Gründungen und Geschichten

Jede Menge coole Geschäftsideen und spannende Produktentwicklungen: In der neuen Serie präsentiert die UW-Redaktion die bunte Wirtschaftswelt im IHKLW-Bezirk.

DSGVO: Eine Software kümmert sich

Sie kostet Zeit und Geld, und vor allem für kleine Betriebe ist sie etwas, das schnell zu Überforderung führt: die Datenschutz-Grundverordnung, kurz DSGVO. Seit Mai 2018 müssen sich alle Betriebe an die DSGVO halten. „Gerade für die Kleinen ist das eine echte Last“, sagt Svenja Hohnstock. „Ich will, dass sie es so leicht wie möglich haben.“ Die Unternehmerin hatte sich schon früher viel mit Datenschutz beschäftigt, doch die DSGVO gab ihr Anlass für eine Neugründung (Hohnstock GmbH): Die Wolfsburgerin bildete sich umfassend fort und ließ sich als externe Datenschutzbeauftragte zertifizieren. Und seit drei Jahren fokussiert die gelernte Marketingkauffrau ihr Geschäft auf die digitale Datenschutzassistentin: eine Software, die für kleine Firmen das Thema DSGVO übernimmt.
Nach dem Ausfüllen von Fragebögen zum eigenen Betrieb erstellt die Software automatisch die vorgeschriebenen Dokumente wie etwa die Verzeichnisse für Verarbeitungstätigkeiten, die Technischen und organisatorischen Maßnahmen (kurz TOMs) sowie die Datenschutzerklärung. „Sie kann sogar die jährliche Schulung des Teams übernehmen“, sagt Hohnstock. Die intelligente Assistentin merkt auch, wenn ein Betrieb bestimmte Vorgaben der DSGVO nicht erfüllt. „Der Fragenkatalog dient auch als Bestandsaufnahme und Kontrolle. Das ist eine echte Arbeitserleichterung.“
Was ihr die Unternehmens-Gründung immens erleichtert hat, war das geringe notwendige Startkapital. „Ich musste keinen Kredit aufnehmen, das hat die Entscheidung sehr vereinfacht.“ Wirklich schwierig für die Akquise und das Geschäft insgesamt seien die Jahre der Corona-Pandemie gewesen. Umso mehr freute sich Hohnstock, dass sie ihre Mitarbeiterin halten konnte und voriges Jahr sogar den sogenannten Wachstumsstark-Award des Portals Gruender.de gewann. „Mittelfristig habe ich vor, den Vertrieb für diese Software weiter auszubauen“, sagt die 46-Jährige. „Gern auch über unsere Region hinaus. Das Thema betrifft schließlich Betriebe in ganz Deutschland.“

