Titelthema IHKplus 1.2024

NRW muss Industrieland bleiben

Die Industriebetriebe in NRW sorgen für Wachstum und Innovation. Aber wie sicher ist das noch? Hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, eine marode Verkehrsinfrastruktur, zu viel Bürokratie: Die Industrie bangt um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Auch in der Wirtschaftsregion Köln wächst die Sorge.
Steigende Energiekosten, keine Verlässlichkeit bei der Energiepolitik sowie der immer spürbarere Mangel an Fachkräften und vielfach generell an Arbeitskräften machen den Industrieunternehmen massiv zu schaffen. Dazu kommen noch die Defizite einer maroden Infrastruktur. Und als ob das nicht schon reichen würde, fühlen sich die Unternehmen von immer neuen Vorschriften und Regeln gegängelt und gegenüber ihren internationalen Wettbewerbern im Nachteil.
Hört man sich in der Wirtschaftsregion Köln um, bekommt man rasch ein Gefühl dafür, wie dringend die Forderungen nach einem industriefreundlichen Umfeld sind. Mit den gegenwärtigen Problemen haben Firmen jeder Größe zu kämpfen. Wie brisant die Lage insbesondere vieler Industrieunternehmen bereits ist, zeigt unser aktueller Konjunkturbericht. Wir zeigen an Beispielen aus unserer IHK-Region, wie sich die komplexe Problemlage auf die Unternehmen auswirkt und letztlich das Industrieland NRW gefährdet.
Drei entscheidende Faktoren, durch die NRW zu einem starken Industrieland wurde, stehen jetzt auf der Kippe. Die Entwicklung der Industrie beruht auf der Verfügbarkeit von bezahlbarer Energie. Ausgerechnet in NRW, das seinen Wohlstand aus dem Zugang zu Energie bezogen hat, ist Energiesicherheit zu einem Reizthema geworden, und niemand mag sich mehr auf die Versprechen der Politik verlassen. Hinzu kommt die lange Tradition der Zuwanderung von Arbeitskräften. NRW war immer eine Region, in die Menschen aus vielen Ländern gekommen sind, um hier zu leben und zu arbeiten. Das muss so bleiben! Und – im Herzen Europas gelegen – ist NRW ein optimaler Standort der kurzen Wege und ein zentraler Knoten im europäischen Verkehrsnetz. Auch deswegen ist hier die Industrie so stark.
Der Industriestandort NRW hätte zudem nicht so wachsen können, wenn nicht die Politik der vergangenen Jahrzehnte dahintergestanden hätte. Dies alles scheint nicht mehr selbstverständlich. Dr. Kristel Degener, Leiterin des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Politik der IHK Köln: „Wir bemerken in Gesprächen mit unseren Mitgliedsunternehmen immer mehr Frustration über die aktuelle Lage. Das schlägt sich dann nieder in Zurückhaltung bei Investitionen in Deutschland, während Investitionen im Ausland attraktiver werden. Die Verunsicherung über den Industriestandort NRW ist längst auch im Mittelstand angekommen!“

