75 Jahre am Puls der Pharmazie
Die Bispinger Löns-Apotheke kann in diesem Januar ihren 75. Geburtstag feiern. Felix Vogel ist Inhaber des Traditionsbetriebes, der immer mit der Zeit gegangen ist.
Es ist tatsächlich das allererste Mal, dass Felix Vogel das schwere Messinggefäß vom Regal nimmt. „Zum Tage der Eröffnung 4. Januar 1951“ ist auf dem metallenen Mörser zu lesen, in dem auch noch ein Pistill steckt – das klassische Werkzeug, mit dem Apotheker früher Drogen zerstoßen haben. „Ich gehe davon aus, dass das Präsent schon seit Jahrzehnten dort oben steht“, sagt der 32-jährige Inhaber der Bispinger Löns-Apotheke, die in diesem Januar auf ein Dreiviertel Jahrhundert Geschichte zurückblicken kann.
„Zum Tage der Eröffnung 4. Januar 1951“ ist auf dem metallenen Mörser zu lesen, in dem auch noch ein Pistill steckt – das klassische Werkzeug, mit dem Apotheker früher Drogen zerstoßen haben.
Der Hermannsburger selbst ist erst seit dreieinhalb Jahren am Ruder. Zu seinem 15-köpfigen Team gehören allerdings Menschen, die bereits diverse runde Betriebsjubiläen feiern konnten. „Eine Mitarbeiterin hat vor 56 Jahren schon ihre Ausbildung zur pharmazeutisch-kaufmännischen Assistentin in diesem Haus absolviert“, erzählt Felix Vogel. Eveline Stegen sei dem Betrieb noch immer eng verbunden und dies gleich in doppelter Hinsicht: „Sie wohnt über der Apotheke. Und sie liefert nicht nur Medikamente aus, sondern bügelt sogar die Kittel der Belegschaft.“
Es war durchaus auch die menschliche Komponente, die den studierten Wirtschaftswissenschaftler und Pharmazeuten in die Lüneburger Heide geführt hat, als er nach einem geeigneten Betrieb suchte. 17 Jahre habe seine Vorgängerin die Traditionsapotheke geleitet, davor sei diese stolze 35 Jahre von einer anderen Inhaberin geleitet worden. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ habe er nach seinem Eintritt trotzdem nicht vom eingeschworenen Team zu hören bekommen. „Die Maßnahmen, die ich angestoßen habe, sind auf viel Wohlwollen gestoßen.“
Weil die Löns-Apotheke fortwährend modernisiert worden und bei der Übernahme auch technisch auf einem sehr guten Stand gewesen sei, gebe es auch keine weiteren „Relikte“ aus der Anfangsphase mehr. Keinen altehrwürdigen Holzschrank mit unzähligen Schubfächern, keine historischen Fotos an den Wänden. Einzig ein sorgsam verwahrter Zeitungsartikel anlässlich des 50. Geburtstags erzählt ein wenig von der Geschichte der Apotheke, die heute die einzige im Ort ist. Vor 75 Jahren in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Bäckerei und Konditorei eröffnet, befindet sich der Betrieb seit 1961 an seinen heutigen Standort an der Hauptstraße 5. „Die zentrale Lage ist immer noch von Vorteil“, sagt Felix Vogel, der sich aufrichtig über die vielen StammkundInnen aus dem Ort freut. „Ich komme selbst vom Land und mag den persönlichen Austausch. Außerdem haben wir einen guten Kontakt zu den Ärzten.“
Diesen Austausch hätte der 32-Jährige eigentlich auch in seinem Heimatort Hermannsburg haben können, wo sein Vater – wie schon die Großeltern – ebenfalls ein Apotheke leitet. „Als Kind habe ich Etiketten zugeschnitten und Bonbons aufgefüllt, später dann die Kundenzeitung meines Vaters ausgeteilt“, erzählt Felix Vogel, dessen Elternhaus sich direkt hinter dem Betrieb befand. Zu den weniger schönen Erinnerungen gehören die Momente, in denen kleinere Blessuren fachkundig mit Wasserstoffperoxid „blubbernd desinfiziert“ worden seien. Warum er sich für die Löns-Apotheke und damit für den eigenen Betrieb entschieden habe? „Ich wollte wirklich eigenständig sein und bin froh, diesen Weg gegangen zu sein“, sagt Vogel, dessen Ehefrau wiederum im väterlichen Betrieb arbeitet. Er ergänzt mit einem Schmunzeln: „Auch meine Schwester leitet ihre eigene Apotheke.“
Sein persönliches Reich liegt direkt am Heidschnuckenwanderweg, weshalb in den wärmeren Monaten nicht wenige Pflaster über den Tresen gereicht werden. Seit seinem Start neu im Sortiment – und auch im Online-Shop – ist die hauseigene Kosmetiklinie, deren Etikett ein wenig an das Lila der Heideblüten erinnert. „Mit den Produkten können sich auch die Mitarbeitenden sehr gut identifizieren“, sagt Felix Vogel. Dem Unternehmer ist sehr bewusst, dass viele der klassischen Apothekenartikel längst in die Drogeriemarkt-Ketten abgewandert sind. Und natürlich habe ihm auch die Einführung des E-Rezeptes Sorge bereitet. „Hier auf dem Land, wo wir für die unmittelbare Versorgung der Menschen zuständig sind, erscheint es jedoch weniger bedrohlich“, sagt Felix Vogel, der seit Schließung einer Apotheke im Nachbarort den Radius des eigenen Botendienstes erweitert hat.
Jene Apotheke habe ein typisches Apothekenschicksal ereilt: „Keine NachfolgerIn.“ Immer mehr KollegInnen würden lieber in den öffentlichen Dienst ausweichen, statt in ihrem eigentlichen Beruf weiterzuarbeiten. „Apotheken sind schon seit mehr als zehn Jahren unterfinanziert, weil den gestiegenen Kosten nicht mit Honorarerhöhungen begegnet wird.“ Auch den Joballtag selbst empfänden nicht wenige als stressig. „Ich selbst habe auch nach dem 101. Kunden noch Spaß bei der Arbeit“, sagt der 32-Jährige. Man nimmt ihm die Leidenschaft für seinen Beruf ab. Besonders wenn man hört, dass er nach Übernahme seiner Apotheke unter der Woche in der kleinen Notdienst-Wohnung über dem Geschäft übernachtet habe – ein ganzes halbes Jahr lang. Von Alexandra Maschewski
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Sandra Bengsch