„Einfach war das alles nicht“

Als Philipp J. F. Nerbe seinem Vater das Unternehmen abkaufte, lagen keine einfachen Jahre hinter den beiden. Nachdem Philipp Nerbe im Alter von 24 Jahren in die Firma eingestiegen war, hatten Vater und Sohn zwar einen guten Start, erzählt der heute 50-Jährige. „Aber irgendwann waren wir an einem Punkt, an dem unsere Auffassungen über die Zukunft des Betriebs und die moderne Arbeitswelt nicht mehr zusammenpassten.“
1976 von Jürgen F. Nerbe gegründet, entwickelt, produziert und vertreibt die Nerbe plus GmbH & Co. KG in Winsen/Luhe labortechnische Einmalartikel aus Kunststoff. Das Geschäft lief gut, doch die Konflikte der Generationen ließen sich nicht lösen. Mehr als drei Jahre brauchte es, bis Vater und Sohn aus dem Dilemma fanden: Philipp J. F. Nerbe kaufte Jürgen F. Nerbe den Betrieb ab – zu Konditionen wie ein Externer. „Ich bin das Risiko bewusst eingegangen und fand glücklicherweise Partner, die den Kauf finanzierten“, sagt der Unternehmer. „Einfach war das alles aber nicht.“ Ein halbes Jahr später wagte der frisch gebackene Eigentümer eine weitere Großinvestition: Er kaufte ein Grundstück nahe der Autobahn und baute neu – inklusive Ruheraum und Eltern-Kind-Büro. „Eben alles, was zu einer modernen Arbeitswelt gehört“, so Nerbe.
Als kurz nach Einzug die Corona-Pandemie begann, bewies die Firma Flexibilität: Die Technik machte Remote-Arbeit sofort möglich, in der Herstellung wurden die Schichten umgeplant. Außerdem fuhr Nerbe sehr schnell die Produktion von Artikeln hoch, von denen er annahm, dass sie verstärkt nachgefragt würden. „Damals hatten wir noch keine entsprechenden Aufträge. Auch das war nicht einfach, da wir nach Kauf und Neubau nicht unbedingt stark in der Liquidität waren.“ Aber es war richtig, zwischenzeitlich musste das Unternehmen etliche Anfragen ablehnen. Von 30 Mitarbeitenden Ende 2017 ist das Team auf 46 gewachsen, fünf kommen bald hinzu. Nerbe: „Ich bin ein Freund gesunden Zuwachses.“
Die Geschichte beeindruckte auch die Jury des Hamburger Gründerpreises voriges Jahr: Die Nerbe plus GmbH & Co. KG wurde zum Aufsteiger des Jahres gewählt.

Sie machen Nachrichten zum Anfassen

So aufwändig eine Recherche sein mag, so interessant ihr Ergebnis auch sei: Auf Papier hat Journalismus keine Zukunft. Da sind sich Astrid Csuraji und Dr. Jakob Vicari so sicher wie einig. Die Konsequenz der beiden Journalist*innen aus Lüneburg: Sie haben eine Firma für Dialogkom­mu­ni­kation gegründet, die tactile.news GmbH.
2019 unterstützte das Duo die Lan­deszeitung in Lüneburg bei „Wem gehört Lüneburg?“, einem Recherche-Projekt zum Thema Wohnen. Sie sorgten damals für die Kampagne zur Kampagne und stellten unter anderem ein Sofa in den Kurpark, für Zufallsgespräche mit dem Oberbürgermeister.
„Unser Ziel war damals gar nicht, ein Unternehmen zu gründen“, sagt Csuraji. „Wir wollten einfach nur besseren Journalismus ermöglichen.“ Herausgekommen ist dann doch ein Unternehmen, und zwar für die Beratung von Medienunternehmen. 2020 kamen sie auf eine neue Idee: Mit einer 50.000-Euro-Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelten die beiden mit ihrem Team eine Software, die 50 Menschen über Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Signal befragt. „Vom Pendeln bis zur Familie: Wir wollen wissen, was die Leute bewegt und was sie denken“, erklärt Vicari.
Über das Programm Elevator der Wirtschaftsförderung Lüneburg erhielten sie Coachings, stellten nach und nach ein Team aus fünf Festen und 15 Freien zusammen. Mittlerweile hat es bei den beiden klick gemacht: „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen.“ Ihre Software 100eyes nutzen inzwischen Sender und Verlage in ganz Deutschland.
Schwierig auf dem Weg sei gewesen, in keine Schublade zu passen, kein klassisches Tech-Start-up, keine typische Redaktion oder Agentur zu sein. „Aber auch ohne klare Zuordnung zu einer Branche sind wir überzeugt von dem, was wir tun”, sagt Csuraji. Jetzt wollen die beiden Gründer*innen ihre Software auch außerhalb der Medienbranche anbieten, kündigt Vicari an: „Schließlich kann es auch für den Mittelstand hilfreich sein, mehr über das Nutzungsverhalten von 50 Menschen herauszufinden, von Buchhändler*innen bis zu Molkereichef*innen. Wenn du 50 verstanden hast, weißt du auch, was 500 wollen.“ 
Carolin George

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