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Wiederverwertung wagen
Verpackungen, Bauschutt, Wegwerfware – Tag für Tag fallen riesige Mengen Abfall an. Wobei „Abfall“ oft der falsche Begriff ist: Viele dieser Stoffe sind wertvolle Ressourcen, die sich aufbereiten und erneut nutzen lassen. Vier regionale Unternehmen zeigen, wie viel Potenzial in diesen Materialströmen steckt.
Autor: Lothar Schmitz
In Deutschland fielen 2023 rund 380 Millionen Tonnen Abfall an. Eine Zahl, die zeigt, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen ist. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) regelt zwar die richtige Trennung und Entsorgung, doch echte Kreislaufwirtschaft beginnt erst danach: dort, wo Unternehmen Materialien im Kreislauf halten, Stoffströme optimieren oder Rohstoffe wieder in die Produktion zurückführen. Wie das gelingt, zeigen Unternehmen aus dem IHK-Bezirk Koblenz: Sie recyceln Kunststoffe, gewinnen Gips zurück, verbessern PET-Kreisläufe oder stellen Baustoffe aus recyceltem Material her. Vier Beispiele, die deutlich machen, dass Kreisläufe weit über die reine Entsorgung hinausgehen.
Ein Werkstoff aus 100 Prozent Kunststoff-Rezyklat
Mischkunststoffe und Folien spielen eine zentrale Rolle im Geschäftsmodell der Hahn Kunststoffe GmbH am Flughafen Hahn. Seit über 30 Jahren widmet sich die Hahn-Gruppe der werkstofflichen Verwertung von Verpackungsstoffen. Im Jahr 2026 wird Hahn rund 90.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus den Dualen Systemen recyceln. Daraus entstehen 65.000 Tonnen „hanit“ – so nennt die Unternehmensgruppe ihren Werkstoff, der zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff besteht.
Kreislaufwirtschaft in Form gebracht: Hahn fertigt aus recyceltem Kunststoff unter anderem Pfosten, Bauprofile und weitere Industrieprodukte wie dieses Gitterrostbodensystem.
Vorsortiert nach Folien- und Mischkunststoffen, kommt der Kunststoffabfall in Form gepresster Ballen ins Unternehmen. Dort werden die Abfälle gereinigt, aufbereitet und zu einem neuen Werkstoff verarbeitet. Aus diesem Recycling-Werkstoff fertigt das Unternehmen rund 2.000 unterschiedliche Produkte: von Beeteinfassungen und Koppelzäunen bis hin zu technischen Produkten für die Industrie. Dazu zählen etwa Bauprofile, Kabelrinnen und Gitterrostböden. Neben Standardprodukten bietet Hahn auch industrielle Systemlösungen und Sonderanfertigungen an.
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| Christian Schorr, Geschäftsführer Hahn Kunststoffe GmbH, Hahn | |
Der Werkstoff bietet gleich mehrere Vorteile: „Er eignet sich für langlebige Anwendungen und wird in vielen Bereichen als witterungsbeständige und pflegearme Alternative zu klassischen Materialien eingesetzt“, sagt Schorr. Trotzdem gibt es Herausforderungen. „Die Sortierqualität lässt bedenklich nach“, beklagt Schorr. Insbesondere in Privathaushalten würden viele Fehlwürfe in den Gelben Sack gelangen. „Hier sind die Kommunen und Entsorgungsunternehmen mit Aufklärungsarbeit gefragt.“ Zugleich erhöhen Fehlwürfe wie falsch entsorgte Lithium-Ionen-Akkus das Risiko für Sortieranlagen; sie erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und erhöhen die Produktionskosten. „Das verzerrt den Wettbewerb zwischen Recycling- und Neu-Kunststoff“, ärgert sich der Geschäftsführer, „hier besteht Handlungsbedarf auf politischer Ebene.“
Die “Kümmerer” aus Plaidt
Das Thema der richtigen Sortierung treibt auch Wolfgang Beth um. Er ist Geschäftsführer der Remondis Mittelrhein GmbH in Plaidt. Das Unternehmen ist mit vier Standorten Entsorgungsdienstleister in Koblenz und den umliegenden Landkreisen und Teil der bundesweiten Remondis-Gruppe. Es steht am Anfang der Entsorgungs- und Verwertungskette und sammelt Abfälle bei Industrie- und Gewerbekunden ein. Aber nicht nur: „Wir fungieren in den vergangenen Jahren immer stärker als Kümmerer für unsere Kunden“, sagt Beth. Dazu gehört auch Beratung, denn am Anfang steht nicht die Entsorgung, sondern das passende Konzept dafür. Richtiges Trennen und Sortieren spielen dabei eine zentrale Rolle.
