IHKplus 5.2023

Azubi-Recruiting digital

Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Unternehmen müssen neue Wege einschlagen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Wie das mithilfe von Social Media gelingen kann, zeigen zwei Unternehmen.
Text: Sina Hoffmann
Die Firma Suer Nutzfahrzeugtechnik GmbH & Co. KG aus Wermelskirchen hat in diesem Jahr acht neue Azubis eingestellt. Damit gehört der Fahrzeugbauer zu den wenigen Unternehmen, die keine Probleme bei der Nachwuchssuche haben.
Der Erfolg hat System: nicht nur, dass die Suer-Azubis als Ausbildungsbotschafter und -botschafterinnen auf Messen und in Schulen unterwegs sind. Auch auf den Social-Media-Plattformen stellen Mitarbeitende den Ausbildungsalltag vor und informieren über offene Stellen und Veranstaltungen. Für Klick-Garantie sorgen die Büro-Hunde „Peanut“ und „Elmo“.

Ausbildungsmarketing ohne Strategie

8.017 Ausbildungsverträge wurden bis Ende September 2023 im gesamten Bezirk der IHK Köln unterzeichnet – ein Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch konnten laut Studie „Azubi-Recruiting-Trends 2023“ 58 Prozent der Unternehmen ihre ausgeschriebenen Ausbildungsstellen nicht besetzen.
TikTok ist bei den unter 25-Jährigen im Trend und bietet mit 19,5 Millionen Usern pro Monat eine große Reichweite. Kostenlose Videobeiträge mit einer optimalen Länge von 21 bis 34 Sekunden haben das Potenzial, auch ohne viele Follower viral zu gehen. Der Nachteil: Das Erstellen kreativer Inhalte, die auch informativ sind, kostet viel Zeit und erfordert Kenntnisse in der Ansprache der Zielgruppe.
Zwar nutzen bereits 79 Prozent auch die sozialen Medien, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Doch nur im Nebel stochern bringt nichts. „Es kommt darauf an, authentische Inhalte zielgruppengerecht auf der richtigen Plattform zu platzieren“, sagt Tilman Liebert, Ausbildungsscout der IHK Köln.
Instagram verzeichnet 27 Millionen User – im Durchschnitt sind diese jung und weiblich. Es können verschiedene Arten von Content, wie Fotos mit Text, Umfragen, GIFs oder Videos in Beiträgen und Storys, gepostet werden. Nischenthemen, wie ungewöhnliche Berufe, lassen sich hier gut positionieren. Der Algorithmus spielt eine wichtige Rolle, daher sollte mindestens zwei bis dreimal pro Woche gepostet werden. Eine Verknüpfung zum Bewerbungsformular ist nur mit kostenpflichtigem Profil möglich.

Der Mix macht’s

Suer Fahrzeugtechnik macht es richtig. Auf Facebook, Instagram, TikTok und YouTube bekommen Bewerbende Einblicke in den Unternehmensalltag, sehen ausgeschriebene Stellen und können Teamevents verfolgen. Beim Erstellen der Beiträge sei jedoch Fingerspitzengefühl gefragt, um den Mittelweg zwischen unterhaltsam und seriös zu finden, erklärt Ausbildungsleiterin Ricarda Bartsch. Zudem sei das Erstellen von Content – vor allem für TikTok – zeitaufwendig und komme bei hoher Auslastung der Mitarbeitenden auch mal zu kurz.
Tanzen ist nicht der Weisheit letzter Schluss
Denn einfach einen der berühmten TikTok-Tänze aufzuführen, reicht nicht aus. „Den Jugendlichen geht es ja darum, dass sie sich Informationen beschaffen wollen, dies muss spannend aufbereitet sein. Tanzen ist da nicht der Weisheit letzter Schluss“, erklärt auch Felicia Ullrich, Ausbildungsexpertin und Geschäftsführerin von u-form Testsysteme GmbH & Co. KG.
Facebook ist das meistgenutzte soziale Netzwerk der Welt und hat 32 Millionen User in Deutschland. Die Gen Z ist hier nicht aktiv. Trotzdem kann Facebook ein guter Kanal sein, um die Eltern der Zielgruppe zu erreichen, die bei der Ausbildungswahl oft mitreden.

Schnelle Prozesse sind das A und O

Auf einen anderen Kanal setzt die Rewe Richrath Supermärkte GmbH + Co. OHG. Seit Juli können sich Interessierte per WhatsApp-Nachricht beim Bergheimer Unternehmen melden. „Wir haben innerhalb von zwei Wochen schon einige Bewerbungen erhalten“, zeigt sich Personalleiterin Kristina Stark zufrieden. Der Prozess ist auf diesem Weg deutlich einfacher und schneller.
WhatsApp wird von 60 Millionen Deutschen und 93 Prozent der Gen Z täglich genutzt. Die Kommunikation ist unkompliziert und schnell. Der Kanal gehört für viele aber eher in den privaten Bereich, die berufliche Nutzung wird deshalb kontrovers diskutiert. Für bestimmte Zielgruppen kann WhatsApp der richtige Kanal sein, um Interessierten einen niederschwelligen Bewerbungsprozess zu ermöglichen.
„Bei klassischen Bewerbungen telefoniere ich den Leuten mehrmals hinterher, weil noch Infos fehlen – und oft reagieren sie nicht.“ Bei WhatsApp sei das die Ausnahme, die Angesprochenen antworten meist prompt. Expertin Ullrich sagt: „Für Rewe Richrath eignet sich der Kanal, um die Zielgruppe mit einem niederschwelligen Angebot zu erreichen.“
YouTube nutzen 71 Millionen Deutsche. Die Video-Plattform eignet sich, um einen tieferen und umfangreicheren Einblick in Ausbildungsberufe zu geben. Videos können auch auf der Karriereseite eingebettet werden. Dreh und Schnitt können (zeit-)aufwendig sein und benötigen personelle Ressourcen.
Auch auf der Karriereseite von Rewe Richrath geht es um Geschwindigkeit und Einfachheit: Die Bewerbung dauert nur zwei Minuten: Kontaktdaten und einige wenige persönliche Daten angeben, Lebenslauf und Zeugnisse hochladen – fertig. „Wir wollen die Hemmschwelle für den ersten Kontakt so gering wie möglich halten. Aufwendige Bewerbungsmappen mit Anschreiben sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Stark.
LinkedIn und Xing werden von Azubis kaum genutzt und spielen bei der Ausbildungssuche keine Rolle. Dennoch sollten Unternehmen hier aussagekräftige Unternehmensseiten haben. Das hilft bei der Mitarbeitendenbindung und Mitarbeitergewinnung.

IHK-Veranstaltungstipp

Die IHK Köln bietet neben Beratungen zu Karriereseite und Social Media auch Info-Webinare und Meetups zum Thema Azubi-Recruiting.