5 min
Lesezeit
Im Wald zu Hause
Im März feiert der „Heideförster“ sein 25-jähriges Jubiläum: Seit einem Vierteljahrhundert bietet Thomas Stelling in Oldendorf-Luhe erfolgreich Motorsägenkurse an – und lockt damit Teilnehmende weit über die Region hinaus.
Wenn man Thomas Stelling danach fragt, wie er im Jahr 2001 offiziell zum „Heideförster“ wurde, muss er ganz schön weit ausholen. Dann erzählt der 61-Jährige, dessen Pseudonym deutschlandweit für Motorsägenkurse bekannt ist, zunächst einmal von der Weltreise, für die er nach seiner Ausbildung habe Geld in Lüneburg dazuverdienen wollen. „Ich schaltete eine Anzeige: ,Junger Mann sucht Job jeglicher Art.‘ Und da rief mich jemand an und fragte, ob ich schon mal Bäume gefällt hätte.“ Hatte Thomas Stelling damals noch nicht –schließlich komme er ja „vom Nordseedeich“ aus Otterndorf. „Was sollte ich da mit Bäumen?“ Wie man dieses Handwerk im Akkord erledigt, habe man ihm vor Jobantritt kurz und knapp erklärt, nur um ihn schon nach wenigen Minuten eine dicke Kiefer umlegen zu lassen. „Die Arbeit im Wald hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich später beschloss, in Göttingen ein Forststudium zu beginnen.“
Heideförster Thomas Stelling
Vom Nordseedeich in den Forst
Dieses erste Kapitel endete mit Studienabschluss 1995, und man muss Thomas Stelling ein bisschen kennen, um zu verstehen, dass ausführlicher von seinem Werdegang erzählen muss, wer viele Ideen hat und keine Angst, Neues auszuprobieren. Nachdem ihn das Land Niedersachsen nach seinem Start als Forstinspektor-Anwärter nicht habe übernehmen können, habe ihn das Arbeitsamt an einen „skurrilen Ökobauern“ in Amelinghausen verwiesen, dem Naturschutzarbeit mit Arbeitslosen vorschwebte. „Das war der heute sehr bekannte Bauckhof, einer der ältesten deutschen Demeter-Betriebe.“
Waldpädagogik als Steckenpferd
Eine Aufgabe, die ihn gereizt habe, schließlich sei Waldpädagogik schon immer sein Steckenpferd gewesen. „Nebenbei“ habe er noch Projekte mit Schulklassen geleitet, bevor er dann vom SOS-Kinderdorf-Hof Bockum abgeworben worden sei und – parallel – auch noch einen Waldkindergarten gegründet habe. Seit 2011 nun ist Thomas Stelling sozusagen hauptamtlich als Friedwald-Förster tätig und seit mehr als zehn Jahren als Regionalbetreuer für ganz Nord- und Nordostdeutschland zuständig.
Und der „Heideförster“ in Oldendorf-Luhe? Wurde aus der Taufe gehoben, weil vor 25 Jahren – da bot Stelling auch Kurse für mit Menschen mit Einschränkungen an – bei Arbeitsamt und Volkshochschule die Nachfrage nach Motorsägenkursen für Umschulende, Friedhofsgärtner*innen und GaLabauer*innen entstand. „Irgendwann kam der Freizeitbereich hinzu, massiv verstärkt durch einen ersten Medienbericht.“ Seither pilgern zu den regulären Kursen, von denen pro Monat drei bis fünf stattfinden, Menschen aus dem Umland, aber auch „Abenteurer*innen“ aus ganz Deutschland.
Abenteuer in der Natur
Ein Hauch von Abenteuer unter Baumwipfeln, mit Blick auf den hohen Himmel und Holzduft in der Nase. Das ist es, was die Teilnehmenden erwarten, wenn sie nach Oldendorf-Luhe kommen. Der Mediengestalter aus dem Landkreis genauso wie der Herzchirurg aus Aschaffenburg oder die Schweizer Unternehmerin. Dass der Heideförster mit dem norddeutschen Schnack jeder und jedem gleich begegnet, kann man sich bestens vorstellen. Das Du ist sowieso gesetzt. „Ich merke, dass die Leute einfach total Bock haben, wieder etwas zu spüren und zu erleben.“ Der 61-Jährige mag das Gemeinschaftsgefühl. Und er registriert mit ehrlicher Freude das soziale Netzwerk, das sich hier ganz selbstverständlich spinnt. „An der Motorsäge ist es egal, wer welche gesellschaftliche Stellung haben mag. Hier macht Professor Dr. Dr. seinen Schein mit Günni dem Klempnergesellen, und alle respektieren sich.“
Teamwork im Wald
Nach der Theorie in der Seminarscheune geht es mit den Trainern bei Wind und Wetter raus auf die Waldlichtung. Thomas Stelling hat sich ein Team von Experten zusammengestellt, das den Wald liebt und diesen nicht nur als Arbeitsplatz begreift, sondern auch als Ort, der die Sinne herausfordert. Forstwissenschaftler gehören dazu, dazu noch Baumkletterer oder Baumschnitzer. Nicht verwunderlich, dass bei so viel Naturverbundenheit auch die Themen Nachhaltigkeit und Verantwortung eine Rolle spielen. Neben den „Wildniskursen“ existieren die „Intensivkurse“, in deren Rahmen an bereits zugesägten Baumstämmen geübt wird. „Damit sind wir unabhängig von der Waldfläche, können die Kurse individuell gestalten und kommen denjenigen entgegen, die eben keinen lebendigen Baum fällen wollen.“ Einen Einblick ins dröhnende Geschehen bekommt man auf den gängigen Social Media-Kanälen – Thomas Stelling ist jemand, der mit der Zeit geht.
Wunsch nach weniger Tempo
Und so läuft es tatsächlich ziemlich gut mit den Kursen; auch mit einer großen Baumarktkette kooperiert man. Das Team könnte das Angebot eher noch ausbauen, doch der Mann hinter dem „Heideförster“ möchte es künftig eher ruhiger angehen. Die Kurse leitet Thomas Stelling nicht mehr selbst, bei der Begrüßung der Besucher*innen fehlt er nur selten. Dass der Wald in seinem Leben immer eine Rolle spielen wird, ist klar. Nicht nur in den Kursen oder in der Kolumne, die er regelmäßig in der Forstzeitschrift veröffentlicht, und in der es viel um die Lösung von Zukunftsfragen wie Waldumbau und Klimawandel geht. „Ich habe selbst ein kleines Stück Wald auf der anderen Seite von Amelinghausen, wo ich Zeit mit der Familie verbringe. Das ist für mich wie eine Tankstelle.“ Mit seinem elfjährigen Sohn macht er sich dort auf die Suche nach Naturwundern – und schafft spielerisch eine analoge Alternative zur allseits lockenden digitalen Welt. Auch mit seinen beiden erwachsenen Töchtern hat er schon vor Jahren Flächen gepflanzt, die sie eines Tages ihren Kindern zeigen können. Thomas Stelling „fühlt“ den Generationenvertrag und weiß, dass das, was er tut, eine Tragweite über sein eigenes Dasein hinaus hat. „Man macht das nicht nur für sich, sondern auch für andere.“ Das ist er wohl, der eigentliche rote Faden in seinem Lebenslauf.
Alexandra Maschewski
Kontakt
Sandra Bengsch