Damit Gips im Kreislauf bleibt: In der Anlage der Remondis Südwest werden getrennt erfasste Gipskartonplatten zu Recycling-Gips aufbereitet.
„Wir stellen fest, dass sich gerade kleinere Unternehmen immer wieder schwer damit tun, was eigentlich der beste Weg in Abfallfragen ist“, beobachtet Beth. „Unser Ansporn ist es deshalb, sie nicht nur beim richtigen Umgang mit den unterschiedlichen Materialien zu beraten, sondern auch die Wege für eine bestmögliche Verwertung zu kennen.“ Zum Beispiel bei der Verwertung von Gipskartonplatten. „Gips ist in der Bauindustrie ein wichtiges Material, wird aber knapp“, weiß Beth, „deshalb wird das Gipsrecycling immer wichtiger, zumal man den Rohstoff immer und immer wieder verwenden kann.“
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| Wolfgang Beth, Geschäftsführer Remondis Mittelrhein GmbH, Plaidt | |
Allerdings müssen die Gipskartonplatten unbedingt getrennt gesammelt werden. Gelangen sie in den Bauschutt und werden zerkleinert, lässt sich der Gips später nur schwer zurückgewinnen. Ein Großteil Altgips landet in Deutschland auf Deponien. „Das muss nicht sein“, stellt Beth klar. Sein Unternehmen informiert die Kunden deshalb entsprechend, sammelt getrennt erfasste Gipskartonplatten ein und bringt sie nach Zweibrücken. Dort betreibt Remondis Südwest eine Gipsaufbereitungsanlage, in der hochwertiger Recycling-Gips hergestellt wird. „Umfassendes Gipsrecycling kann in erheblichem Maße dazu beitragen, die CO2- und Landesabfallbilanzen zu verbessern und Deponieraum für nicht verwertbare Stoffe freizuhalten“, wirbt Beth für das Verfahren.
Steigende Rezyklat-Quote bei Hochwald Sprudel
Mineralwasser ist beliebt in Deutschland. 2024 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Mineral- und Heilwasser nach Angaben des Verbands Deutscher Mineralbrunnen bei rund 125 Litern. Ein wichtiger regionaler Anbieter ist Hochwald Sprudel mit Sitz in Schwollen im Hunsrück. Mit zwei Abfüllwerken in Schwollen und einem in Thalfang produziert das Unternehmen rund 330 Millionen Flaschenfüllungen pro Jahr. Ein Drittel wird in Mehrweg-Glasflaschen abgefüllt, zwei Drittel in PET-Flaschen. Das Unternehmen verkauft seine Produkte unter dem Markennamen „Hochwald Sprudel“, übernimmt aber auch Lohnabfüllungen für Eigenmarken von Drogerieketten und Discountern.
Stephan Hey, Umweltmanagementbeauftragter von Hochwald Sprudel (links), und Prof. Dr. Klaus Helling vor der neuen Glasflaschenreinigungsanlage.
Technisch gesehen kann eine PET-Mineralwasserflasche inzwischen aus bis zu 100 Prozent Recyclingmaterial bestehen. Beim PET-Kreislauf ist das Unternehmen bereits weit gekommen. Über das Pfandsystem zurückgeführte PET-Flaschen werden im Unternehmen verpresst und gehen als PET-Bündel an einen Aufbereitungsbetrieb. Das dort entstehende Granulat geht an einen Betrieb, der sogenannte Preforms herstellt, die aus recyceltem PET oder einer Mischung aus Rezyklat und Neu-Kunststoff bestehen können. Hochwald Sprudel kauft diese Preforms und bläst sie in einer eigenen Anlage zu PET-Flaschen auf. Mit Mineralwasser gefüllt, gehen sie dann erneut in den Kreislauf.
