15. Oktober 2026

Ruhrwirtschaft auf vorsichtigem Erholungskurs

Die Wirtschaft im Ruhrgebiet zeigt im Herbst 2026 leichte Anzeichen einer Erholung, von einem nachhaltigen Aufschwung kann jedoch noch keine Rede sein. Das zeigen die Ergebnisse des 117. Ruhrlageberichts, den die Industrie- und Handelskammern im Ruhrgebiet heute in Dortmund vorgestellt haben. An der gemeinsamen Konjunkturumfrage beteiligten sich über 670 Unternehmen mit mehr als 79.000 Beschäftigten, aus Industrie, Handel und Dienstleistungen, die im letzten Monat befragt wurden.
„Die Wirtschaft im Ruhrgebiet befindet sich derzeit auf einem vorsichtigen Erholungskurs. Gleichzeitig belasten geopolitische Krisen, hohe Energiekosten und ungünstige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen die Unternehmen weiterhin erheblich“, erklärte Roland Klein, Präsident der IHK zu Dortmund, bei der Vorstellung des Ruhrlageberichts. Zusammen mit Klein stellten sich auch Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund, und Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, den Fragen der Medienvertreter.

Stimmung im Handel trübt sich zunehmend ein

Drei Viertel der befragten Unternehmen bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder befriedigend. Damit hat sich die Lage gegenüber der Vorumfrage zum Jahresbeginn um einen Prozentpunkt leicht verbessert. Besonders angespannt bleibt die Situation im Handel. Der Anteil der Unternehmen, die ihre Lage als gut oder befriedigend einschätzen, ist von 70 Prozent (Jahresbeginn 2026) auf 64 Prozent gesunken.
Deutlich stabiler präsentiert sich der Dienstleistungssektor. 84 Prozent der Unternehmen berichten von einer guten oder zumindest befriedenden Geschäftslage, nach 80 Prozent in der Vorumfrage. Die aktuelle Lage in der Industrie ist geprägt durch den Energieschock und die Lieferkettenstörungen im Zuge des Konfliktes im Nahen Osten. Die gegenwärtige Geschäftslage in der Industrie sehen 28 Prozent der befragten Betriebe als schlecht. Die Lage hat sich gegenüber zum Jahresbeginn um zwei Prozentpunkte (30 Prozent) verbessert.

Vorsichtiger Optimismus in den kommenden Monaten

Für die kommenden Monate zeigen sich die Unternehmen vorsichtig optimistisch. 77 Prozent erwarten eine gleichbleibende oder bessere Geschäftsentwicklung. Während Industrie (80 Prozent) und Dienstleistungen (79 Prozent) vergleichsweise positiv in die Zukunft blicken, bleibt der Handel (69 Prozent) deutlich zurückhaltender. Trotz der leichten Verbesserung der Geschäftserwartungen liegt der Klimakonjunkturindex für das Ruhrgebiet mit 95 Punkten weiterhin unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Die Stimmung in der Wirtschaft bleibt damit insgesamt verhalten.
Mit Blick auf die in der vergangenen Woche vorgestellte Herbstprojektion der Bundesregierung, die ein Wachstum von 1,3 Prozent für das laufende Jahr vorhersagt, sagte Präsident Klein: „Dieser Aufschwung ist teuer erkauft. Er beruht vor allem auf schuldenfinanzierten Staatsausgaben aus dem Sondervermögen und den Verteidigungsinvestitionen. Das räumt die Bundesregierung selbst ein. Ohne substanzielle wirtschaftspolitische Reformen hat dieser Aufschwung nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum.”
Als größte Risiken nennen die Unternehmen im Ruhrgebiet die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise sowie die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Jeweils 63 Prozent der Betriebe sehen hierin eine Gefahr für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Es folgen die schwache Inlandsnachfrage (54 Prozent), hohe Arbeitskosten (52 Prozent) und der Fachkräftemangel (40 Prozent).

Forderung für eine langfristige Senkung der Energiepreise

Die Ruhr-IHKs fordern deshalb verlässliche energie- und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Der befristete „Tankrabatt“, der seit dem 1. Oktober auf Benzin und Diesel gilt, kann aus Sicht unserer IHK-Organisation betroffene Branchen und Pendler nur kurzfristig entlasten. Die Energiepreise sind im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch und müssen langfristig gesenkt werden.
Auch bei der Energiebesteuerung braucht es endlich einen klaren und verlässlichen Kurs. Dazu gehört insbesondere, die Stromsteuer dauerhaft für Unternehmen und private Haushalte auf das europäische Mindestniveau zu senken.
Roland Klein betont: „Die Bundesregierung hat eine dauerhafte Senkung der Stromsteuer angekündigt. Jetzt muss sie dieses Versprechen auch einlösen. Eine Absenkung auf das europäische Mindestniveau würde Unternehmen und private Haushalte gleichermaßen entlasten und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts stärken.“
Positiv bewertet die IHK-Organisation das von der nordrhein-westfälischen Landesregierung angekündigte Entlastungspaket zum Bürokratieabbau. Der geplante Abbau von Berichts- und Dokumentationspflichten könne die Unternehmen spürbar entlasten und Ressourcen für Investitionen, Innovationen und Wachstum freisetzen.

Reformbedarf im Arbeitsmarkt

Auch beim Thema Arbeitsmarkt sehen die Unternehmen Reformbedarf. Zwei Drittel der Betriebe sprechen sich für eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge aus. Zudem wünschen sich viele Unternehmen mehr Flexibilität beim Kündigungsschutz, bei Arbeitszeitregelungen sowie bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen.

Drei Viertel der Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage betrifft den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Bereits 75 Prozent der Unternehmen im Ruhrgebiet nutzen KI-Anwendungen. Besonders stark verbreitet ist die Technologie im Dienstleistungssektor. Die Unternehmen erwarten vor allem einen steigenden Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarf ihrer Beschäftigten sowie Veränderungen der Tätigkeitsprofile.