IHKplus. Das Magazin
Nr. 7110054
IHKplus 2026-2 | Titelthema

Unser Mittelstand - das Rückgrat des Wohlstands

Es ist eine der meistzitierten, aber zugleich meistunterschätzten Wahrheiten der deutschen Wirtschaft: Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft.
Denn die mittelständischen Unternehmen erwirtschaften mehr als die Hälfte der gesamten Wertschöpfung, stellen etwa 70 Prozent aller Arbeitsplätze im Land und bilden rund 80 Prozent der Auszubildenden aus. Kurz gesagt: Der Mittelstand ist das Fundament von „Made in Germany“.
Doch die Herausforderungen nehmen zu. Der Mittelstand steht unter Druck wie lange nicht mehr. Zwischen globalen Umbrüchen, steigenden Kosten, bürokratischen Lasten und einem wachsenden Fachkräftemangel geraten viele Unternehmen in eine Lage, die nicht nur ihre eigene Zukunft infrage stellt, sondern die Stabilität der gesamten Volkswirtschaft.

Hier sind acht Thesen, was mittelständische Unternehmen für das ganze Land bedeuten. Wirtschaftlich, politisch und sozial.

1. Der Mittelstand denkt nicht in Quartalen, sondern in Generationen

Während börsennotierte Konzerne oft im Takt der Quartalszahlen agieren, ist der Mittelstand anders geprägt. Familienunternehmen planen nicht für das nächste Geschäftsjahr, sondern für die nächste Generation. Dieses langfristige Denken ist ein unschätzbarer Vorteil.
„Wir investieren nicht für den schnellen Gewinn, sondern für die Zukunft unserer Kinder“, sagt Louise Farina, die in neunter Generation das Parfum-Unternehmen Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz leitet und Mitglied der Vollversammlung ist. Genau darin liegt die Stärke: Nachhaltigkeit entsteht nicht aus Regulierung, sondern aus Überzeugung und Zuversicht.
Doch dieses Denken gerät zunehmend unter Druck. Wer heute investiert, braucht Planungssicherheit und Perspektive. Und genau diese fehlt vielfach: volatile Energiepreise, unsichere Rahmenbedingungen bei der Transformation, unklare politische Signale. Wer langfristig denkt, braucht Verlässlichkeit – keine erratischen Richtungswechsel, betont Farina.
2. Der Mittelstand hält die Regionen zusammen – wirtschaftlich und gesellschaftlich!
Der Mittelstand ist kein abstraktes Konstrukt. Er ist vor Ort. In Städten, in ländlichen Regionen, in Industriegebieten und Dorfkernen. Er ist Arbeitgeber, Ausbilder, Steuerzahler. Oft auch Sponsor des lokalen Sportvereins oder Unterstützer kultureller bzw. karitativer Initiativen.
Ohne den Mittelstand würde Deutschland auseinanderdriften. Regionen würden wirtschaftlich ausbluten, soziale Strukturen würden erodieren. Doch gerade in strukturschwächeren Gebieten wird es zunehmend schwer, Unternehmen zu halten oder neu anzusiedeln. Flächenprobleme, Infrastrukturdefizite, langsame Genehmigungsverfahren und mangelnde Digitalisierung bremsen die Entwicklung.
„Der Mittelstand ist das wirtschaftliche Herz unserer Regionen – er sichert Einkommen, schafft Kaufkraft und hält damit Städte und Gemeinden lebendig. Ohne ihn würde vor Ort schnell spürbar werden, was es heißt, wenn Stabilität fehlt. Inhaber- und familiengeführte Unternehmen sind dabei leidenschaftliche Kämpfer für ihren Standort – verwurzelt, verantwortungsvoll und oft mit einer Haltung, die sie nicht in Quartalszahlen messen“, betont Kim Bauer, Prokuristin der black cab Holding GmbH, Mitglied der Vollversammlung und Co-Vorsitzende des Wirtschaftsgremiums Rösrath. Wer über gleichwertige Lebensverhältnisse und Chancengleichheit in der Fläche spricht, muss über den Mittelstand sprechen.
Fakten zum Mittelstand

