Regionale Wertschöpfung durch Energie- und Wirtschaftstransformation
Wie kann die Energiewende zum Motor für wirtschaftliche Entwicklung, Innovation und Beschäftigung im Nordwesten werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Studie „Wirtschaft.Wandel.Energie. - Wertschöpfung durch die Transformation zwischen Ems und Elbe“ (kurz WWE-Studie).
Nun wurde ein wichtiger Meilenstein erreicht: Die erste Studienphase ist abgeschlossen. Erstmals wurden die energetischen, wirtschaftlichen und räumlichen Potenziale der Regionen Weser-Ems und Lüneburg systematisch erfasst und analysiert. Die Ergebnisse schaffen eine gemeinsame und belastbare Datengrundlage für die weitere Entwicklung der Region und machen sichtbar, welche Chancen sich aus der Energietransformation ergeben können. Getragen wird die Studie von einer breiten Allianz aus Industrie- und Handelskammern, Energieverbänden, Forschungseinrichtungen und Wasserstoffnetzwerken. Gemeinsam verfolgen die Partner das Ziel, die Energiewende nicht nur als energiepolitische Herausforderung, sondern auch als wirtschaftliche Chance für die Region zu betrachten. Erarbeitet wurde die Studie von der Nefino GmbH.
Ausgangslage: Eine starke Energie- und Infrastrukturregion
Der Nordwesten Deutschlands gehört schon heute zu den wichtigsten Erzeugungsregionen für Windenergie – sowohl onshore als auch offshore. Gleichzeitig zählt die Region bundesweit zu den Standorten mit der höchsten installierten Leistung von Biogasanlagen. Als Flächenland ist Niedersachsen durch eine eher disperse Wirtschaftsstruktur geprägt: Industrielle Schwerpunkte in den Hafenstädten sowie entlang der Chemie- und Energieachsen treffen auf eine mittelständisch und agrarisch geprägte Raumstruktur. Doch die Stärke der untersuchten Region endet nicht bei der Energieerzeugung. Offshore-Netzverknüpfungspunkte, ein engmaschiges Hoch- und Höchstspannungsnetz sowie bedeutende Kavernenspeicherpotenziale für Wasserstoff machen die Region auch infrastrukturell zu einem zentralen Baustein der Energiewende. Redispatch-Maßnahmen in den Jahren 2021 bis 2026 zeigen zudem einen strukturellen regionalen Stromüberschuss, insbesondere im Nordwesten. Gleichzeitig ist die Region mit bereits geplanten großskaligen Elektrolysekapazitäten und einer starken Anbindung an das Wasserstoff-Kernnetz hervorragend für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft aufgestellt. Ergänzt wird diese Ausgangslage durch eine leistungsfähige Logistikinfrastruktur: Große Seehäfen, Binnenhäfen, Güterverkehrszentren, KV-Terminals sowie ein dichtes Straßen- und Schienennetz schaffen die Voraussetzungen für überregionale Wertschöpfungsketten und die Anbindung an nationale wie internationale Märkte.
Im Wandel: Der Ausbau läuft
Die Region befindet sich in einer Phase des beschleunigten Infrastrukturausbaus. Die Wasserstoffspeicherinfrastruktur wächst: Erste Standorte im Testbetrieb werden in den kommenden Jahren in den kommerziellen Betrieb übergehen, weitere Projekte befinden sich in Planung oder Genehmigung. Auch das Wasserstoff-Kernnetz wird bis 2033 deutlich verdichtet. Entlang dieses Netzes sind mehrere Großelektrolyse-Projekte in konkreter Planung. Parallel gewinnt die Batteriespeicherinfrastruktur an Bedeutung. Eine zunehmende Zahl von BESS-Projekten schafft die Flexibilität, die für die Integration der wachsenden Einspeisung aus Wind- und Solarenergie notwendig ist. Dadurch werden Strom-, Speicher- und künftig auch Wasserstoffinfrastruktur räumlich immer stärker miteinander verknüpft. Auch auf der Flächenseite gibt es Bewegung: Viele Planungsregionen im Untersuchungsraum überarbeiten derzeit ihre Regionalen Raumordnungsprogramme für die Windenergie. Die laufenden Verfahren werden voraussichtlich erhebliche zusätzliche Flächen ausweisen und damit die Grundlage für einen weiteren Ausbau der Erzeugungskapazitäten bis 2033 und darüber hinaus legen.
