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Orden, Kostüme - und viel Wirtschaftskraft
In Koblenz und im nördlichen Rheinland-Pfalz spielt Karneval eine große Rolle. Die fünfte Jahreszeit hat hier Tradition – und ist ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Wir stellen beispielhaft vier Unternehmen aus dem IHK-Bezirk vor, die mehr oder weniger vom Karneval leben.
Autor: Lothar Schmitz
Während dieser Text entsteht, feiern in der Koblenzer Innenstadt und in vielen anderen Orten Tausende von Jecken den Start der diesjährigen Karnevalssession. Die „fünfte Jahreszeit“ hat begonnen. Sie ist geprägt vom Auftakt auf Plätzen und Straßen. Im Winter folgen der Sitzungskarneval und schließlich, in diesem Jahr im Februar, die vielen großen und kleinen Karnevalsumzüge mit Hunderttausenden von Beteiligten und Zuschauenden.
Dazwischen kaufen Menschen Kostüme und Schminke, feiern in Kneipen, geben Geld in Sitzungen aus. Karnevalsvereine bestellen Orden und statten ihre Tanzgruppen neu aus, gezahlt werden Gema-Gebühren, Gagen für Künstlerinnen und Künstler, Rechnungen von Security-Unternehmen.
Kurzum: Karneval ist Brauchtum – und ein immenser Wirtschaftsfaktor. Allein die offizielle Sessionseröffnung der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) kostet zwischen 80.000 und 90.000 Euro. Der Straßenkarneval in Koblenz generiert eine volkswirtschaftliche Nachfrage von rund 9,8 Millionen Euro, der Sitzungs- und der Kneipenkarneval sorgen für jeweils weitere 6,8 Millionen Euro. Macht zusammen ein gesamtwirtschaftliches Nachfragevolumen des Koblenzer Karnevals von 23,4 Millionen Euro. Die Beschäftigungseffekte belaufen sich auf 537 Personen in Vollzeitäquivalenten. Diese Zahlen stammen aus der Studie „Wirtschaftskraft des Karnevals – Die regionalökonomischen Effekte des Karnevals in Koblenz“, die Prof. Dr. Mark Sellenthin von der Hochschule Koblenz 2013 im Auftrag der AKK erstellt hat. Seitdem hat sich viel verändert, weshalb die Studie in dieser Session erneut durchgeführt wird. „In allen Bereichen sind die Kosten kräftig gestiegen“, sagt AKK-Präsident Andreas Münch, „wir gehen deshalb für 2025/26 von deutlich höheren Zahlen aus.“
„Das ganze Jahr Karneval“
Zahlreiche Unternehmen profitieren vom Karneval. In einigen Fällen ist das Geschäftsmodell sogar hauptsächlich oder in großen Teilen auf die fünfte Jahreszeit ausgerichtet. Bei der Festartikel Schlaudt GmbH in Koblenz zum Beispiel macht der Karneval den „Löwenanteil“ des Umsatzes aus, wie Mitgesellschafterin Brigitte Schlaudt erzählt. Ihr Schwiegervater Peter Schlaudt gründete das Unternehmen 1933 als Großhandel für Schausteller. 1969 zog es an den heutigen Standort in Lützel. In den 1970er-Jahren übernahm die zweite Generation mit Heinrich und Brigitte Schlaudt und baute das Karnevalsgeschäft auf und aus.
Der Vater von Brigitte Schlaudt gründete das Unternehmen 1933, heute macht der Karneval den größten Teil des Umsatzes der Schlaudt GmbH aus.
„Heute befassen wir uns praktisch das ganze Jahr mit Karneval“, sagt Brigitte Schlaudt, deren Tochter Sabine Schlaudt-Jungels das Unternehmen inzwischen in dritter Generation führt. Los geht es stets im Frühjahr mit den ersten Karnevalsgruppen, die sich für die kommende Session in Sachen Stoffe für Tanzkostüme beraten lassen. Die machen einen erheblichen Teil des Karnevalsumsatzes aus. Auch bei Tanzstiefeln ist Schlaudt gefragt – und bei Hüten, etwa für „Funkenmariechen“, die Schlaudt eigens fertigen lässt.
