17. September 2026

Krisenresilient durch Vielfalt im Betrieb

Fachkräftekongress: Wissen sichern, Talente gewinnen

Münster/Münsterland/Emscher-Lippe-Region. – Der Altersdurchschnitt aller Arbeitnehmer steigt immer weiter. Um dem demografischen Wandel zu begegnen, braucht es das Zusammenspiel der verschiedenen Generationen. Dies war eine der Botschaften auf dem 3. Fachkräftekongress der IHK Nord Westfalen, der mit „Zukunft braucht Vielfalt“ überschrieben war.
Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wirtschaft und Wissenschaft begrüßte IHK-Geschäftsbereichsleiter Carsten Taudt dazu. Deutlich wurde in den Beiträgen, wie Unternehmen mehr Krisenresilienz aufbauen, indem sie sich hinsichtlich Herkunft, Können und Lebenswege ihrer Beschäftigten diverser aufstellen. Wie sie damit Wissen im Betrieb behalten und Talente gewinnen, die buchstäblich Wurzeln schlagen, erläuterte Christian Stelzmüller, Fachmann für Personalentwicklung und Recruiting.
Fachkräfte fehlen weiterhin, allein 2028 werden es fast 770.000 sein, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft. In einigen Branchen wird dagegen Personal abgebaut. Vor personellem Kahlschlag warnten mehrere Fachleute auf dem Kongress eindringlich. Auf Kosten eines kurzfristigen Erfolgs sei „dann eine Generation von heute auf morgen weg“, mitsamt ihrem Wissen, betonte Miriam Schöpp vom Institut der deutschen Wirtschaft. Sie warb dafür, das nicht sichtbare „Wissen in den Köpfen“ zu sammeln, zu strukturieren und im Unternehmen zu erhalten, zum Beispiel durch Interviews mit KI-Unterstützung. Wer erfahrene Kräfte einfach durch gleichaltrige, gleichartige und gleichgesinnte junge Talente ersetzt, begeht aus Sicht von Stelzmüller den nächsten Fehler. Er schafft eine Monokultur, die schon dem Wald nicht gut bekommt. „Dort gilt, wie im Unternehmen: Vielfalt schafft Resilienz, um Stürmen zu trotzen“, so der Personalfachmann, der in seinem Vortrag viele Parallelen zur Forstwirtschaft zog.
Divers sollten sich Unternehmen auch hinsichtlich ihrer Altersstruktur aufstellen, für Tandems der Generationen plädierte Stelzmüller. „Mehr als 70 Prozent der Unternehmen nutzen altersgemischte Teams“, erklärte Schöpp. Eine gute Zahl zwar, „aber mit Luft nach oben“. Noch würden junge Perspektiven zu wenig genutzt, meinte Ann-Christin Rinker von der Beratungsagentur Rinker & Rinker, die „Young Professionals als Innovationsmotor“ auch im Mittelstand sah. „97 Prozent der GenZ nutzt täglich KI“, berichtete sie. Warum nicht die dabei erworbenen Kompetenzen mit den Kontakten der erfahrenen Vertriebsmitarbeiter kombinieren? Ein Spezialwerkzeughersteller habe genau das gemacht und auf Anregung der jungen Kollegen KI-Agenten eingesetzt. Das habe zum Beispiel die Erstellung von Angeboten deutlich beschleunigt. Wer solche gemischten Teams einrichtet, sichert sich Fachkräfte: „Denn Babyboomer bleiben im Schnitt dreieinhalb Jahre länger im Unternehmen, wenn sie eingebunden werden.“
Wer Talente sucht, findet sie zudem oft im eigenen Unternehmen, riet Stelzmüller: „Entdecken Sie Potenziale intern, ermöglichen Sie Entwicklung und zeichnen Sie nicht jeden Weg vor“, empfahl er, für den Firmennachwuchs Raum zur Entfaltung zu schaffen. Ein anderer Weg kann es sein, nach jungen potenziellen Auszubildenden im Ausland zu suchen. Sandra Ponce Aguilera, neue Botschafterin der Republik Honduras in Deutschland, warb für eine seit zwei Jahren bestehende Kooperation unter anderem mit der IHK Nord Westfalen. Dabei kommen Schülerinnen und Schüler einer technischen Berufsschule ihres Heimatlandes für Praktika und später für eine Ausbildung nach Nord-Westfalen.
Einen weiteren Erfolgsfaktor, den auch kleinere und mittlere Unternehmen bei der Fachkräftesicherung zunehmend beachten, nannte Prof. Martin Klein von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster, nämlich die soziale Nachhaltigkeit. „Es gibt Beschäftigte, die in Organisationen wechseln, in denen sie merken: Hier kümmert man sich.“ Vertrauensverlust, Konflikte und Einsamkeit sprach er als gesellschaftliche, aber auch persönliche Probleme an. Bemerkbar machten sie sich durch steigende Fehltage als Folge psychischer Erkrankungen. „Wir können unfassbar viel leisten, solange wir uns sozial getragen fühlen durch ein Netzwerk von Freunden, Familie, Kolleginnen und Kollegen.“ Klein ist auch Vorsitzender beim Bundesfachverband Betriebliche Soziale Arbeit (bsa), der vertraulich in Krisensituationen hilft – zum Beispiel bei einer Sucht, bei einem Trauerfall oder bei der Sorge um eine bezahlbare Wohnung. „Wer hilft, hält Leute“, legte er das Angebot den vielen Vertreterinnen und Vertretern aus Personalabteilungen auf dem Kongress nahe.
Ergänzt wurde der Kongress durch einen Markt der Möglichkeiten, in denen Möglichkeiten der Krisenhilfe oder der Inklusion vorgestellt wurden. Das Unternehmen SPIELPROVIEL führte vor, wie ein Escape Game in Recruiting, Onboarding oder Teamentwicklung eingesetzt werden kann. Die gemeinnützige Initiative LifeTeachUs, mit der die IHK Nord Westfalen eine Bildungspartnerschaft abgeschlossen hat, zeigte das Konzept der LifeLessons, das Alltagswissen und -kompetenzen in die Schulen bringt.