Unsere Wirtschaft
Nr. 7191316
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Luftaufnahme: Blick von oben auf die Waldklinik Jesteburg.

Vom Rüsselkäfer zur Klinik

Schwarz-weiß und an den Ecken leicht zerknittert – eine Aufnahme aus einer anderen Zeit. Darauf festgehalten sind Paare im Sonntagsstaat. Die gute Kleidung hat sie nicht davon abgehalten, den Sandweg zur „Waldschenke Rüsselkäfer“ einzuschlagen, welche im Hintergrund zu erkennen ist. Hunderte Aufnahmen haben Hans-Heinrich und Nils Aldag zusammengetragen für den 100. Geburtstag der Waldklinik, die das Vater-Sohn-Gespann gemeinsam leitet. Sie haben alte Familienalben durchforstet genauso wie das Archiv der Gemeinde Jesteburg, um pünktlich zur Jubiläumsfeier eine Chronik in den Händen halten zu können.
Es war Hans-Heinrich Aldag ein Bedürfnis, eine Erfolgsgeschichte festzuhalten, die vier Generationen einschließt. Auf 200 Seiten werden die „Lebenslinien“ der Aldag-Familie sowie die Geschichte der heutigen Klinik nachgezeichnet. Dazu gehört auch die Erklärung dafür, warum die Waldklinik Jesteburg – mit 500 Mitarbeitenden einer der größten Arbeitgeber im Landkreis Harburg – von vielen im Ort stoisch „Rüsselkäfer“ genannt wird. „Nachdem 1911 der Klecker Wald und Heideflächen abgebrannt waren, baute ein Trupp Arbeiter an der Stelle des heutigen Haupteingangs einen Unterstand auf. Nach einer Weile kam der Rüsselkäfer und putzte einen Großteil der frisch aufgeforsteten Bäume wieder weg“, erzählt der 68-Jährige. Nach der Schädlingsplage sei in der Holzhütte die „Waldschenke zum Rüsselkäfer“ eröffnet worden. Sein Urgroßvater, Gastronom Wilhelm Buhr, habe später das Stück Land inklusive Hütte und Heideflächen erworben, um es dann 1926 seiner Tochter zur Hochzeit zu schenken. „Noch im selben Jahr haben meine Großeltern eine Waldgaststätte gebaut, die sie ,Zum Rüsselkäfer‘ nannten.“
Und der Weg ins Gesundheitswesen? Führte 1943 über die Beschlagnahmung durch die Wehrmacht zur Einrichtung eines Lazaretts und 1948 über die Rückgabe durch die englischen Besatzer mit der Auflage, eine Lungenheilstätte zu betreiben. Eben jene Spezialisierung bestand in Teilen auch noch, als der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Hans-Heinrich Aldag sich 1987 entschied, seinen Vater bei der Leitung zu unterstützen. Ende der 80er-Jahre sei auch die Idee entstanden, eine qualifizierte Nachsorge für Schädel-Hirnverletzte anzubieten. Einen Wendepunkt habe das Jahr 1991 markiert, als die Aufnahme in den niedersächsischen Krankenhausplan und der Abschluss von Versorgungsverträgen mit den Kassen geglückt seien.
Die strategische Neuausrichtung hat sich längst ausgezahlt: Unter der Ägide des damaligen Seniors Hans-Hinnerk Aldag und seines Sohnes ist die Waldklinik nach acht großen Bauabschnitten um rund Zweidrittel gewachsen und umfassend modernisiert worden – mittlerweile gibt es 260 Betten. In der aktuellen Studie des F.A.Z.-Instituts in der Kategorie „Neurologische Frührehabilitation“ wurde das hochspezialisierte „Zentrum für Rehabilitation“ mit den Fachgebieten Neurologie, Orthopädie und Geriatrie bundesweit unter die Top 4 und zum achten Mal in Folge auf Platz 1 in Niedersachsen gewählt. „Im Grunde haben wir ein völlig neues Unternehmen aufgebaut“, so Hans-Heinrich Aldag.
Seit 2020 beinhaltet dieses „Wir“ auch Nils Aldag, der nach einem Studium der allgemeinen BWL und Gesundheitsökonomik sowie einer Station bei einem privaten Krankenhauskonzern zunächst als Führungskraft für Unternehmensentwicklung eingestiegen ist. „Ich saß schnell fest im Sattel, und man hat gespürt, dass die Mitarbeitenden Führung von uns beiden erwartet haben“, sagt der 36-Jährige, der seit vier Jahren weiterer Geschäftsführer und Gesellschafter ist. In den vergangenen Jahren habe man das Bild vom Innen- und Außenminister geprägt: Der Sohn, der den operativen Part verantwortet und strategische Prozesse anstößt. Der Vater, der unter anderem acht Jahre lang Vorsitzender der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) war und seit 2024 das Amt des Präsidenten des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken (BDPK) sowie das des Chefs des Niedersächsischen Landesverbands bekleidet. Doch die Übergänge sind längst fließend: Auch Nils Aldag ist in Gremien wie der Vollversammlung unserer IHKLW vertreten, und sein Vater verzichtet nicht darauf, die Zukunft der Klinik mitzudenken.
Das Zweierteam hat Spaß daran, Aufgaben in enger Zusammenarbeit zu bewältigen – trotz Herausforderungen durch Fachkräftemangel in der Pflege oder Gesundheitsreform. „Es ist sehr befriedigend, so etwas Sinnstiftendes zu tun“, sagt Nils Aldag. „Wir haben es tagtäglich mit Menschen zu tun und die Dienstleistung, die wir bieten, ist etwas, das sich jeder wünscht: Gesundheit.“ Sein Vater ergänzt, was er abseits aller fachlichen Exzellenz als das eigentliche Erfolgsrezept sieht: „Es geht viel auch um das Nicht-Medizinische, nämlich eben genau darum, dass wir eine familiengeführte Einrichtung sind.“ Wie man selbst arbeite das gesamte Team daran, dass die Patienten sich wohlfühlten. „Nicht zuletzt, weil wir unsere Wurzeln wertschätzen und verinnerlicht haben, was es bedeutet, Gastgeber zu sein.“ Alexandra Maschewski