Ausländische Fachkräfte finden und binden

Er ist 38 Jahre alt und hat Elektrotechnik studiert. Ginge es nach der Firma Freqcon im südwestlichen Zipfel des Landkreises Heidekreis, hätte der Ingenieur schon am 1. März seinen ersten Arbeitstag gehabt. Doch so schnell geht das Ganze nicht. Denn noch lebt der Wunschkandidat in Pakistan. Da gibt es eben doch ein wenig mehr zu regeln, als wenn jemand von Paderborn nach Rethem ziehen will.
Freqcon stellt Frequenzumrichter, Energiespeicherlösungen und Regelungssysteme für erneuerbare Energieanlagen her. Das Unternehmen konstruiert und baut die Anlagen und setzt bei Forschung und Entwicklung auf die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Entsprechend viele Elektroniker und Ingenieure braucht der Betrieb. Und die kommen schon lange nicht mehr aus der Umgebung. Dass aber selbst der europäische Markt keine Fachkräfte in diesem Bereich mehr hergibt, hat selbst Recruiting-Chefin Tanja Böhme überrascht.
Von 30 Ingenieuren kommen  fünf aus dem Ausland
Mohammad Maar sitzt mit einer blonden frau, die nur von hinten zu sehen ist, an einem Besprechungstisch.
Mohammad Maaz arbeitet als Ingenieur bei der Feqcon GmbH im heidekreis. Seinen Bachelor in Elektrotechnik hat er in Pakistan erworben. © Andreas Tamme/tonwert21.de
Schon seit Jahren beschäftigt das Unternehmen Studierende aus dem Ausland. Die aktuellen Werkstudenten kommen aus Indien, Pakistan und Kamerun, gefunden über das Online-Portal Stepstone. Teammitglieder mit nichtdeutscher Herkunft sind also nichts Ungewöhnliches bei Freqcon. Von insgesamt 30 Ingenieuren kommen mittlerweile fünf aus dem Ausland: aus Indien, Pakistan, Kamerun, Israel und Nepal. Eines jedoch ist neu, berichtet Tanja Böhme: „Als wir begannen, Fachkräfte aus dem Ausland einstellen zu wollen, suchten wir noch nach Menschen mit guten Deutschkenntnissen“, erzählt die Personalverantwortliche. „Das hat sich mittlerweile geändert. Heute sind die Fachkenntnisse wichtiger.“
So hat Freqcon im Januar dieses Jahres eine Elektrotechnikerin aus Nepal und einen Elektrotechniker aus Pakistan eingestellt, die beide nur geringe Deutschkenntnisse haben. „Wir mussten einsehen, dass wir mit den Voraussetzungen, die wir uns wünschten, kein Personal finden“, bilanziert Böhme. „Wir haben uns daher weiter geöffnet.“ Intern verständigt sich das Team nun vielfach auf Englisch. Und Deutsch lernen die neuen Kolleginnen und Kollegen, wenn sie schon hier sind. Dafür organisiert die Firma individuelle Deutsch-Sprachkurse.
Welcome Center hilft  bei der Integration
Zurzeit läuft eine Social-Media-Kampagne, um Elektroniker zu finden. Wenn die nicht erfolgreich ist, will Böhme es mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesarbeitsagentur versuchen. Die Personalerin nutzt außerdem die Angebote des Welcome Centers Heidekreis: Unter dem Motto „Ankommen… bleiben“ sieht sich das Team als Anlaufstelle für Unternehmen im Landkreis Heidekreis genauso wie für Arbeitskräfte aus dem Ausland – von Auszubildenden über Anpassungsqualifizierte bis zu Fachkräften. Das Welcome Center unterstützt zum Beispiel bei der Suche nach einer Wohnung, organisiert Sprachkurse und bietet Willkommenskurse an. 
