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Mehr Erlebnisse wagen
Geschäftsschließungen und Leerstände prägen vielerorts das Bild der Innenstädte. Der Einzelhandel schrumpft deutschlandweit. Trotzdem lassen sich Menschen zum Innenstadtbummel bewegen – und auch der Einzelhandel kann dazu beitragen.
Autor: Lothar Schmitz
Die Nachrichtenlage rund um den Einzelhandel ist nicht gut. Ende Mai veröffentlichten die Creditreform Wirtschaftsforschung und das Handelsblatt Research Institute eine gemeinsame Analyse. Demnach zählt der Einzelhandel zu den am stärksten schrumpfenden Wirtschaftsbereichen in Deutschland. Die Zahl der Betriebe sank zwischen 2010 und 2025 um rund 16 Prozent auf 316.310. Laut Handelsverband Deutschland könnten es Ende 2026 sogar unter 300.000 sein.
Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte verschwinden zunehmend. „Besonders in den Innenstädten wird dieser Wandel sichtbar: Fachgeschäfte schließen, Leerstände nehmen zu und die Vielfalt des stationären Handels geht verloren“, kommentierte Patrick-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Ende Mai die Entwicklung.
Innenstädte brauchen neue Anziehungspunkte: Wer sie beleben will, muss mehr bieten als Warenverfügbarkeit – gefragt sind Erlebnis, persönliche Beratung und Orte, an denen Menschen gerne verweilen.
Schlecht ist das für beide: den Einzelhandel und die Innenstädte. Denn sie sind eng miteinander verflochten. In den „Grundsatzpositionen zu Handel, Stadt- und Regionalentwicklung“ der IHK Koblenz heißt es: „Für die Multifunktionalität einer lebendigen Innenstadt bedarf es neben Gastronomie, Dienstleistungen, Verwaltungs-, Freizeit- und Kultureinrichtungen insbesondere eines wettbewerbsfähigen und attraktiven innerstädtischen Handels.“
Umgekehrt gilt: „Wo Geschäfte verschwinden, gehen oft auch Aufenthaltsqualität, Begegnung und Identität verloren“, betont IHK-Vizepräsidentin und Einzelhändlerin Hildegard Kaefer im Interview mit dem IHK-Journal (siehe S. 13).
Weniger Bedarfsdeckung, mehr Erlebnis
Trotzdem lässt sich feststellen, dass Menschen weiterhin gerne in die Innenstädte kommen. „Davon kann auch der Einzelhandel profitieren“, sagt etwa Professor Dr. Jörg Funder, geschäftsführender Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement in Mainz, „nämlich wenn er sich wandelt: weg von der reinen Bedarfsdeckung und hin zu Erlebnisorientierung.“
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„Ein Einkaufsbummel und ein Innenstadtbesuch sind auch eine Form von sozialem Miteinander und wegen dieses Miteinanders kommen Menschen in die Innenstädte.“
Professor Dr. Jörg Funder, Institut für Internationales Handels- und Distributionsmanagement, Mainz
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Es gehe verstärkt um Beratung, Inszenierung von Waren, Erlebnisse, Aufenthaltsqualität im Laden und möglichst enge Beziehungen zu Kundengruppen. „Ein Einkaufsbummel und ein Innenstadtbesuch sind auch eine Form von sozialem Miteinander“, sagt der Handelsexperte, „und wegen dieses Miteinanders kommen Menschen in die Innenstädte.“
Professor Dr. Andreas Hesse pflichtet dem bei. „Wir sehen eine langfristige Veränderung des Konsumverhaltens und nachlassende Frequenzen“, sagt der Marketingexperte der Hochschule Koblenz. „Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten – aber verlangsamen.“ Am 13. August wird er beim diesjährigen IHK-Branchenforum Handel sprechen. Sein Thema: „Ein bisschen mehr Vibe für die Innenstadt.“
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'"Wir sehen eine langfristige Veränderung des Konsumverhaltens und nachlassende Frequenzen. Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten – aber verlangsamen.“
Professor Dr. Andreas Hesse, Hochschule Koblenz
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"Dieser Vibe ist möglich“, betont Hesse, „wir sehen das zum Beispiel in Andernach mit dem ‚First Friday‘.“ Diese prämierte Eventreihe an jedem ersten Freitag im Monat ziehe sehr viele Menschen in die Innenstadt, auch von außerhalb, und ist laut Hesse bisher bundesweit einzigartig. Auch der „Schöne lange Donnerstag“ in Mayen, der vier Mal jährlich stattfindet, sei ein Positivbeispiel.
„Wenn der Innenstadtbesuch zum Event wird, zieht das neue Zielgruppen an“, stellt der Wissenschaftler bei Befragungen regelmäßig fest. Der stationäre Handel könne, ebenso wie andere Innenstadtakteure, aktiv dazu beitragen, den Rückgang der Kundenfrequenzen deutlich abzumildern.
