Unternehmen sind vorsichtig optimistisch
IHK zum Jahreswechsel: Jetzt das Ruder herumreißen
Münsterland/Emscher-Lippe-Region. – Mit verhaltener Zuversicht geht die IHK Nord Westfalen ins neue Jahr. Nach der längsten Stagnationsphase, die die Wirtschaft bislang erlebt hat, wächst bei den Unternehmen im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region die Hoffnung auf Besserung. „Die Bundesregierung muss schnell mit grundlegenden Strukturreformen dafür sorgen, dass diese Hoffnung auch begründet ist und nicht im Keim erstickt“, betont IHK-Präsident Lars Baumgürtel.
Vorsichtig zuversichtlich sind IHK-Präsident Lars Baumgürtel und IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel. Sie erwarten von der Bundesregierung allerdings strukturelle Reformen.
Baumgürtel: „Strukturelle Reformen sind unumgänglich“
Das zurückliegende Jahr habe mit einem Zehnjahreshoch an Insolvenzen kaum Anlass für Zuversicht geliefert, resümiert Baumgürtel, der seit April 2025 an der Spitze der IHK steht. Die Hoffnung auf Wachstum fuße deshalb vor allem auf der erwarteten Wirkung der milliardenschweren Investitionen der Bundesregierung und den zwischenzeitig gestiegenen Auftragszahlen in der Industrie. Die zweite Säule, auf der die Hoffnung der regionalen Wirtschaft ruht, ist „der erkennbare politische Wille, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen“.
Die Maßnahmen, die die Bundesregierung ergriffen habe, weisen nach IHK-Einschätzung zwar insgesamt in die richtige Richtung. „Sie reichen aber nicht, um das Ruder herumzureißen“, erklärt Baumgürtel. Dafür seien strukturelle Reformen unumgänglich, mit denen die Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts wiederherstellen könne. „Sonst bleibt es bei einem kurzen konjunkturellen Strohfeuer, das nicht lange trägt“, so Baumgürtel. „Die Kosten für Unternehmen sind im internationalen Vergleich nach wie vor zu hoch“, erläutert der IHK-Präsident den „offensichtlichen Reformbedarf“. Das gelte sowohl für die Energie- und Arbeitskosten als auch die Steuerlasten. Hinzu komme „eine Regelungsdichte, die ihresgleichen sucht, gepaart mit langen Planungs- und Genehmigungszeiten“.
Als „gutes Signal und richtiges Signal, das das Vertrauen der Unternehmen in den Standort stärken kann“, sieht Baumgürtel zum Beispiel die Beschlüsse zur Staatsmodernisierung durch Bürokratieabbau und Digitalisierung oder zur Beschleunigung von Infrastrukturvorhaben. Auch den Industriestrompreis bewertet die IHK unter dem Strich positiv, „da er in der aktuell schwierigen Situation eine wichtige Überbrückungshilfe für einige Unternehmen ist“. Letztendlich gelte der Industriestrompreis aber nur für sehr wenige Unternehmen und sei auf drei Jahre befristet.
So ist der Industriestrompreis für Baumgürtel auch ein Beleg dafür, dass die Politik den notwendigen Wandel hin zu grundlegenden Reformen noch nicht vollzogen habe. „Solange das Geld noch reicht, versucht der Staat mit immer neuen Milliarden die Symptome zu behandeln, statt strukturelle Reformen vorzunehmen, die die Probleme dauerhaft lösen.“ Entsprechende Vorschläge dafür habe die IHK-Organisation seit Jahren immer wieder unterbreitet. Zuletzt habe die Deutsche Industrie- und Handelskammer im September einen „Plan B“ für eine Neuausrichtung der Energiewende vorgelegt, um die künftig noch stärker steigenden Kosten zumindest einzudämmen.
Industrieumsätze mit starken regionalen Unterschieden
Dabei schlägt sich die Industrie im IHK-Bezirk Nord Westfalen nach den aktuell verfügbaren Regionaldaten, die von Januar bis Oktober reichen, bislang etwas besser als im Landesdurchschnitt. Im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum 2024 ging demnach der Gesamtumsatz der Industrie in Nordrhein-Westfalen 2025 insgesamt um 2,5 Prozent zurück, während der Umsatz im IHK-Bezirk Nord Westfalen mit einem Minus von 0,1 Prozent nahezu unverändert blieb. Dabei zeigen sich erneut deutliche regionale Unterschiede: Die Industrie im Münsterland verbuchte ein spürbares Plus von 2,2 Prozent, während die Emscher-Lippe-Region umso kräftigere Verluste verzeichnete. Hier steht ein Minus von 5,9 Prozent zu Buche. Die Auslandsumsätze im Münsterland stiegen sogar um 2,5 Prozent, während sie in der Emscher-Lippe-Region um 7,8 Prozent zurückgingen. NRW-weit steht hier ein Minus von 2,6 Prozent.
Hier zeigt sich für IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel die besondere Lage der Emscher-Lippe-Region: „Zwei Drittel des Gesamtumsatzes der Industrie werden hier durch energieintensive Betriebe erzielt“, betont er. „Dieser enorm wichtige Teil der industriellen Wertschöpfungskette“, so Jaeckel, „ist durch die hohen Energiepreise wie auch steigende Netzentgelte besonders unter Druck geraten“, zumal diese Unternehmen normalerweise einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihrer Umsätze im Ausland machen. „Hier sind die aktuellen Standortnachteile besonders markant“, erläutert der Hauptgeschäftsführer mit Blick auf einen rückläufigen Auslandsumsatz.
Ausbildungsmarkt mit weniger Bewerbern
Negativ fällt die Bilanz leider bei den Ausbildungszahlen aus. Stand Ende November 2025 sind im IHK-Bezirk exakt 7.996 Berufsausbildungsverträge neu eingetragen worden. Das entspricht einem Rückgang von fast sieben Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und liegt damit auf dem Niveau in NRW insgesamt. Dabei fällt das Minus mit knapp acht Prozent in der Emscher-Lippe-Region noch etwas höher aus. Zwei wesentliche Gründe sieht Jaeckel für diese Entwicklung: Zum einen gebe es aufgrund der sinkenden Zahl von Schulabgängern immer weniger Bewerberinnen und Bewerber. Zum anderen hinterlässt die allgemeine Wirtschaftslage ihre Spuren auf dem Ausbildungsmarkt. „Das sind schlechte Nachrichten für die Fachkräftegewinnung und -sicherung.“