„Betriebe sollten sich bewusst sein, was bei der Rekrutierung aus dem Ausland auf sie zukommt“, sagt Projektleiter Uwe Mylius. Vi­sumserstellung, Anerkennungsverfahren: Das alles dauere teils bis zu einem halben Jahr. „Wichtig ist, in dieser Zeit den Kontakt zu halten, eine Verbindung und Vertrauen aufzubauen. Auch das Onboarding sollte gut geplant sein.“
Onboarding gut planen
Ein guter Start wäre, das neue Teammitglied am Flughafen abzuholen und erste Erledigungen vom Einkauf über Behördengänge bis zum Einrichten des Telefons gemeinsam zu machen. „Später heißt es dann, eine Work-Life-Balance zu schaffen“, sagt Mylius. „Anschluss zu finden, zum Beispiel im Sportverein oder bei gemeinsamen Veranstaltungen. Ein Thema kann auch der Familiennachzug und die entsprechende Unterstützung dabei sein.“
Das Welcome Center ist ein Projekt der Allianz für Fachkräfte Nordostniedersachsen, die unsere IHKLW im Jahr 2014 initiiert hat. Hintergrund ist der Fachkräftemangel in Nordostniedersachsen: Von 2016 bis 2020 haben sich die durchschnittlichen Vakanzzeiten einer Fachkraftstelle in der Region von 101 Tagen auf 124 Tage erhöht. Besonders stark gilt das für die Berufsgruppen Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Führer von Fahrzeug- und Transportgeräten, Verkauf, nichtmedizinische gesundheits und Körperpflege sowie Lebensmittelherstellung und -verarbeitung. Zunehmend knapp werden auch Fachkräfte in den Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen sowie in IT, Verkehr und Logistik.
Der stellvertretende IHKLW-Hauptgeschäftsführer Sönke Feldhusen nennt das seit April 2020 geltende Fachkräfteeinwanderungsgesetz zwar eine „echte Erleichterung“. Gleichzeitig fordert er, dass die Verfahren zügiger und die Regelungen weiter geöffnet werden. „Bislang dürfen nur Praxiskompetenzen fehlen“, erklärt Feldhusen. „Sinnvoll wäre es, diese Regelung auch auf fehlendes theoretisches Wissen zu erweitern. Denn auch dieses kann berufsbegleitend nachgeschult werden.“
Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen in täglichen Personalfragen bietet auch das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz und dem Institut der deutschen Wirtschaft e.V. Auf der Website gibt es kostenlos Informationen zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz sowie Checklisten und Handlungsempfehlungen zur Rekrutierung und Integration internationaler Fachkräfte. Außerdem zum Angebot zählen der Podcast „ Kofa auf dem Sofa – Tipps für Personaler“ sowie ein umfangreich gefüllter Kalender mit kostenlosen Online-Veranstaltungen zu allen Themen rund ums Personal und zur Rekrutierung aus dem Ausland. Ein Mitschnitt des Webinars „Internationale Fachkräfte erfolgreich finden und halten“ ist kostenlos anzusehen.
Mitarbeitende aus dem Ausland binden
Wie wichtig die Bindung der neuen Teammitglieder ist, weiß auch Tanja Böhme von Freqcon aus eigener Erfahrung. „Wir versuchen, unseren Mitarbeitenden mit ausländischen Wurzeln bei allen Fragen zur Seite zu stehen, die sich ihnen ergeben: von der Frage, wie ein Antrag auf Elterngeld funktioniert, bis zur Frage, was eigentlich Boßeln bedeutet.“ Denn auch das gehört natürlich dazu, wenn man in Norddeutschland arbeitet. 
Und der pakistanische Kollege in spe und seine Frau lernen gerade Deutsch und den Heidekreis kennen – gemeinsam mit einer Elektrotechnikerin aus Brasilien: per Online-Willkommenskurs, angeboten vom Welcome Center Heidekreis. Carolin George

In diesem Jahr rückt unsere IHKLW unter dem Credo #GemeinsamFachkräfteSichern die regionale Fachkräftesicherung in den Mittelpunkt. Als IHKLW unterstützen wir Unternehmen mit einer Reihe von Angeboten bei diesem Thema und informieren mit der Serie „Fachkräfte im Fokus“ über Maßnahmen, Möglichkeiten und Beispiele guter Praxis in der Region.