1. Zu teure und unsichere Energie

Die Energiepreise in Deutschland sind hoch, eine Besserung ist auch über die nächsten Jahre  nicht in Sicht, das zeigen beispielsweise aktuelle Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft. Die Folge: Investitionen am Standort werden gestoppt und an ausländische Standorte verlagert. Die brisante Lage der Industrieunternehmen zeigt auch die Winterumfrage zur Konjunktur der IHK Köln.
Schon länger warnt Matthias Zachert, Vorstandsvorsitzender der LANXESS AG, vor der Abwanderung der Industrie. So gegenüber unserem Magazin bereits im Februar 2023 und  aktuell auch in einem Interview mit der „Welt“: „Momentan ist Deutschland durch die hohen  Energiepreise, den Fachkräftemangel und veraltete Infrastruktur nicht wettbewerbsfähig“, sagt Zachert. „Die Chemiebranche zahlt die höchsten Löhne und damit die höchsten  Lohnsteuerbeiträge in Deutschland. Wenn wir abwandern und Arbeitsplätze reduzieren, leidet auch der Wohlstand in diesem Land.“
Für Florian Frankenau, Leitung NRWPolitik bei der Covestro Deutschland AG in Leverkusen, ist ein „befristeter Brückenstrompreis unerlässlich, um die industrielle Basis des Landes zu  schützen.“ Stattdessen ist für Florian Frankenau das verabschiedete Strompreispaket für die energieintensive Industrie nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da „die zusätzlichen  Entlastungen aus dem Strompreispaket mit Blick auf die energieintensive Industrie nur gering sind, so dass lediglich der Status quo erhalten bleibt. Aufgrund des ausbleibenden Bundeszuschusses zu den Übertragungsnetzentgelten im Zuge des Bundesverfassungsgerichtsurteils zum Klimatransformationsfonds kommt es sogar zu einer Mehrbelastung der energieintensiven Industrie.“
Doch die Chemieindustrie steht in Deutschland unter enormem wirtschaftlichen Druck. Während die allgemeine Wirtschaft stagniert, sieht es in der Chemieindustrie dramatisch aus. Überbordende Bürokratie und Energieknappheit verbunden mit nicht wettbewerbsfähigen Preisen sind für viele Unternehmen zu einem existenziellen Problem geworden. Die Industriestrompreise liegen in Deutschland um ein Vielfaches über den Preisen internationaler Wettbewerbsländer.
Die deutsche Chemie hat schon heute einen hohen Strombedarf (mit rund 53 Terawattstunden (TWh) gut 10 Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs), der durch das Ziel der Treibhausgasneutralität auf bis zu 500 TWh ansteigen kann – und damit alleine genauso viel wie der gesamte heutige Stromverbrauch in Deutschland. Bis ausreichend erneuerbarer Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen, die notwendige Netzinfrastruktur, Energiespeicher und Importe von erneuerbaren Energieträgern zur Verfügung stehen, braucht die energieintensive Industrie aus der Sicht von Florian Frankenau eine Brücke, um das Wegbrechen gesunder, zukunftsfähiger Industriestrukturen zu verhindern. Denn: „Vom Erhalt der energieintensiven Industrie in Deutschland profitieren auch nachgelagerte Wertschöpfungsketten – darunter viele KMU“, konstatiert Florian Frankenau.
Die Forderungen an die Politik sind eindeutig. „Wir erwarten einen bezahlbaren Industriestrompreis“, sagt Thomas Friedrich, einer der beiden Geschäftsführer der Eisenwerk Brühl GmbH, klipp und klar. „Es kann nicht sein, dass die politischen Fehler – zum Beispiel die Abschaltung von funktionierenden Atomkraftwerken ohne ausreichende Alternativen – von den Unternehmen ausgebügelt werden.“
Iris Winters, Geschäftsführerin der Stahlbau Winters GmbH in Bedburg, weist auf ein weiteres großes Problem der deutschen Energiepolitik hin: mangelnde Verlässlichkeit. „Als Zulieferer für den Energiesektor im Rheinischen Revier – also zurzeit noch für Kohlekraftwerke – befinden wir uns in einer Lage, die mehr als ungewiss ist. Wir müssen neue Tätigkeitsfelder auftun, wissen aber nicht, wohin die Reise geht. Der Kohleausstieg ist zwar beschlossen, kann aber aufgrund von politischem Weltgeschehen immer wieder gekippt werden.“
Hinzu kommt die Frage, ob bis zum Jahr 2030 überhaupt genug Energie anderer Quellen zur Verfügung steht, um auf Braunkohle verzichten zu können. Zwischen Vorprüfung einer geplanten Windkraftanlage und tatsächlicher Stromeinspeisung vergehen in der Regel acht Jahre. Und Iris Winters musste die Erfahrung machen, dass zwischen Beantragung und Genehmigung einer Solaranlage 18 Monate vergingen. Die Beispiele zeigen: Nur mit sicherem und bezahlbarem Strom ist der Industriestandort NRW zukunftsfähig. Gerade der starke Chemiegürtel rund um Köln ist bislang ein Motor für Innovation und Wachstum. Wenn das so bleiben soll, muss die Politik handeln.

