22. Juni 2026
IHK besorgt über Stellenabbau in der Industrie
Sassenberg liegt vorn / von Glahn fürchtet um Wohlstand
Münsterland/Emscher-Lippe-Region. – Teure Energie, wachsende Unsicherheiten und gestörte Lieferketten belasten die Industrie in Nord-Westfalen. Die aktuellen Krisen machen sich zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie ist im Bezirk der IHK Nord Westfalen von 2022, dem Beginn von Russlands Angriff auf die Ukraine und der Energiekrise, bis 2025 um fast fünf Prozent auf unter 179.000 gesunken. Dabei hat der Negativtrend auch das Münsterland erreicht, das sich bisher gut behauptet hat. Hier ging die Zahl der Industriearbeitsplätze um fast vier Prozent auf etwa 140.000 zurück. In der Emscher-Lippe-Region beträgt der Rückgang fast sieben Prozent auf rund 39.000 Jobs.
Industriehochburgen im ländlichen Münsterland
Die Industriehochburgen in der Region finden sich allesamt im Münsterland: In Sassenberg sind 60,8 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie angesiedelt. In Vreden sind es 53,5 Prozent, in Südlohn 52,4 Prozent, in Beelen 48,8 Prozent und in Rosendahl 47,6 Prozent. Die wenigsten Stellen in der Industrie gibt es anteilig in Münster (6,8 Prozent), Tecklenburg (6,1 Prozent), Herten (6,1 Prozent), Recklinghausen (5,7 Prozent) und Havixbeck (4,5 Prozent).
Steffen von Glahn ist Vorsitzender des Industrieausschusses der IHK Nord Westfalen und Geschäftsführer von Crespel & Deiters in Ibbenbüren.
Die IHK Nord Westfalen hat Zahlen der Agentur für Arbeit ausgewertet. Die Ergebnisse sind aus Sicht von Steffen von Glahn alarmierend. „Die Industrie ist hoch produktiv und bietet gut bezahlte Arbeitsplätze. Gehen sie verloren, gefährdet das unseren Wohlstand insgesamt“, warnt der Vorsitzende des IHK-Industrieausschusses und Geschäftsführer der Crespel & Deiters GmbH & Co. KG in Ibbenbüren. Die Zahlen belegten den hohen Industrieanteil im ländlichen Raum und damit die große Bedeutung mittelständischer Familienunternehmen für einen stabilen Arbeitsmarkt. Zudem hängen von Arbeitsplätzen in der Industrie auch Jobs in anderen Branchen ab.
„Die Folgen einer Deindustrialisierung sind damit noch deutlicher als es die Zahlen suggerieren. Jeder Industriebetrieb ist Knotenpunkt für viele weitere Betriebe.“ Steffen von Glahn
Höchster Anteil an Industriejobs im Kreis Warendorf
Der Trend ist selbst beim Spitzenreiter, dem Kreis Warendorf, rückläufig: Hier sank der Anteil der Industriejobs zwischen 2018 und 2025 von 34 auf 30 Prozent. Im Kreis Borken sank der Anteil von 30 auf 26,3 Prozent, im Kreis Steinfurt von 25 auf 21,6 Prozent. Rückgänge verzeichneten auch der Kreis Coesfeld (von 23,1 auf 21,5 Prozent) und der Kreis Recklinghausen (von 16,3 auf 14,6 Prozent). In den Städten spielt der Anteil der Industriestellen eine geringere Rolle. In Münster sank er von acht auf 6,8 Prozent, in Gelsenkirchen von 12,4 auf 10,7 Prozent und in Bottrop von 12,8 auf 9,8 Prozent.
Kreis Borken in absoluten Zahlen ganz vorn
In absoluten Zahlen liegt der Kreis Borken 2025 mit über 42.300 Industriearbeitsplätzen vor dem Kreis Steinfurt mit knapp 37.000, dem Kreis Warendorf mit mehr als 30.500 und dem Kreis Recklinghausen mit fast 26.800 Stellen. Vergleichsweise weniger ausgeprägt sind die Arbeitsplätze in der Industrie im Kreis Coesfeld (16.600 Stellen), in Münster (13.250), in Gelsenkirchen (unter 9.000) und in Bottrop (rund 3.250). Eine Entspannung erwartet von Glahn nicht, auch wenn sich die Industriekonjunktur in Nord-Westfalen zumindest nicht weiter verschlechtert habe. Allerdings planten, laut der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage, nur etwas mehr als zehn Prozent der Industriebetriebe, neue Mitarbeiter einzustellen. Mehr als 26 Prozent erwarteten dagegen eine sinkende Beschäftigtenzahl.
Zahlen aus den Städten und Kreisen
Kreis Borken: Starke Verluste in Bocholt und Stadtlohn
Zwischen 2022 und 2025 verzeichnete Bocholt starke Einbußen bei den Industriearbeitsplätzen. Hier wurden 2025 8.425 Stellen gezählt, in drei Jahren gingen 935 Stellen (-10 Prozent) verloren. Stadtlohn büßte 485 Industriejobs ein (-17 Prozent auf 2.377), Ahaus 480 (-8 Prozent auf 5.396). In Heek wurden 216 neue Stellen geschaffen (+25 Prozent auf 1.090).