71,6 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in mittelständischen Unternehmen.
42 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland sind den wissensintensiven Dienstleistungen zuzurechnen.
90 Prozent aller Auszubildenden absolvieren ihre Ausbildung in mittelständischen Unternehmen.
Quellen: KfW-Mittelstandspanel 2025, Destatis
3. Mittelständische Unternehmen sind oft unsichtbare Innovationstreiber
„Hidden Champions“ – dieser Begriff steht für viele mittelständische Weltmarktführer, die kaum jemand kennt, aber die in ihren Nischen global führend sind. Sie entwickeln hochspezialisierte Produkte, treiben Technologien voran und sichern die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Laut KfW sind mittelständische Unternehmen entscheidend für Wachstum und Wohlstand: Sie investieren, sie innovieren, sie exportieren. Doch Innovation braucht Ressourcen – und Mut zum Risiko. Beides wird derzeit auf eine harte Probe gestellt.
Hohe Energiepreise, steigende Finanzierungskosten und zunehmende Regulierung schmälern die Spielräume für Investitionen in neue Technologien oder Produkte. Das ist ein gefährlicher Trend. Wenn der Mittelstand weniger innoviert, verliert Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit. So einfach – und so ernst ist die Lage.
4. Der Mittelstand ist Jobmotor und Garant für soziale Stabilität

Ohne Mittelstand gäbe es keinen stabilen Arbeitsmarkt. Millionen Menschen arbeiten in kleinen und mittleren Unternehmen, oft in ihrer Heimatregion, oft über Jahrzehnte hinweg. Der Mittelstand schafft nicht nur Jobs – er schafft Perspektiven.
Besonders deutlich wird das im Ausbildungssystem. Vier von fünf Auszubildenden lernen in mittelständischen Betrieben. Hier wird Fachwissen weitergegeben, hier entstehen Karrieren. Wir als IHK Köln sind froh, dass die Unternehmen in unserer Wirtschaftsregion trotz schwieriger Rahmenbedingungen weiterhin stark auf Ausbildung setzen: Bis Ende September 2025 wurden im IHK-Bezirk Köln 7.304 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Der Rückgang um 467 Verträge gegenüber dem Vorjahr zeigt jedoch, dass Angebot und Nachfrage immer seltener zusammenfinden: Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, während gleichzeitig weniger Ausbildungsverhältnisse entstehen.
Genau hier müssen wir ansetzen – und mehr junge Menschen davon überzeugen, dass eine betriebliche Ausbildung – gerade im Mittelstand – der Startpunkt für eine nachhaltige berufliche Karriere sein kann.
Das große Problem: Der Fachkräftemangel ist längst vom Schlagwort zum strukturellen Problem geworden. Auch wenn die aktuelle Krise an vielen Stellen zum Personalabbau führt, können viele Betriebe offene Stellen oft monatelang nicht besetzen. Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung werden spürbar. Die Entwicklung vieler Unternehmen ist durch die Knappheit an Fachkräften begrenzt.
5. Politik verliert den Bezug zur Realität
Ein besonders kritischer Punkt ist die wachsende Distanz zwischen Politik und Wirtschaft. In vielen politischen Ämtern fehlt praktische unternehmerische Erfahrung. Das hat Folgen, vor allen Dingen für den Mittelstand. Wer nie selbst ein Unternehmen geführt hat, kennt die Herausforderungen oft nur aus Akten oder Berichten. Die Realität von Liquiditätsengpässen, Personalverantwortung oder Investitionsentscheidungen, die immer mit Risiken behaftet sind, bleibt abstrakt. Das führt zu Ergebnissen, die gut gemeint sind, aber an der Praxis vorbeigehen. Oder schlimmer: zu Regelungen, die zusätzliche Belastungen schaffen, ohne Probleme zu lösen.
„Die Vielzahl an Auflagen, Berichtspflichten und Detailregulierungen ist längst Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber Unternehmerinnen und Unternehmern. Ich habe den Eindruck, dass die Politik das Ausmaß der überbordenden Regulierung und ihre Folgen für die Wirtschaft nicht erfasst”, sagt Harald Goost, Geschäftsführer der Bierbaum-Proenen GmbH & Co. KG, Vizepräsident der IHK Köln und Co-Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaftspolitik.
Und weiter: „Dabei muss endlich klar sein: Unter diesen Bedingungen können unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb nicht bestehen. Deutschland braucht wieder mutige politische Entscheidungen, die unternehmerischen Freiraum ermöglichen, Innovation fördern und Leistung wieder als Grundlage für Wohlstand anerkennen.” Fazit: Der Mittelstand braucht keine wohlklingenden Programme – er braucht Politik, die sich an der Realität orientiert.
6. Bürokratie ist zur Wachstumsbremse geworden