Zum Ende des Sommers steigt das Geschäft mit Gruppen an. Im Herbst kommen dann auch viele Privatleute – zunächst wegen Halloween, das längst auch ein wichtiger Umsatzträger ist, später dann wegen Karneval. Sie finden bei Schlaudt alles, was es fürs Brauchtum braucht, von Kostümen über Accessoires bis zur Schminke. „Wir sind Vollsortimenter“, sagt Schlaudt.
Das ist die eine Stärke, intensive Beratung die zweite. Außerdem hat sich das Unternehmen einen Namen für Raumdekoration gemacht – für Karnevalsfeiern, etwa in Firmen, ebenso wie für Nikolaus-, Weihnachts- und andere Feiern.
170.000 Orden und Ehrenabzeichen
Auch die HZG Hunsrücker Zinnwarenhandelsgesellschaft mbH mit Sitz in Krummenau, besser bekannt unter dem Markennamen Zinnhannes, hat sich in weiten Teilen dem Karneval verschrieben. Der „Zinnhannes“ war Hans-Jörg Schneider, der das Unternehmen 1969 gründete und zunächst Gebrauchs- und Ziergegenstände aus Zinn fertigte. Daraus entstand die Idee, Karnevalsorden zu produzieren. Mehr als 170.000 hochwertige Orden und Ehrenabzeichen verkauft Zinnhannes heute pro Jahr. Spezialität des Unternehmens sind individuelle Kreationen auch bei kleinen Stückzahlen.
Das Ehepaar Kerstin und Wolf Schneider führt die 1969 gegründete HZG Hunsrücker Zinnwarenhandelsgesellschaft in zweiter Generation.
Ähnlich wie bei Schlaudt beginnt auch bei Zinnhannes die Karnevalszeit bereits im März. Dann entstehen in der Grafikabteilung die ersten Entwürfe für die nächste Session. Die ersten Orden werden bereits ab Juni an die Karnevalsvereine ausgeliefert. Rund 800 Aufträge gehen jährlich ein, mal für ein paar Dutzend Orden, mal für 2.000. In der laufenden Saison gibt es prominente Kunden: Das Festkomitee Kölner Karneval, die Tollitäten-Paare in Lahnstein und Trier und die AKK beziehen ihre aktuellen Orden bei Zinnhannes.
Die Abläufe sind stets dieselben: „Wir entwerfen die Motive in Abstimmung mit den Kunden, stellen das notwendige Werkzeug her, schmelzen die Zinn- und Zinkbarren, die wir geliefert bekommen, fertigen daraus die Orden, lassen sie galvanisieren und bemalen und bedrucken sie dann“, erzählt Geschäftsführer und Gründersohn Wolf Schneider. Zinnhannes beschäftigt 17 Mitarbeitende sowie zusätzlich einige Saisonkräfte. Zudem werden die Orden in Heimarbeit von etwa einem Dutzend Personen bemalt. 2026 verlagert das Unternehmen seinen Sitz nach Simmern, dort hat es neu gebaut.
Krönchen, Kostüme, Karnevalsschmuck
Ein weiteres Unternehmen mit klarer Karnevalsausrichtung ist die Fritz Fries & Söhne GmbH & Co. KG in Idar-Oberstein. 1924 ging es noch ohne Alaaf und Helau los: als mechanische Werkstätte für Werkzeuge für die Schmuckindustrie. Karneval kam in den 1960-er Jahren auf die Agenda, zunächst mit selbst gefertigten Krönchen und Orden. Die Nachfrage stieg, also produzierte das Unternehmen immer mehr Karnevalsschmuck.
