Klimaindikator war unverändert gegenüber dem Frühjahr und verharrte das dritte Jahr in Folge mit aktuell knapp 100 Punkten auf niedrigem Niveau. Solch eine langanhaltende Stagnation hatte es in der langen IHK-Konjunkturreihe noch nicht gegeben. Der Geschäftslagesaldo lag im Herbst 2025 weit unter dem langjährigen Durchschnitt.
Zum Jahresende gab es erste Anzeichen von verhaltener Zuversicht. Nach der längsten Stagnationsphase, die die Wirtschaft bislang erlebt hat, wuchs bei den Unternehmen im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region die Hoffnung auf Besserung und die Hoffnung, dass die Bundesregierung schnell grundlegende Strukturreformen auf den Weg bringt, mit denen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts wiederhergestellt wird. Die Hoffnung auf Wachstum fußte unter anderem auf der erwarteten Wirkung der milliardenschweren zusätzlichen Finanzmittel der Bundesregierung und den zwischenzeitig gestiegenen Auftragszahlen in der Industrie. Die zweite Säule, auf der die Hoffnung der regionalen Wirtschaft ruhte, war der erkennbare politische Wille, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen.
3. IHK-Konjunkturforum
Die wirtschaftliche Schwächephase stand thematisch im Fokus beim dritten digitalen IHK-Konjunkturforum am 30. September 2025 – einer kompakten Informationsveranstaltung mit rund 100 zugeschalteten Teilnehmern. Wann kommt endlich der Aufschwung? Antworten auf diese Leitfrage der Diskussion suchte Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, gemeinsam mit Prof. Michael Grömling vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln und Prof. Manuel Rupprecht, Professor für Volkswirtschaftslehre und Dekan des Fachbereichs Wirtschaft der FH Münster.
Grömling sah Deutschland in der Schockstarre und Rupprecht mahnte Investitionen in mehr Wachstum an. Die Investitionen, die in den vergangenen fünf, sechs Jahren nicht getätigt wurden, würden uns nicht nur konjunkturellen Schwung nehmen. Sie wären nach vorne gerichtet ein immenses Problem, stellten die Ökonomen fest. Um bis 2030 auf einen Wohlstandspfad zurückzukommen, brauche es jährlich im Schnitt drei Prozent Wachstum – doppelt so viel wie in den vergangenen mehr als 30 Jahren.
Wann kommt der ersehnte Aufschwung? Diese Frage diskutierten beim IHK-Konjunkturforum Prof. Manuel Rupprecht (l.) und Dr. Fritz Jaeckel sowie zugeschaltet Prof. Michael Grömling (Monitor unten links) und Patrick Welter.