Wenn Sie in einem Raum voller Mittelständlerinnen und Mittelständler stehen und nicht mehr wissen, was Sie sagen wollen, sagen Sie einfach: „Bürokratie“. Diese vier Silben bringen jeden in Wallung, der Tag für Tag mit der Herrschaft des Amtes (wörtlich übersetzt …) zu tun hat. Dokumentationspflichten, Berichtswesen, Genehmigungsverfahren – der Aufwand ist enorm.
„Unsere Unternehmen wollen gestalten und Wert schaffen – aber immer öfter verbringen wir unsere Zeit damit, nachzuweisen, dass wir genau das verantwortungsvoll tun“, kritisiert Sven Gebhard, Geschäftsführender Gesellschafter der GC-heat Gebhard GmbH & Co. KG, Mitglied der Vollversammlung und Vorsitzender der Beratenden Versammlung Oberberg.
Ob Lieferkettengesetz, ESG-Berichtspflichten oder komplexe Förderprogramme: Gut gemeinte Regulierung wird in der Praxis oft zur Belastung. Gerade kleinere Betriebe verfügen nicht über die Ressourcen, um diese Anforderungen effizient zu bewältigen. Zeit, die in Formulare fließt, fehlt für Innovation, Kunden und Wachstum.
7. Vertrauen ist der entscheidende Faktor. Und das Vertrauen schwindet.

Wirtschaft lebt von Vertrauen: in stabile Rahmenbedingungen, in verlässliche Politik, in funktionierende Märkte. Dieses Vertrauen ist in Teilen des Mittelstands erschüttert. Zu viele kurzfristige Entscheidungen, zu wenig Planbarkeit, zu viele widersprüchliche Signale.
Laut unserer Konjunkturumfrage empfinden 51 Prozent der Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als Risikofaktor für den eigenen Erfolg. Politik und Wirtschaft als Partner, das war über Jahrzehnte ein Teil der deutschen Erfolgsformel. Wenn Unternehmen jetzt Misstrauen statt Vertrauen spüren, geht es an die DNA von „Made in Germany“.
„Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch Verlässlichkeit. Der Mittelstand braucht Rahmenbedingungen, auf die man sich langfristig verlassen kann – denn unternehmerische Entscheidungen werden dort nicht für Wochen, sondern für Jahre, ja Generationen, getroffen. Wenn dieses Vertrauen schwindet, verlieren Unternehmen die Sicherheit zu investieren, auszubilden und Verantwortung zu übernehmen”, so Nina Remagen, Geschäftsführende Gesellschafterin der Hardy Remagen GmbH & Co. KG und Mitglied der Vollversammlung.
Nina Remagen und ihre Schwester Nane waren zu Gast bei unserem Video-Podcast „Stimme der Wirtschaft” und haben auch dort über die Herausforderungen für den Mittelstand gesprochen. Hier geht es zur Folge.
8. Energiepreise setzen den Mittelstand massiv unter Druck
Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft ist notwendig – daran besteht kein Zweifel. Doch der Weg dorthin ist für viele mittelständische Unternehmen (zu!) steinig. Hohe Energiepreise, unklare Rahmenbedingungen und mangelnde Versorgungssicherheit sorgen für große Verunsicherung. Investitionen in neue Technologien sind teuer und oft mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Viele Unternehmen, vor allem in der mittelständischen Industrie, stehen vor existenziellen Fragen.
Gibt es am eigenen Standort genügend Strom für die Elektrifizierung der Prozesse? Wie lange gibt es noch Gasanschlüsse, kommt überhaupt jemals Wasserstoff an meinen Standort? Und was kostet das alles? Kurz: Lohnt sich die Transformation am Standort Deutschland? Oder müssen Produktion und Investitionen ins Ausland verlagert werden? Diese Fragen sind keine theoretischen, sie werden täglich in den Betrieben gestellt. Und immer öfter lautet die Antwort: Der Standort Deutschland ist ökonomisch nicht mehr tragfähig für uns, wir wandern ab. Und wer einmal abwandert, kommt nicht mehr wieder.
Lust auf unser Netzwerk Mittelstand?

Im Netzwerk Mittelstand vernetzen sich engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer aus Köln und der Region. Sie tauschen sich zu relevanten Themen aus, diskutieren aktuelle Anforderungen und setzen sich für die Belange des regionalen Mittelstands gegenüber Politik und Verwaltung ein. Werden Sie gerne bei uns Mitglied.

Diese Voraussetzungen müssen Sie dafür erfüllen:
1. Sie leiten ein inhaber- oder familiengeführtes
Unternehmen in der Region Köln.
2. Sie betreiben aktive Aus- und engagierte Weiterbildung.
3. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung.
4. Sie haben mehr als zehn Mitarbeitende.
5. Sie möchten aktiv am Netzwerk teilnehmen.

Ihr Unternehmen ist außerdem Mitglied der IHK Köln? Dann sind Sie beim Netzwerk Mittelstand herzlich willkommen! Nehmen Sie gerne als Gast an unseren Veranstaltungen teil und lernen Sie uns kennen!

Sie haben Interesse? Alle Informationen finden Sie hier!
Tanja Wessendorf
Kommunikation | Multimedia-Redakteurin