Andreas Heidrich führt die Fritz Fries & Söhne GmbH & Co. KG gemeinsam mit Gerd Horbach.
Heute ist das Unternehmen längst Komplettanbieter eines breit gefächerten Karnevalssortiments, das aus über 6.000 Artikeln besteht, darunter allein rund 500 Kostümmodelle. Die Designs und Schnitte für die Kostüme entstehen ebenfalls im Haus, außerdem die Rohmasse für Schminkstifte. Der mit Abstand wichtigste Verkaufskanal ist der Lebensmitteleinzelhandel. Bei Edeka, Rewe, Globus und anderen ist Fritz Fries & Söhne in der Session vertreten – und zwar auf Sonderverkaufsflächen, für die das Unternehmen Komplettlösungen anbietet, also nicht bloß die Ware liefert, sondern auch Warenträgersysteme. Und das nicht nur zur Karnevalssaison, die für 50 Prozent des Gesamtumsatzes steht.
Halloweenprodukte machen inzwischen 40 Prozent des Umsatzes aus.
„Weitere 40 Prozent erwirtschaften wir mit Produkten rund um Halloween, die übrigen zehn Prozent mit anderen feierfreudigen Anlässen, von der ‚Bayern-Gaudi‘ bis zu Nikolaus und Silvester“, berichtet Andreas Heidrich, der die Geschäfte gemeinsam mit Gerd Horbach führt, Ehemann der Gründerenkelin. Die Produktions-, Lager- und Bürofläche am Firmensitz umfasst über 64.000 Quadratmeter, 170 Beschäftigte sind hier aktiv. Tochterfirmen gibt es in der Slowakei und Tunesien, zudem lässt das Unternehmen in China produzieren.
Vom Ohrring bis zum schicken Piratenmantel
Von Spielwaren und Radsport bis zu Öfen oder Eisen- und Haushaltswaren – zur Meinhardt GmbH in Sohren gehören gleich mehrere Fachgeschäfte.
Äußerst vielseitig präsentiert sich auch die Meinhardt GmbH in Sohren. Eine Tankstelle mitten im Ort, ein Spielwarengeschäft, Eisenwaren und Schlüsselservice, Blumenerde und Fahrräder sowie Kamin- und Pelletöfen samt Service – das alles bietet das vor über 130 Jahren von der Urgroßmutter der heutigen Geschäftsführerin Gabriele Ishak gegründete Unternehmen. Und nicht zu vergessen: Karnevalsartikel. „Das hat sich vor rund 75 Jahren aus den Spielwaren entwickelt“, erzählt Ishak.
Geschäftsführerin Gabriele Ishak und ihr Bruder Thomas Meinhardt.
Das ganze Jahr über findet die Kundschaft bei Meinhardt für Karneval ein kleines, dazu passendes Sortiment – und ab November ein umfangreiches Angebot auf einer großen, eigens dekorierten Verkaufsfläche. Das reicht von Accessoires und Kosmetik bis zu aufwändigen, hochwertigen Kostümen. „Wir haben auch einen schicken Piratenmantel für über 100 Euro“, sagt Ishak. Pirat und Piratin sei im Übrigen ein Dauerbrenner, ebenso wie Engel und Teufel. Beliebt seien zudem bunte Kostüme und Glitzerjacken ohne konkretes Thema, Hauptsache schrill. Das Einzugsgebiet ist groß. „Viele Karnevalsgruppen kennen Meinhardt“, berichtet die Geschäftsführerin, „die Leute kommen aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern zu uns.“
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine erfolgreiche Session 2026!
Kontakt
Meike Bauermann (Simmern)
Regionalberaterin (Regionalgeschäftsstelle Rhein-Hunsrück)
Fabian Göttlich
Geschäftsführer Interessenvertretung und Regionalgeschäftsstelle Stadt Koblenz
Christina Schwardt
Geschäftsführerin Regionalgeschäftsstelle Birkenfeld