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| Prof. Dr. Klaus Helling, Umwelt-Campus Birkenfeld | |
Diese Abläufe sind Teil eines umfassenden Umwelt- und Energiemanagements, das das Unternehmen gemeinsam mit dem Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier 2013 aufgesetzt und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt hat. „Dabei konnten wir zum Beispiel die Rezyklatquote stark steigern, Abfälle reduzieren und den Energieverbrauch deutlich senken“, sagt Prof. Dr. Klaus Helling, Gründungsmitglied und Direktor im Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier. Ein weiterer Meilenstein folgte 2024: In einem seiner Werke nahm das Unternehmen eine neue Reinigungsanlage für die Glas-Mehrwegflaschen in Betrieb. „Sie verbraucht 50 Prozent weniger Wasser und Wärme pro Flasche als der Vorgänger, darüber hinaus wird durch die Laugenaufbereitung auch weniger Reinigungsmittel gebraucht“, sagt Stephan Hey, Umweltmanagementbeauftragter von Hochwald Sprudel. „Unser Ziel ist es, den Ressourcenverbrauch in jeder Hinsicht zu reduzieren, das schont Umwelt und Klima und rechnet sich auch betriebswirtschaftlich“, betont Susanne Footh, Mitglied der Geschäftsführung. Entscheidende Impulse kämen dabei auch immer wieder von Helling und seinem Team. „Es ist gut, einen solchen Kooperationspartner hier in der Nähe zu wissen.“
Mit langem Atem zur 100-Prozent-Kreislaufwirtschaft
„Als wir als Familie vor über acht Jahrzehnten in der Baubranche starteten, hätten wir uns nie träumen lassen, dass wir einmal über 100-prozentige Kreislaufwirtschaft sprechen würden“, heißt es auf der Website der Wahl Firmengruppe mit Hauptsitz in Remagen. Die Kernkompetenzen des Familienunternehmens liegen bei Abbruch und Tiefbau. Bei einem Abbruch wird ein Gebäude selektiv zurückgebaut; übrig bleibt ein Betonskelett.
Vom Rückbau zum Rohstoff: Beim selektiven Rückbau gewinnt die Wahl Firmengruppe wertvolle Materialien zurück und führt sie erneut in den Materialkreislauf.
Das Unternehmen zerkleinert das Material auf der Baustelle in transportable Größen, trennt Stahl und Beton und bringt den Beton in eigene Brecheranlagen in der Region. Aus dem gebrochenen und aufbereiteten Material wird in einem anderen Werk RC-Beton, also Recyclingbeton erzeugt. Diesen setzt Wahl zum Beispiel selbst im Straßenbau ein, verkauft ihn aber auch an andere Abnehmer.
Auf dem Weg zur 100-Prozent-Kreislaufwirtschaft stößt aber auch die Wahl Firmengruppe an Grenzen. „Die öffentliche Hand propagiert gerne nachhaltiges Bauen“, sagt Frank Kramer, Konzernmanager Umwelt & Verwertung. Das gehe aber nur mit RC-Beton und anderen recycelten Baumaterialien. Deren Herstellung sei teils noch teurer als die von neuem Beton, „deshalb muss das Ausschreibungswesen dringend reformiert werden“, sagt Kramer. „Nach wie vor bekommt immer noch viel zu oft dasjenige Unternehmen den Zuschlag, das am billigsten anbietet, statt dass derjenige bevorzugt wird, der Nachhaltigkeit gewährleistet.“
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| Jürgen Ritter, Unternehmenssprecher Wahl Firmengruppe, Remagen | |
An ihrem Ziel der Materialrückgewinnung und eines möglichst geschlossenen Kreislaufs hält die Unternehmensgruppe dennoch fest. „Die Gesellschafter haben eine klare Vision“, betont Ritter, „und das Gute an einem traditionsreichen Familienunternehmen ist: Wir haben auch einen langen Atem.“
Der Zukunftsrat Nachhaltige Entwicklung Rheinland-Pfalz ist ein unabhängiges Gremium für Fragen der nachhaltigen Entwicklung. Anfang 2026 hat er eine Stellungnahme zur Kreislaufwirtschaft vorgelegt. Den vollständigen Text können Sie hier nachlesen.
Kontakt
Andrea Romacho
Umwelt und Nachhaltigkeitsmanagement (Geschäftsbereich Unternehmensservice)