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Nr. 6950408
IHKplus 2026-1

Krisenfest werden. Krisenfest bleiben!

Deutschland steckt fest. Nicht in einer konjunkturellen Delle, die sich mit dem nächsten Aufschwung erledigt, sondern in einer strukturellen Wirtschaftskrise. Die Schlagworte sind seit Jahren bekannt. Schwaches Wachstum, Investitionszurückhaltung, eine marode Infrastruktur und das Gefühl: Probleme werden mit Steuergeld und Schulden, nicht mit Reformen bekämpft.

Stresstest für das Gütesiegel „Made in Germany“

Es ist ein Stresstest für das Gütesiegel „Made in Germany“. Hier lohnt sich ein kleiner Blick in die Geschichte: Ende des 19. Jahrhunderts haben die Briten „Made in Germany“ erfunden, um deutsche
Importwaren für Verbraucherinnen und Verbraucher in Großbritannien als ausländisch und angeblich minderwertig zu kennzeichnen. Im Laufe der Zeit wandelte sich das Label jedoch zu einem weltweit anerkannten Gütesiegel. Wer „Made in Germany“ hört, denkt rund um den Globus an Qualität und Zuverlässigkeit. Und jetzt eben auch an die hausgemachte Krise.
„Die Lage der deutschen Wirtschaft ist in einigen Bereichen sehr kritisch“, schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz zu Jahresbeginn in einem Brief an die Bundestagsabgeordneten von Union und SPD. „Die Arbeitskosten, die Energiekosten, die Bürokratielasten und auch die Steuerlasten sind zu hoch. Daran werden wir gemeinsam arbeiten müssen.“ Der Analyse des Kanzlers wird niemand widersprechen. Das Problem daran ist, dass seine Bundesregierung bislang vor allem durch eine Sache auffällt: neue Schulden. Mit Steuergeld wurden und werden Probleme zugekleistert, die dadurch nicht gelöst, sondern nur verschleppt werden.

Für dieses Jahr braucht es Reformen

Diese Politik des Verschiebens oder damit Verfestigens von Problemen muss jetzt enden. Fürs neue Jahr braucht es Reformen. Keine Formel-Kompromisse, wie sie die schwarz-rote Regierung bisher gefunden hat, sondern tiefgreifende Änderungen bei Energiepolitik, Bürokratie und Sozialpolitik. Die Menschen in diesem Land haben verstanden, dass ein Weiter-so die Abwärtsspirale schneller nach unten dreht. Niemand will sich von dem Wohlstand verabschieden, den das „Made in Germany“- Deutschland in den letzten 80 Jahren aufgebaut hat. Dazu ein paar Fakten, die den Reformdruck verdeutlichen.

1. Anhaltende Wachstumsschwäche: Deutschland wächst seit Jahren langsamer als vergleichbare Industrienationen

Während andere Volkswirtschaften nach Pandemie und Energiekrise wieder wachsen, verharrt die deutsche Wirtschaft nahe der Stagnation. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Probleme: zu geringe private Investitionen, ein schwaches Produktivitätswachstum und ein Staat, der immer mehr umverteilt, aber immer weniger ermöglicht.

2. Deindustrialisierung live und in Farbe

Besonders alarmierend ist der Verlust industrieller Substanz. Energieintensive Branchen reduzieren Kapazitäten oder machen Standorte dicht. Automobilzulieferer streichen Stellen, Chemie- und Maschinenbau investieren zunehmend außerhalb Europas. Insgesamt sind im vergangenen Jahr 160.000 Jobs in der Industrie weggebrochen – einmal verloren, kommen sie selten zurück. Damit gerät nicht nur Wertschöpfung in Gefahr, sondern auch das gesamte Ökosystem aus Zulieferern, Dienstleistern und regionaler Kaufkraft.

3. Rückläufige Stellenangebote

Die Zahl der offenen Stellen ist rückläufig. 2025 waren im Schnitt 632.000 Jobs gemeldet, 62.000 weniger als im Vorjahr und so wenige wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Das signalisiert ein vorsichtiges Investitionsverhalten der Unternehmen und eine nachlassende Dynamik am Arbeitsmarkt. „2026 ist kein Jahr der Entwarnung, sondern ein Jahr mit spürbaren Herausforderungen“, sagte Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, zu Jahresbeginn.

4. Fachkräftemangel bleibt ein strukturelles Problem

Es lohnt sich ein tieferer Blick in die Arbeitsmarktzahlen. Aktuell sind laut Bundesagentur für Arbeit 1,7 Millionen Fachkräfte-Jobs unbesetzt. Langfristige Projektionen zeigen, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 5 Millionen Fachkräfte fehlen könnten, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

5. Sinkende Standortattraktivität

Internationale Investoren bewerten Deutschland zunehmend kritischer. Nicht wegen fehlender Innovationskraft oder schlechter Produkte, sondern wegen unsicherer Rahmenbedingungen. Steuerpolitik, Energieversorgung, Digitalisierung der Verwaltung und Zustand der Infrastruktur – all das entscheidet heute über Standortwahl. Deutschland lebt noch von seiner Substanz, doch der Vertrauenskredit schmilzt.