„Es geht“, betont Hesse, „aber es geht nur mit Veränderung.“ Und: gemeinsam. Nicht umsonst nennt sich eine Initiative aus Einzelhandel und Gastronomie in Mayen „geMYnsam – Die INNENSTADTmacher“. „In dem Namen steckt alles drin, worauf es heute ankommt“, sagt Sven Klein, Handelsexperte der IHK Koblenz, „nämlich Innenstadt gemeinsam gestalten und dabei die Region authentisch mitdenken.“
Einzelhandelsbetriebe in Deutschland: 2010 - 2025: - 16 %
IHK-Branchenforum Handel
Das IHK-Branchenforum Handel ist seit mehr als zehn Jahren die zentrale jährliche Netzwerk- und Informationsveranstaltung der IHK Koblenz für Händlerinnen und Händler aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz. Es bietet Raum für den Austausch über neue Konzepte, innovative Strategien für attraktive Innenstädte und die Zukunft des Einzelhandels. An der zwölften Ausgabe im August 2025 nahmen fast 300 Gäste teil. Das 13. Branchenforum Handel findet am 13. August in der Rhein-Mosel-Halle Koblenz statt. Den Impulsvortrag hält Professor Dr. Andreas Hesse von der Hochschule Koblenz. Sein Thema: „Ein bisschen mehr Vibe für die Innenstadt“.
Drei Fragen an Hildegard Kaefer
Hildegard Kaefer ist Vizepräsidentin der IHK Koblenz, Vorsitzende des IHK-Handelsausschusses, Geschäftsführende Gesellschafterin der Kaefer GmbH & Co. KG in Sohren und seit Februar 2026 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.
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Hildegard Kaefer ist Vizepräsidentin der IHK Koblenz, Vorsitzende des IHK-Handelsausschusses, Geschäftsführende Gesellschafterin der Kaefer GmbH & Co. KG in Sohren und seit Februar 2026 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. |
Sie betreiben seit vielen Jahren ein Einzelhandelsgeschäft, erzielen aber auch einen erheblichen Anteil Ihres Umsatzes online. Wie wichtig ist heute noch das Ladenlokal für Sie?
Das Ladenlokal ist für uns nach wie vor von zentraler Bedeutung – wirtschaftlich, aber vor allem auch emotional und gesellschaftlich. Unser Geschäft ist weit mehr als ein Verkaufsort. Es ist ein Ort der Begegnung, der persönlichen Beratung und des Vertrauens. Gerade bei hochwertigen Produkten möchten viele Kundinnen und Kunden die Produkte erleben, anfassen und sich inspirieren lassen. Der Onlinehandel ist für uns eine wichtige Ergänzung und bietet zusätzliche Reichweite. Aber unsere stationäre Präsenz ist und bleibt das Herz unseres Unternehmens. Viele unserer Onlinekunden lernen uns zunächst über das Geschäft in Sohren kennen oder umgekehrt. Beides gehört heute zusammen.
Wie lässt sich in Zeiten des boomenden Onlinehandels, sinkender Kundenfrequenzen und abnehmender Innenstadt-Attraktivität noch erfolgreich stationärer Einzelhandel betreiben? Braucht es überhaupt noch Einzelhandel in der City?
Ja, mehr denn je. Einzelhandel ist ein wesentlicher Bestandteil lebendiger Innenstädte und Ortskerne. Wo Geschäfte verschwinden, gehen oft auch Aufenthaltsqualität, Begegnung und Identität verloren. Allerdings muss erfolgreicher stationärer Handel heute mehr bieten als reine Warenverfügbarkeit. Kunden erwarten Erlebnis, Service, Persönlichkeit und Authentizität. Gerade inhabergeführte Fachgeschäfte haben hier große Chancen, weil sie individuelle Beratung, besondere Sortimente und echte Kundennähe bieten können – etwas, das kein Algorithmus ersetzen kann. Umgekehrt braucht der Handel jedoch verlässliche Rahmenbedingungen wie gute Erreichbarkeit, attraktive Ortszentren, weniger Bürokratie und eine stärkere Wertschätzung für lokale Unternehmen. Der Wettbewerb mit internationalen Onlineplattformen ist enorm. Umso wichtiger ist es, die Stärken des stationären Handels sichtbar zu machen.
Was kann Einzelhandel heute zu einer lebendigen Innenstadt beitragen – und was muss sich in Innenstädten ändern, damit der Einzelhandel Zukunft hat?
Der Einzelhandel bringt Leben in die Innenstädte. Geschäfte schaffen Frequenz, Arbeitsplätze, soziale Kontakte und Identifikation mit dem eigenen Ort. Wer durch eine attraktive Innenstadt bummelt, besucht oft auch Gastronomie, Wochenmärkte oder kulturelle Angebote. Handel ist deshalb weit mehr als Wirtschaft – er ist ein Stück Lebensqualität. Damit Innenstädte Zukunft haben, müssen sie wieder stärker als Aufenthaltsorte gedacht werden. Menschen kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern wegen Atmosphäre, Begegnung und Erlebnis. Dafür braucht es attraktive öffentliche Räume, gute Erreichbarkeit, Veranstaltungen, Sicherheit und ausgewogenes Zusammenspiel von Handel, Gastronomie, Dienstleistungen und Kultur. Ich bin überzeugt: Die Zukunft der Innenstädte liegt nicht im Gegeneinander von online und stationär, sondern in intelligenten Verbindungen und in der konsequenten Stärkung regionaler Identität. „Heimat shoppen“ ist dafür ein sehr gutes Beispiel.
Kontakt
Sven Klein
Handel (Geschäftsbereich Unternehmensservice)