Die Gesamtzahl der Industriearbeitsplätze: 42.347 (-2.224 Stellen, -5 Prozent zwischen 2022 und 2025). Anteil der Industrie an Arbeitsplätzen: 26,3 Prozent.
Kreis Coesfeld: In Olfen wächst die Industrie
In Coesfeld wurden zwischen 2022 und 2025 346 Industriearbeitsplätze abgebaut (-7,2 Prozent auf 4.471). Dülmen büßte 88 Stellen ein (-2,7 Prozent auf 3.201). Zuwächse an Industriejobs gab es in Olfen (+172, +27,2 Prozent auf 804), Lüdinghausen (+79, +4,7 Prozent auf 1.756) und Ascheberg (+68,
+6,2 Prozent auf 1.167).
+6,2 Prozent auf 1.167).
Die Gesamtzahl der Industriearbeitsplätze: 16.598 (-108 Stellen, -0,6 Prozent zwischen 2022 und 2025). Anteil der Industrie an Arbeitsplätzen: 21,5 Prozent.
Kreis Recklinghausen: Negativrekord in Herten
Im Kreis Recklinghausen sind zwischen 2022 und 2025 in erheblichem Maße Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Besonders traf es Herten (-442 Stellen, -28,1 Prozent auf 1.131). Nirgendwo im IHK-Bezirk war der prozentuale Rückgang höher. Stark betroffen sind auch Marl (-349 Stellen, -3,5 Prozent auf 9.699), Gladbeck (-296 Stellen, -9 Prozent auf 2.995) und Datteln (-232 Stellen, -18,8 Prozent auf 1.000).
Die Gesamtzahl der Industriearbeitsplätze: 26.787 (-1.625 Stellen, -5,7 Prozent zwischen 2022 und 2025). Anteil der Industrie an Arbeitsplätzen: 14,6 Prozent.
Kreis Steinfurt: Industrieabbau in Ibbenbüren
In Ibbenbüren wurden von 2022 bis 2025 26 Prozent der Industriearbeitsplätze abgebaut. In absoluten Zahlen beträgt der Rückgang 885 Stellen auf 2.521. Stellen verloren gingen auch in Emsdetten (-383 Stellen, -9,2 Prozent auf 3.798), Hörstel (-228 Stellen, -9,4 Prozent auf 2.209) und Altenberge (-130 Stellen, -6,5 Prozent auf 1.878). Positive Entwicklungen gibt es in Rheine (+154 Stellen, +2,9 Prozent auf 5.509) und vor allem in Lotte (+202 Stellen, +15,2 Prozent auf 1.532).
Die Gesamtzahl der Industriearbeitsplätze: 36.963 (-1.889 Stellen, -4,9 Prozent zwischen 2022 und 2025). Anteil der Industrie an Arbeitsplätzen: 21,6 Prozent.
Kreis Warendorf: Rückgang in fast allen Kommunen
Mehrere Städte und Gemeinden im Kreis Warendorf mussten zwischen 2022 bis 2025 einen erheblichen Verlust an Industriearbeitsplätzen hinnehmen: Beckum (-607 Stellen, -10,6 Prozent auf 5.107), Ahlen (-437 Stellen, -10,7 Prozent auf 3.645), Sassenberg (-374 Stellen, -10,1 Prozent auf 3.313), Ennigerloh (-219 Stellen, -6,9 Prozent auf 2.966).
Die Gesamtzahl der Industriearbeitsplätze: 30.524 (-1.822 Stellen, -5,6 Prozent zwischen 2022 und 2025). Anteil der Industrie an Arbeitsplätzen: 30 Prozent.
Münster: Leichtes Plus für die Industrie
In der Stadt Münster gab es 2025 13.250 Industriearbeitsplätze, 139 oder 1,1 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. Mit einem Anteil von 6,8 Prozent spielen Jobs in der Industrie aber insgesamt eine vergleichsweise kleinere Rolle. Auf längere Sicht entstehen in Münster etwas mehr Arbeitsplätze in diesem Bereich: Von 2007 bis 2025 waren es 1.625 neue Stellen, ein Zuwachs von 14 Prozent.
Gelsenkirchen: Abwärtstrend setzt sich fort
Die Stadt Gelsenkirchen hat zwischen 2022 und 2025 642 Industriearbeitsplätze verloren, das entspricht einem Rückgang von 6,7 Prozent. Insgesamt ermittelte die Agentur für Arbeit 8.947 Stellen in diesem Bereich. Der Abwärtstrend setzt sich damit fort: zwischen 2007 und 2025 sind rund 5.500 Stellen in der Industrie abgebaut worden, das sind über 38 Prozent. Der Anteil der Industriejobs beträgt 10,7 Prozent.
Bottrop: Über zwölf Prozent weniger Industriestellen
In Bottrop wurden 2025 3.253 Industriearbeitsplätze gezählt. Das ist ein Rückgang von 453 oder 12,2 Prozent seit 2022. Der Anteil der Industriestellen beträgt 9,8 Prozent. Auch hier ist der Trend negativ: Von 2007 bis 2025 gingen 1.313 Arbeitsplätze in der Industrie verloren, das sind fast 29 Prozent.