2. Fehlende Fachkräfte

Die hohen Energiepreise sind nicht das einzige Problem der Industriebetriebe. Fehlende Mitarbeitende erschweren die Planung und drücken die Stimmung. Schon heute fehlen laut einer IHK-Untersuchung in NRW 400.000 Fachkräfte. Wie sehr das verarbeitende Gewerbe unter dem Mangel leidet, zeigt sich unter anderem im Gespräch mit Stahlbau-Winters-Geschäftsführerin Iris Winters: „Ich blicke im Moment noch sorgenvoll auf die Zukunft, weil der Fortbestand unseres Unternehmens alleine schon wegen des Facharbeitermangels ungewiss ist.“ Zwar sei ihr Unternehmen ein Ausbildungsbetrieb, doch werde es immer schwieriger, junge Leute zu finden, die eine Ausbildung machen möchten. Die Ausbildungszahlen steigen zwar auch in der Region Köln wieder und haben im vergangenen Jahr erneut die Marke von 8.000 neuen Ausbildungsverträgen geknackt. Damit ist das Niveau der Zeit vor den Corona-Lockdowns allerdings noch nicht wieder erreicht.
Auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitenden hat Thomas Friedrich vom Eisenwerk Brühl auch qualifizierte Einwanderinnen und Einwanderer im Blick. Auch hier wünschen sich Unternehmen deutlich weniger Bürokratie und schnellere Teilhabe von Geflüchteten am Arbeitsmarkt.
Und dann gibt es da ja auch noch junge Leute, die durchaus für eine Ausbildung bereitstünden, aber schlichtweg nicht die nötigen Qualifikationen dafür mitbringen. Aus der Industrie ist der Ruf nach besserer Bildung und besserer Ausstattung der Schulen unüberhörbar. Inzwischen nehmen einige Unternehmen die Nachqualifizierung der Auszubildenden selbst in die Hand.
Das alles kommt für die Unternehmen als zusätzliche Last zu den anderen Problemen hinzu. Waren in früheren Zeiten gut ausgebildete Fachkräfte noch ein starkes Argument für den Standort NRW, sagt Daniel Springmann, General Manager der ATLAS COPCO Energas GmbH, heute: „Auch der Fachkräftemangel nimmt uns die Standortvorteile.“
Die Lösungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Qualifizierte Zuwanderung und die Geflüchteten schneller in Arbeit bringen. Noch immer ist es sehr kompliziert, Menschen aus Nicht-EU-Ländern in Unternehmen einzustellen. Weitere Hebel wären laut Jasna Rezo Flanze, Leiterin  Qualifizierungsberatung der IHK Köln, Frauen durch eine funktionierende Kinderbetreuung mehr Vollzeittätigkeiten zu ermöglichen und auch älteren Menschen finanziell lohnende Möglichkeiten der Weiterarbeit zu eröffnen: „Die Politik kann noch viel dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern“.

3. Kaputte Infrastruktur

Unsere Infrastruktur ist über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Ob Straßen, Schienen, Brücken, Wasserstraßen, ob regional oder Fernverkehr – alles ist marode und heutigen Anforderungen nicht gewachsen.
Besonders gebeutelt ist der Schwerlastverkehr. Bei der in Wiehl ansässigen Kampf GmbH, einem der weltweit größten Hersteller von Schneid- und Wickelmaschinen, hat man die aktuelle Problemlage in einem mehrseitigen Schreiben an das NRW-Wirtschaftsministerium detailliert aufgedröselt. Die Verschiffung ihrer Maschinen findet in Antwerpen und Rotterdam statt, der direkte Weg dorthin führt über die A4 und die A45.
Aufgrund maroder Brücken und anderer Probleme müssen Großraum- und Schwertransporte allerdings über eine Ausweichstrecke abgewickelt werden, was unter anderem zusätzliche Begleitfahrzeuge und eine Übernachtung erforderlich macht. Für den Transport des größten Maschinenteils verdoppeln sich dadurch die Kosten, der voraussichtliche finanzielle Mehraufwand pro Jahr insgesamt: 240.000 Euro. Geschäftsführerin Rike Svea Johnsen: „Unser Standort in Wiehl ist von funktionierenden Verkehrswegen abhängig. Wir erwarten, dass die notwendigen Investitionen noch zügiger in die Umsetzung kommen.“
Zuletzt wurde vom Bundestag im Oktober 2023 ein Maßnahmenpaket zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren im Verkehrsbereich beschlossen. Unter anderem sollen Ersatzneubauten bei Brückenbauwerken der Bundesfernstraßen erheblich schneller geplant und einfacher genehmigt werden. Messbare Erfolge bei den Projekten in der Region stehen aber noch aus. Und die wären dringend notwendig, um das Vertrauen der Industrie in den Standort zu stärken.

