Die Energie der Zukunft

Wirtschaftskraft und Energie: Wasserstoff kann besonders in strukturschwachen Regionen wie Nordostniedersachsen für neuen Auftrieb sorgen. Ein Blick auf Projekte im IHKLW-Bezirk.
Er kann regenerativen Strom speichern und die Kohle bei der Stahlproduktion ersetzen. Er kann Autos, Schiffe und Flugzeuge antreiben, und das ohne jeden Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid: Im Wasserstoff steckt Musik, und das nicht nur für die Energiewende, sondern auch für die Wirtschaftskraft. Die zukünftigen Technologien versprechen die Ansiedlung neuer Betriebe, die Schaffung neuer Geschäftsfelder und die Einwerbung von Fördermitteln. Besonders in strukturschwachen Regionen wie Nordostniedersachsen kann Wasserstoff für neuen Auftrieb sorgen.
Wie das gelingen kann, zeigen verschiedene Projekte in unserem IHKLW-Bezirk und seiner Umgebung, vom  Wasserstoffnetzwerk in Nordostniedersachsen über eine  Machbarkeitsstudie im Heidekreis bis zur Bewerbung um ein nationales Großprojekt in Braunschweig-Salzgitter. Und es gibt bereits ganz konkrete Entwicklungen, die schon bald zum Anfassen sein werden.
Schubboot Electra fährt mit Wasserstoff
Eine davon liegt derzeit noch auf einer Werft im sachsen-anhaltinischen Derben an der Elbe. Sie heißt „Elektra“ und soll im Sommer auf ihre ersten Probefahrten gehen. Das E-Schubboot verkörpert die Hoffnung auf einen emissionsfreien Transport von Waren und Gütern auf dem Elbe-Seitenkanal und soll mit Wasserstoff-Brennzellen betrieben werden.
Doch was nützen Schiffe und Autos, ja sogar Flugzeuge, die Wasserstoff anstelle von Diesel und Kerosin brauchen, wenn sie nirgendwo tanken können? „Reichlich wenig“, sagt Lars Strehse. Er ist Geschäftsführer der  Hafen Lüneburg GmbH und plant zurzeit nicht nur Schnellladestationen für E-Pkw und E-Lkw, sondern auch die Organisation der Betankung von Binnenschiffen, Fahrgastschiffen, Arbeitspontons und Sportbooten mit Wasserstoff: eine Tankstelle für Wasserstoff.
Genauer gesagt grünen Wasserstoff. Das ist Wasserstoff, der emissionsfrei hergestellt wird, weil er durch Elektrolyse von Wasser entsteht und für den Prozess ausschließlich Strom aus erneuerbaren Quellen benutzt wird. Die Zielsetzung von Hafen GmbH, Hansestadt und Landkreis Lüneburg sei es, Unternehmen für ein Engagement vor Ort zu begeistern, so Strehse: „Damit Wasserstoff direkt vor Ort produziert wird, mit Strom aus der Region aus regenerativen Energien.“
Die Hafen Lüneburg GmbH arbeitet in dieser Sache eng mit der  Berliner Hafen- und Lagerhaus GmbH, der  Technischen Universität Berlin und der  Avacon Netz AG zusammen, „Elektra“ wird im Berliner Westhafen ihren Liegeplatz haben und ab 2022 von der Hauptstadt nach Hamburg pendeln und zurück. In Lüneburg soll sie nicht nur Güter löschen und laden, sondern auch Strom und Wasserstoff tanken können.
Zero-Emission-Transportkette wird angestrebt
„Unsere Vision ist eine Zero-Emission-Transportkette auf der Wasserstraße zwischen Hamburg und Berlin“, sagt Strehse. „Lüneburg ist mit seiner Lage auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin ideal geeignet als Ladepunkt für Strom und Wasserstoff.“ Ziel sei langfristig, mehr Güterverkehre auf Binnenwasserstraßen zu verlagern. „Der zukünftige Einsatz von Schuten bieten die Chance zum Aufbauen völlig neuer Logistikkonzepte für die Region.“
Strom und Wasserstoff: Der Lüneburger Hafen soll ein Ladepunkt sein auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Ein Unternehmen aus der Zukunftsbranche hat bereits angekündigt, sich in der Stadt ansiedeln zu wollen: die  Hypion GmbH aus Heide in Schleswig-Holstein, die Lösungen im Bereich der gesamten H2-Wertschöpfungskette anbietet. Interessant für eine Investition ist für die GmbH die trimodale Anbindung in Lüneburg: Straße, Schiene, Schiff. Aber auch mit anderen Unternehmen stehe man in Kontakt, so Strehse. „Fest steht: Die Elektra benötigt demnächst Wasserstoff. Am besten aus regionaler Produktion. Aus Lüneburg.“
Intensive Forschung rund um Wasserstofftechnologie
Um Mobilität geht es auch bei einem weiteren Schwergewicht in Sachen Wasserstoff-Konzepte für Niedersachsen: Der Standort Braunschweig-Salzgitter rund um das  Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik ist einer von insgesamt 15 Bewerbern für ein neues  Technologie- und Innovationszentrum Wasserstofftechnologie für Mobilitätsanwendungen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur.