Potenziale: Wertschöpfung von morgen
Die Windpotenzialanalyse der Studie zeigt, dass im Untersuchungsraum erhebliche Flächenpotenziale für den weiteren Ausbau der Onshore-Windenergie bestehen – sowohl auf bislang ungenutzten Flächen als auch durch das Repowering bestehender Anlagen. Ein großer Teil der heute betriebenen Windenergieanlagen ist voraussichtlich repoweringfähig. Dadurch kann die Leistung deutlich gesteigert werden, ohne zusätzliche Flächen in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus bestehen Potenziale für Freiflächen-Photovoltaik, insbesondere entlang des EEG-Korridors an Autobahnen und Schienenwegen. Das strategisch besonders relevante Potenzial der Region liegt jedoch im grünen Wasserstoff. Im Nordwesten des Untersuchungsraums schaffen die Kombination aus Offshore-Einspeisung, dichter Kernnetzanbindung sowie Hafen- und Industrienähe sehr gute Voraussetzungen für eine großskalige Elektrolyse. Im ArL-Amtsbezirk Lüneburg zeigt sich ein anderes, aber ebenso schlüssiges Entwicklungsbild: Dort schreitet der Windausbau schneller voran als der Netzausbau, sodass strukturelle Stromüberschüsse zu erwarten sind. Daraus ergeben sich Chancen für dezentrale Elektrolyse. Sie ist nicht auf einzelne Standorte beschränkt, sondern kann überall dort wirtschaftlich tragfähig sein, wo Stromverfügbarkeit, Wasserversorgung und lokale Nachfrage zusammenkommen. Zudem kann die Tiefengeothermie in den kommenden Jahren ein erhebliches Potenzial entfalten. Insbesondere in der Region um Celle bestehen aufgrund des ausgeprägten technischen Know-hows im Bereich der Bohrtechnik sehr gute Voraussetzungen für die Erschließung dieser Energiequelle. Darüber hinaus sind die geologischen Bedingungen in der gesamten norddeutschen Tiefebene bzw. im Untersuchungsraum grundsätzlich günstig für die Nutzung der Tiefengeothermie, sodass sich hier langfristig erhebliche Ausbauperspektiven ergeben können.
Erstes Fazit
Die WWE-Studie zeigt: Die Regionen Weser-Ems und Lüneburg verfügen über hervorragende Voraussetzungen, um zu einer zentralen Transformationsregion für erneuerbare Energien, Wasserstoff und klimaneutrale Wertschöpfung zu werden. Bereits heute bestehen starke Kompetenzen bei Windenergie, Biogas, Netzinfrastruktur, Speicherlösungen und Logistik. Der weitere Ausbau von Wind, Speichern, Elektrolyse und Wasserstoffnetzen eröffnet erhebliche wirtschaftliche Potenziale – für Industrie, Mittelstand, Häfen, Energieversorgung und regionale Entwicklung.
Wie geht es weiter?
Die nun vorliegenden Ergebnisse bilden die Grundlage für die weiteren Projektphasen II-IV. In Phase II wird untersucht, welche regionalen Wertschöpfungs-, Beschäftigungs- und Entwicklungspotenziale sich aus unterschiedlichen Transformationspfaden ergeben können. Daraus sollen dann ferner in Phase III konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung, Wirtschaft und weitere Akteure abgeleitet werden. Denn eines wird bereits jetzt deutlich: Der Norden verfügt über erhebliche Potenziale. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet, wie diese Potenziale strategisch genutzt werden können, um Wertschöpfung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft in der Region zu stärken.
Den Ergebnisbericht der ersten Studienphase können Sie als PDF herunterladen. Über den weiteren Verlauf der Studie und ihrer Phasen halten wir Sie auf dem Laufenden.