4. Bürokratie ohne Ende

Das Thema, das in allen Unternehmen das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt, ist die überbordende Bürokratie. Dr. Michael Metten, Geschäftsführer der METTEN Stein+Design GmbH & Co., sieht in der Entbürokratisierung sogar einen entscheidenden Faktor, um die politische Stabilität zu erhalten: „Aktuell existieren politische Initiativen, um Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Das ist richtig und wichtig. Aber: Wir brauchen einen Kulturwechsel. Wir brauchen schnellere Verfahren UND vor allem deutlich weniger Regulierung und Genehmigungen. Die aktuellen Auflagen können nicht mehr erfüllt werden. Dafür fehlt Personal, sowohl in den Unternehmen als auch in den Behörden. Gefühlt geht nichts mehr und die Unzufriedenheit steigt. Die Entbürokratisierung ist mittlerweile ein aktiver Beitrag zur politischen Stabilität. Weniger Genehmigungen bedeuten im Umkehrschluss mehr Verantwortung bei den Unternehmen. Wir sind bereit, diese Verantwortung zu tragen.“
Daniel Springmann von ATLAS COPCO Energas GmbH sagt: „Als Turbomaschinen-Hersteller beobachten wir mit wachsender Sorge, dass unsere hiesigen Prozessindustrie-Kunden den Wirtschaftsstandort Deutschland zunehmend in Frage stellen. Im Sondermaschinenbau leiden wir zwar auch unter den gestiegenen Energiepreisen; mit dem bereits erwähnten Fachkräftemangel nimmt uns überzogene Bürokratie jedoch in noch stärkerem Maße die Standortvorteile. Mittelfristig stellt sich unter diesen Rahmenbedingungen für eine Produkt-
Gesellschaft innerhalb eines international agierenden Investitionsgüterherstellers immer stärker die Frage, ob sich Investitionen am Standort rechtfertigen lassen.“
Eher düster sieht auch Andreas Huf, Geschäftsführer der DWK Drahtwerke Köln GmbH, in die Zukunft: „Wettbewerb ist für uns kein Problem; unfaire Rahmenbedingungen in Deutschland gegenüber der internationalen Konkurrenz jedoch sind tödlich. Überbordende Bürokratie mit ihren Verpflichtungen für produzierende Unternehmen und stetig wachsende Finanzierungskosten für die deutsche Energie- und Sozialpolitik werden die mittelständische Industrie kurzfristig vertreiben oder zur Aufgabe zwingen.“
Rike Svea Johnsen von der Kampf GmbH bestätigt diese Sorgen: „Wir profitieren aktuell noch sehr von den Auftragseingängen der letzten Jahre. Aber wir sehen, dass sich unser starkes Exportgeschäft deutlich abschwächt und die Kostenentwicklung in Deutschland uns zunehmend vor Herausforderungen im internationalen Wettbewerb stellt.“

Politik ist gefordert

Die Sorgen der Unternehmen sind unüberhörbar. In der Politik liegen die Hebel, um den Industriestandort NRW weiter am Leben zu erhalten. Dafür setzt sich die IHK Köln als starke Stimme der Unternehmen auch überregional ein. Kristel Degener: „Die Zukunft der Industrie geht uns alle an. Der Wohlstand unserer Region hängt daran: an den Arbeitsplätzen, an der Wertschöpfung, auch an den Gewerbesteuereinnahmen. Wenn wir die Industrie in NRW halten wollen, muss die Politik jetzt handeln: Mit sicherer und bezahlbarer Energie, mit Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, einer funktionierenden Infrastruktur und vor allem weniger Bürokratie!“

Industrie in Zahlen
Im Bezirk der IHK Köln zählen 5.481 Mitgliedsunternehmen zum verarbeitenden Gewerbe. Sie beschäftigen insgesamt mehr als 137.000 Menschen. Der Umsatz 2021 in Millionen Euro: 78.782. Umsatzstärkste Branche: die chemische Industrie, für die in der Region Köln auch die meisten Industrie-Mitarbeitenden tätig sind: mehr als 22.200.
In Nordrhein-Westfalen erwirtschaftete die Industrie 2022 einen Umsatz von 411 Milliarden Euro. Der Inlandsumsatz betrug 227,7 Milliarden Euro, der Auslandsumsatz 183,3. Die Exportquote der Industrie: 44,6. Insgesamt beschäftigten Industrie-Unternehmen in NRW mehr als 1.200.000 Menschen (Stichtag: 30. September 2022).
Der deutschlandweite Umsatz des verarbeitenden Gewerbes 2021 in Milliarden Euro: 2.497.768. Anzahl der Beschäftigten: 7.970.889.
Ausführliche Statistiken finden Sie auf der Seite des Statistischen Bundesamtes.

Kontakt

Dr. Kristel Degener
Leiterin Wirtschaft und Politik