Ziel ist ein starkes Netzwerk aus Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Start-ups mit Think Tank, Entwicklungszentrum und Praxiscampus. Wer den Wettbewerb gewinnt, wird frühestens im Herbst feststehen.
Wie regionale Wertschöpfungsketten im Bereich der Wasserstofftechnologie gestärkt werden können, will die  Wirtschaftsförderung Deltaland in Bad Fallingbostel herausfinden. Mit Mitteln aus der Leader-Förderung hat die GmbH für die Vogelpark-Region rund um Walsrode und Bad Fallingbostel eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. „Die Vogelparkregion soll Keimzelle für die Umsetzung konkreter Projekte werden“, sagt Deltaland-Geschäftsführer Michael Krohn: „Die Studie soll dabei helfen. Aufgrund der zentralen Lage an den Autobahnen und der Bedeutung in der Region, soll ein Fokus auf der Intra- und Extralogistik liegen. Die regionalen Logistikunternehmen bekommen dabei die Chance, frühzeitig die Weichen für eine Anpassung der eingesetzten Antriebsformen zu stellen und damit langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Ziel ist unter anderem, Arbeitsplätze in der Biogas- und Windbranche auch über das EEG-Zeitalter zu sichern, außerdem können regionale Logistikunternehmen frühzeitig die Weichen für Veränderungen stellen: Indem sie auf Wasserstoff als Antrieb setzen, Kohlendioxid vermeiden und damit langfristig wettbewerbsfähig bleiben.
Wertschöpfungsketten greifen ineinander
Da es an vielen Stellen im Bereich Wasserstoff noch um die Forschung geht, ist es für regionale Unternehmen jetzt an der Zeit, sich zu vernetzen, rät Tobias Siewert, Berater für Infrastruktur und Digitalisierungspolitik bei unserer IHKLW. „Gerade bei uns im Bezirk geht es darum, dass Wertschöpfungsketten im Bereich der Mobilität ineinandergreifen.“
Möglich macht das unter anderem das Wasserstoffnetzwerk Nordostniedersachsen, in dem sich auch unsere IHKLW engagiert. Das  Transferzentrum Elbe-Weser in Stade bringt Betriebe zusammen. Ziel des Netzwerks ist, mittelfristig ausschließlich grünen Wasserstoff einzusetzen. Mehr als 50 Unternehmen aus der Region sind bereits dabei, der Kreis ist offen für weitere:  www.h2non.de.
Carolin George
Grüner Wasserstoff
Geht es um Wasserstoff als Hoffnungsträger für die Energiewende, ist damit der sogenannte grüne Wasserstoff gemeint. Er wird per Elektrolyse aus Wasser hergestellt: H2O wird unter Strom gesetzt, dabei entstehen Wasserstoff und Sauerstoff. Wird der Wasserstoff in einer Brennstoffzelle wieder mit Sauerstoff zusammengeführt, entsteht Energie. Der benötigte Strom stammt aus erneuerbaren Energien. Daher ist dieser Wasserstoff emissionsfrei und „grün“. Sogenannter „grauer“ Wasserstoff entsteht aus fossilen Brennstoffen, indem Erdgas in Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid (CO2) umgewandelt wird. Das klimaschädliche Gas wird anschließend in die Atmosphäre abgegeben. Wird das CO2 nach der Produktion gespeichert, wird der so entstandene Wasserstoff als „blau“ bezeichnet. Wird Wasserstoff aus der thermischen Spaltung von Methan produziert, entsteht dabei CO2 als fester Kohlenstoff. Wird jener dauerhaft gebunden und der Reaktor aus regenerativen Energien gespeist, ist auch dieses Verfahren CO2-neutral und wird als „türkis“ bezeichnet. 

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