6. Oktober 2026
Aufschwung noch auf schmalem Fundament
IHK-Konjunkturforum: Wirtschaft zeigt sich aber robust
Münsterland/Emscher-Lippe-Region. – Die Konjunkturkrise scheint überwunden. Ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent erwarten die führenden Institute in diesem Jahr für Deutschland. Die Zahlen sind gut, doch „das Fundament des Aufschwungs ist noch schmal“, erklärte Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, beim vierten digitalen IHK-Konjunkturforum mit mehr als 60 zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Warum dies so ist, erklärten Dr. Thieß Petersen, Senior Advisor bei der Bertelsmann Stiftung, und Bernd Weidensteiner, Senior Economist bei der Commerzbank Frankfurt. Hohe Energiepreise, eine anhaltende Investitionsschwäche, eine nachlassende Produktivität, hohe Arbeitskosten und ein noch nicht abgebauter Reformstau brachten Petersen zu dem Schluss: „Wir haben nicht nur ein Konjunkturproblem, sondern ein strukturelles Problem.“ Dabei sah Jaeckel gute Chancen für die Region: „Wir haben Potenzial, aber das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Politik muss wieder hergestellt werden.“
Diskutierten über die Aussichten der deutschen und der nord-westfälischen Wirtschaft (v.r.): IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel, Dr. Thieß Petersen von der Bertelsmann Stiftung und Moderator Dr. Fabian Schleithoff. Zugeschaltet war Bernd Weidensteiner von der Commerzbank Frankfurt.
Deutlich wurde das Strukturproblem gerade im Vergleich mit anderen Volkswirtschaften. „Die USA wächst und wächst, Großbritannien legt mit Ausnahme der Brexit-Delle zu, nur Deutschland stagniert“, stellte Petersen beim Blick aufs Bruttoinlandsprodukt fest. Hier gegenzusteuern, sei auch Aufgabe der Politik. Die deutliche Erwartung der Experten: „Die Reformvorhaben müssen durchgezogen werden“, so Petersen. Unternehmen bräuchten Planbarkeit. Eine „zweitbeste Lösung“ sei deshalb besser als gar keine, auch um Investitionen wieder anzukurbeln. Denn die liegen in Deutschland noch immer unter dem Niveau der Zeit vor Corona. Gefordert wurden Investitionsanreize wie verbesserte Möglichkeiten für Abschreibungen, die sich sehr schnell positiv auswirken könnten.
Dabei zeigt der Blick in die Emscher-Lippe-Region, dass das Interesse an Investitionen vorhanden ist. Jaeckel nannte konkrete Vorhaben unter anderem im Chemiepark Marl und hob gute Argumente für die Region hervor: Zu den Stärken gehörten die Infrastruktur, das Fachkräfte-Angebot, ein großer Markt mit der Nähe zu den Benelux-Ländern und nicht zuletzt viele Partner aus der Verbundwirtschaft im Ruhrgebiet. Allerdings spüren die energieintensiven Unternehmen in der Emscher-Lippe-Region auch besonders die hohen Energiepreise. Während die Kosten für Strom etwa auf dem Vorkrisenniveau von 2021 liegen, ist Gas weiterhin deutlich teurer. Von den Lieferschwierigkeiten, gerade beim Öl, sei aber die asiatische Konkurrenz deutlich stärker betroffen, während deutsche Unternehmen zwar hohe Kosten haben, aber dennoch beliefert werden. „Der Markt ist flexibel, die Wirtschaft ist robust“, bilanzierte Weidensteiner.
Anderen Herausforderungen stellt sich das von Familienbetrieben geprägte Münsterland. Jaeckel nannte vor allem die demografische Entwicklung. Sie führe dazu, dass vielen kleineren und mittleren Unternehmen die Nachfolgerinnen und Nachfolger fehlen. Die Gefahr: „Gesunde Betriebe können vom Markt verschwinden.“ Viele Unternehmen würden zudem gerne expandieren, dafür bräuchten sie aber Arbeitskräfte. Deshalb machten sich Betriebe vermehrt Gedanken darüber, wie sie mit Hilfe von KI ihr Geschäftsmodell verbessern oder sich ganz neue Geschäftsmodelle erschließen. Das gilt nicht nur für Nord-Westfalen. Ob Softwareanwendungen, Robotik, Sensorik, Maschinenbau oder selbstfahrende Autos: Auf diesen und weiteren Feldern können deutsche Unternehmen als Zulieferer „einen Fuß in die Tür bekommen“, gab sich Weidensteiner optimistisch.