Kompromisse, die niemanden überzeugen

Parallel entwickeln sich Debatten, die ein Gefühl dafür vermitteln, dass der Ernst der Lage nicht überall angekommen ist: Weil im Jahr 2026 so viele gesetzliche Feiertage auf einen Samstag oder Sonntag fallen, fordern Grüne, Linke und auch der DGB Bayern, dass man diese Feiertage nach dem Wochenende nachholen müsse. Und genau in dieser Stresstest-Phase vermittelt die Merz-Regierung aus Union und SPD das oben beschriebene Gefühl einer Koalition, die die Probleme zwar erkennt und auch benennt – nur eben keine überzeugenden Lösungen präsentiert.
Angekündigt sind eine „Wachstumsagenda“, Bürokratieabbau, beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie Entlastungen bei Energiepreisen. Auch Investitionsanreize und Transformationsfonds stehen auf der politischen Agenda. Doch zwischen Ankündigung und Umsetzung klafft eine große Lücke. Innerhalb der Koalition blockieren sich unterschiedliche wirtschaftspolitische Leitbilder gegenseitig. Während die einen auf staatliche Lenkung, Subventionen und Detailregulierung setzen, pochen andere auf marktwirtschaftliche Lösungen. Das Ergebnis sind Kompromisse, die niemanden überzeugen: zu kompliziert für Unternehmen, zu teuer für den Staat, zu wirkungslos für die Wirtschaft.

Der Staat traut den Unternehmen zu wenig zu

Statt klarer Prioritäten erleben wir ein politisches Klein-Klein. Steuerliche Entlastungen kommen spät oder gar nicht, Bürokratieabbau bleibt oft symbolisch. Der Staat traut den Unternehmen zu wenig zu – und sich selbst. Bleiben Reformen weiter aus, wird sich die Wachstumsschwäche festzementieren. Ohne produktive Investitionen sinkt langfristig der Wohlstand. Der Verteilungsspielraum wird kleiner, soziale Konflikte dürften zunehmen. Der jetzt schon schwindende Verlust eines industriellen Kerns wird sich beschleunigen. Die Wertschöpfung wandert dorthin, wo Energie günstiger, Prozesse schneller und politische Signale verlässlicher sind. Zurück bleiben strukturschwache Regionen und ein aufgeblähter Dienstleistungssektor mit geringer Produktivität.

Das Zauberwort der Stunde lautet „Resilienz“

So ernst die Lage ist: Sie ist kein Schicksal! Unternehmerisches Handeln war in Deutschland immer dann erfolgreich, wenn es Freiräume gab und wenn Krisen als Anstoß für Erneuerung begriffen wurden. Digitalisierung, neue Energietechnologien, industrielle Software, spezialisierte Dienstleistungen: In all diesen Bereichen liegen Chancen, gerade für den Mittelstand. Das Zauberwort der Stunde lautet „Resilienz“, also die Widerstandsfähigkeit, schwierige Situationen zu meistern. Eine Kernaufgabe der deutschen Unternehmen ist es aktuell, krisenfest zu werden – und krisenfest zu bleiben! Vier Ansätze dazu.

1. Radikal auf das eigene Kerngeschäft fokussieren

Krisenfest sind Unternehmen, die genau wissen, womit sie Geld verdienen – und womit nicht. In unsicheren Zeiten zählt weniger die politische Wunschagenda als betriebswirtschaftliche Klarheit. Wer Prozesse verschlankt, unrentable Nebenaktivitäten konsequent beendet und Investitionen streng nach Rendite-und Risikokriterien priorisiert, erhöht seine Widerstandskraft unabhängig von staatlichen Rahmenbedingungen.

2. Abhängigkeiten reduzieren!

Bei Energie, Lieferketten oder Absatzmärkten haben die vergangenen Jahre gezeigt, wie teuer politische und geopolitische Risiken werden können. Unternehmen sollten ihre Beschaffung breiter aufstellen, Energieeffizienz und Eigenversorgung ernsthaft prüfen und neue Märkte erschließen. Diversifikation ist kein Selbstzweck, sondern eine Versicherung gegen politische Fehlsteuerung und externe Schocks.

3. In Produktivität statt Subventionen investieren

Staatliche Förderprogramme sind oft komplex, unsicher und zeitlich begrenzt. Krisenfest wird, wer stattdessen dauerhaft produktiver wird: durch Automatisierung, Digitalisierung und bessere Organisation. Gerade der Mittelstand kann hier punkten – nicht mit Großprojekten, sondern mit vielen pragmatischen Verbesserungen, die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

4. Mitarbeitende binden, qualifizieren und Verantwortung übertragen

Fachkräfte bleiben knapp, politische Lösungen sind nicht in Sicht. Unternehmen, die ihre Belegschaft als Investition begreifen, sichern sich einen entscheidenden Stabilitätsfaktor. Weiterbildung, flexible Arbeitsmodelle und echte unternehmerische Mitverantwortung erhöhen nicht nur die Loyalität, sondern auch die Anpassungsfähigkeit in der Krise. Vertrauen ist dabei oft produktiver als jede zusätzliche Regulierung.
Unternehmen, die heute investieren, Prozesse verschlanken, neue Märkte erschließen und Mitarbeitende qualifizieren, handeln gegen den Trend. Sie können morgen zu den Gewinnern gehören. Voraussetzung ist allerdings, dass die Politik ihren Teil des Kraftakts leistet: weniger Misstrauen, weniger Regulierung, mehr Vertrauen in den Markt und weniger Steuern und Abgaben. Deutschland braucht keine immer neuen Förderprogramme, sondern ein Umfeld, in dem sich Leistung lohnt. Wenn dieser Rahmen geschaffen wird, kann der Stresstest positiv ausfallen und aus der Dauerkrise ein
Wendepunkt werden.
Die Geschichte von „Made in Germany“ zeigt: Mutige Unternehmerinnen und Unternehmer waren stets stärker als politische Lähmung.
Chefredakteur | Kommunikation